Joseph Kardinal Ratzinger:Vorhang auf für Cardinale No

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"Er ist der Mann der Stunde": Papstmacher und Papstanwärter - wohl kaum ein anderer Kirchenfürst hat in Rom derzeit mehr Einfluss als der unnachgiebige deutsche Theologe.

Von Christiane Kohl

Das Amtszimmer, in dem Joseph Kardinal Ratzinger jetzt residiert, wirkt nicht gerade standesgemäß: Schlicht möbliert und schlecht beleuchtet liegt es in einem etwas versteckten Winkel des Apostolischen Palastes. Gemessen an Ratzingers angestammtem Büro im prachtvollen Palast des Heiligen Uffiziums gleich neben dem Petersplatz ist der Raum nachgerade winzig - "man kann sich wirklich nicht darin verirren", sagt einer der Mitarbeiter des Kardinals.

Kardinal Ratzinger schwenkt einen Weihrauchkessel

Unnachgiebiger "Cardinale No": Joseph Ratzinger.

(Foto: Foto: dpa)

Die Rolle, die Ratzinger in diesen Tagen spielt, ist umso bedeutender: Als Dekan des Kardinalskollegiums leitet der Gottesmann die Generalkongregation der Kirchenfürsten, jene Versammlung, die bis zur Wahl eines neuen Papstes täglich als eine Art Übergangsregierung im Vatikan zusammentreten wird.

Ratzinger als Hausherr

Kardinal Ratzinger obliegt es, alle Sitzungen zu führen, und er wird bei der Beerdigung des Papstes am kommenden Freitag auch das Requiem halten -selten war ein Deutscher so mächtig in der 2000 Jahre alten Geschichte der Heiligen Römischen Kirche.

Der Kardinal lässt sich die neue Machtfülle nicht anmerken. Doch gänzlich unangenehm scheint ihm die Rolle offensichtlich nicht zu sein. Im schwarzen, filetierten Talar, mit roter Schärpe und dem farblich dazu passenden Käppi schritt der 78-Jährige am Montagmorgen zur Sala Bologna hinauf, dem Sitzungssaal der Kongregation.

Er hielt sich leicht vornüber gebeugt, wie stets, indes setzte er seine Schritte auf dem polierten Schachbrettparkett aus schwarzem und weißem Marmor wohl doch ein wenig schwungvoller als sonst. Später sah die Szene fast wie bei einer weltlichen Kabinettssitzung aus - freilich in weit prachtvollerem Ambiente.

Da standen die Herren Kardinäle vor den mit Fresken bemalten Wänden in kleinen Grüppchen zum Smalltalk zusammen, und Ratzinger wirkte ganz wie der Hausherr. Leger ging er von einem zum anderen, grüßte hier und plauderte dort, während sein goldener Kardinalsring blitzte.

Mit sanftem Nachdruck

Die täglichen Sitzungen bilden ein kleines Fenster der Demokratie, das sich im Moment der Vakanz des Apostolischen Stuhls geöffnet hat. Rein formell besteht in der Kurie zur Zeit ein Machtvakuum, denn nach dem Tod des Papstes mussten alle Präfekten und Präsidenten der einzelnen Dikasterien zurücktreten, auch der Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, der noch am Sonntag die Messe zelebrierte.

Nur die so genannten "Substituten", die für Inneres und Äußeres zuständigen Stellvertreter Sodanos, blieben im Amt, freilich fehlt ihnen die päpstliche Führung.

Und so werden plötzlich Diskussionen geführt und Entscheidungen vom Kardinalskollegium getroffen, die der amtierende Pontifex in normalen Zeiten wie ein absolutistisch regierender Monarch exekutieren kann.

Vorhang auf für Cardinale No

Was die Kardinäle bestimmen dürfen und was nicht, ist genauestens in der 1996 von Johannes Paul II. herausgegebenen Apostolischen Konstitution "Universi Dominici Grecis" geregelt. Sie ist das Grundgesetz für die papstlose Zeit.

Joseph Kardinal Ratzinger zelebriert bei Kerzenlicht die Ostermesse

Der Kardinal beim Zelebrieren der Ostermesse im Petersdom.

(Foto: Foto: AP)

Begrenzte Freiheit

Freilich ist Demokratie im Vatikan grundsätzlich nicht vorgesehen, und so sind die Entscheidungsmöglichkeiten der Kardinäle nach der Konstitution denn auch von vornherein begrenzt. So soll die Kongregation nur jene Fragen bestimmen, "die keinen Aufschub dulden" - über die Rechte des Apostolischen Stuhls und der Römischen Kirche darf das Gremium hingegen "in keiner Weise verfügen".

Anordnungen oder Verfügungen eines Papstes dürfen ebenfalls nicht angetastet werden und falls dergleichen doch geschieht, ist in der Konstitution bereits festgelegt, dass diese Entscheidungen ungültig sind.

Ohne Zweifel zu den "unaufschiebbaren Fragen" aber gehört die Beerdigung von Johannes Paul, die Eruierung und entsprechende Regelung seines letzen Willens sowie die Organisation der Wahl des nächsten Papstes. Und damit kommt dem deutschen Kardinal Ratzinger schon im Vorfeld des Konklaves eine Schlüsselrolle zu.

Bei der ersten Zusammenkunft der Kongregation zeigte der Bayer am Montagmorgen nach Berichten von Insidern denn auch schon mit sanftem Nachdruck seine Autorität. Da nahm der beinahe schmächtig wirkende Mann selbstbewusst am Präsidiumstisch Platz und eröffnete die Sitzung mit einem Gebet.

Wenig später, so erzählen Zeugen, ließ er die aus aller Welt zusammengekommenen Kirchenfürsten einen nach dem anderen vor sich antreten. Nun musste jeder Kardinal seinen Eid auf die päpstliche Verfassung schwören, er musste geloben, die Vorschriften zu beachten und auf strikte Geheimhaltung zu achten - "so wahr mir Gott helfe und die heiligen Evangelien, die ich mit meiner Hand berühre", wie es in der Eidesformel heißt.

Hernach besprach der Vorsitzende in knappen Worten die anstehenden Fragen, wobei er unter anderem dafür sorgte, dass der Termin der Beerdigung festgelegt wurde (für Freitag 10.00 Uhr) und auch der Ort von Karol Wojtylas letzter Ruhestätte in der Grotte des Petersdoms. Die Kardinäle, die in engen Reihen in der Sala Bologna saßen, lauschten aufmerksam Ratzingers Worten.

"Mann der Stunde"

Offensichtlich schienen einige durchaus erstaunt, wie stringent und ergebnisorientiert der Deutsche die Sitzung leitete. Denn überdies hatte Ratzinger auch noch einen Ortswechsel angeordnet.

Als Empfangssaal ist die Sala Bologna, die in der dritten Loggia des Apostolischen Palastes liegt, ein schönes Ambiente. Für die jetzt anstehenden Beratungen unter den Kardinälen aber taugt sie nach Ratzingers Meinung offensichtlich nicht.

Deshalb verfügte er kurzum, dass von Dienstag an alle weiteren Beratungen in der Aula Paul VI. stattzufinden hätten, wo es zwar keine antiken Fresken an den Wänden gibt, dafür aber gepolsterte Stühle, Mikrofone und in den Armlehnen untergebrachte Schreibtableaus.

Kein Zweifel: "Kardinal Ratzinger ist der Mann der Stunde", wie sich ein Mitarbeiter des Kardinalstaatssekretariats ausdrückt.

Vorhang auf für Cardinale No

Kardinal Joseph Ratzinger mit Gebirgsschützen, dpa

Unter Bayern: Kardinal Joseph Ratzinger mit Gebirgsschützen aus Benediktbeuern während eines Besuches in München im Jahre 1997

(Foto: Foto: dpa)

Wohl kaum ein anderer Geistlicher in der Welt dürfte mehr Einfluss haben auf die Papstwahl als der Deutsche.

Als Präfekt der Glaubenskongregation, der er 23 Jahre lang war, hat er sich seit langem großes Ansehen unter den Kardinälen erworben. Seitdem er 2002 zum Kardinalsdekan aufstieg, wuchs sein Einfluss noch. "Die Kirche darf sich nicht mit dem Zeitgeist liieren", war stets sein Credo gewesen.

Damit hatte er sich in der Kurie und vor allem auch in Deutschland nicht immer Freunde gemacht. Mittlerweile jedoch hat die "glasklare Linie" Ratzingers, wie sich ein Kirchenmann ausdrückt, mehr Sympathisanten gefunden - und der Kirchenfürst selbst scheint milder geworden zu sein.

"Nicht alle Meldungen, die aus Rom kommen, werden angenehm sein" - mit diesen Worten hatte sich der Professor für Theologie und Erzbischof von München und Freising einst verabschiedet, als er 1982 von Johannes Paul II. als oberster Glaubenswächter nach Rom berufen wurde.

Die Ankündigung löste Ratzinger spielend ein: Er legte sich mit den Befreiungstheologen an, blockierte Frauen den Zugang zum Priesteramt und führte einen regelrechten Krieg gegen die katholische Schwangerenkonflikt-Beratung. Seine Unnachgiebigkeit brachte dem Bayern viele Feindschaften in Deutschland ein, und auch die Italiener nannten ihn "Cardinale No".

Unterdessen wurde der streitbare Theologe jedoch immer häufiger auch auf weltliche Podien gerufen, wo der brillante Diskutant stets eine blendende Figur machte.

Und so kennt man ihn längst in aller Welt, die Washington Post erklärte ihn jetzt zum Typ Nummer Eins in der Papstnachfolge, und auch bei der Mailänder Zeitung Corriere della Sera rangiert der Deutsche vor allen anderen auf dem ersten Rang der "Papabili", wie die Papstanwärter in Italien genannt werden.

Und so ist zum ersten Mal seit vielen hundert Jahren ein Deutscher nicht nur als einflussreicher Papstmacher im Gespräch, sondern auch als möglicher Papstnachfolger. Ein Pontifex aus dem Lande des Kirchenrevoluzzers Martin Luther?

Noch vor kurzem wäre das wohl undenkbar gewesen. Doch der Bayer ist schon so lange in Rom, dass er mittlerweile kaum noch als Deutscher betrachtet wird - auch wenn er zu seinen Geburtstagen gern die Gebirgsjägerfreunde in ihren Krachledernen anmarschieren lässt.

Überdies gilt Ratzinger als einer, der den Vatikan in all seinen Verwinkelungen kennt, und "er weiß, was in den päpstlichen Dokumenten steht", meint ein Vatikanmitarbeiter: "Schließlich hat er die meisten ja selbst geschrieben".

Die richtige Altersklasse

Nach dem langen Pontifikat von Wojtyla, wird jetzt ein Mann gesucht, der möglichst nur fünf bis sechs Jahre amtiert - da liegt Ratzinger mit seinen 78 Jahren genau in der richtigen Altersklasse.

Doch in dieser Zeit sollte der neue Pontifex gewillt sein, wichtige innerkirchliche Reformen anzupacken. Ratzinger setzt sich seit einiger Zeit für mehr Dezentralismus in der katholischen Kirche ein, Aufsehen erregten vor zwei Wochen auch seine Karfreitags-Meditationen, in denen er strengstens mit sündigen Glaubensbrüdern ins Gericht ging.

Und auch bei den Gläubigen ist der Bayer immer beliebter geworden. Als er Sonntagmittag aus der Porta Sant'Anna trat, dem Eingang zu den meisten Vatikanbüros, wollten ihm Passanten gar den Kardinalsring küssen - ganz unangenehm schien es dem Gottesmann nicht.

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