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Jordanien:Umsturzversuch im Reich der Ruhe

Bei seiner Hochzeit 2012 war Hamza bin Hussein noch gut Freund mit seinem Halbruder, König Abdullah (rechts) - nun soll er einen Putsch geplant haben.

(Foto: YOUSEF ALLAN/AFP)

Im notorisch ereignisarmen Jordanien ereignet sich ein Umsturzversuch - zumindest behaupten das die Sicherheitskräfte von König Abdullah. Vielleicht will dieser jedoch eher die Gelegenheit nutzen, um gegen Kritiker durchzugreifen.

Von Moritz Baumstieger, München

Langweilig zu sein, wird meistens als Malus wahrgenommen - in Einzelfällen jedoch auch als großes Plus. Für das Königreich Jordanien zum Beispiel gehörte in den vergangenen Jahrzehnten eine gewisse Ereignislosigkeit zum Markenkern: Während in den Nachbarländern Irak und Syrien Kriege tobten und Dschihadisten ein Kalifat ausriefen, während das benachbarte Saudi-Arabien von einem machthungrigen Kronprinzen auf den Kopf gestellt wurde und Israel neben dem Nahostkonflikt zuletzt auch mit fast halbjährig abgehaltenen Wahlen Schlagzeilen machte, ging in der Wüstenmonarchie scheinbar alles den gewohnten Gang.

Dass in der Hauptstadt Amman tätige Ausländer den offiziellen Staatsnamen ihres Gastlandes gerne als "Hashemite Kingdom of Boredom" - "haschemitisches Königreich der Langeweile" - verballhornen, konnte der herrschenden Familie der Haschemiten nur recht sein. Die vielen Milliarden an Wirtschafts- und Militärhilfe, die in den vergangenen Jahrzehnten aus den USA, den Golfstaaten und Europa geflossen sind, gab es ja vor allem deshalb: In einer Region, die schnell überzukochen drohte, schloss Jordanien Frieden mit Israel, war ein verschwiegener Ort, um Operationen in Syrien und im Irak zu planen, bot zuletzt auch den Fliegern der Bundeswehr eine sichere Start- und Landebahn, nachdem die politische Lage in der Türkei zunehmend schwierig wurde. An Bodenschätzen und anderen Ressourcen ist Jordanien arm - Ruhe hat es im Überfluss zu bieten.

In der Nacht zum Sonntag jedoch drangen plötzlich sich überschlagende Nachrichten aus dem Land: Sicherheitskräfte hätten einen Coup vereitelt und 20 Personen festgenommen. Unter ihnen ein ehemaliger Minister und eine hochrangige Person aus der königlichen Familie, meldete die im fernen Washington beheimatete Post zuerst. Palastintrigen und Umsturzversuche im scheinbaren Stabilitätsanker des Nahen Ostens - nicht nur Sicherheitsexperten waren plötzlich hellwach.

Als Drahtzieher gilt der einstige Kronprinz

Schnell war der ehemalige Kronprinz Hamza bin Hussein als jene royale Person ausgemacht, die der Kopf der Verschwörung gewesen sein soll. Als jüngerer Halbbruder des seit 1999 regierenden Königs Abdullah II. hatte Hamza einst durchaus Machtambitionen. 2004 wurden sie begraben: Abdullah ernannte seinen damals erst acht Jahre alten Sohn Hussein zum Thronfolger.

Der heute 41-Jährige Hamza nahm die Degradierung nach außen hin gelassen, hatte aber nichts dagegen, dass viele Untertanen gerne ihre Fantasien in seine Person hineinprojizierten: Nostalgiker erinnerte er an seinen Vater, König Hussein, der mindestens zwölf Mord- und Umsturzversuchen getrotzt hatte. Die alteingesessenen Stämme des Landes, dessen Bevölkerung zu großen Teilen aus palästinensischen Flüchtlingen besteht, sahen in ihm einen Ansprechpartner. Andere hatten das Gefühl, in seiner Gegenwart vorsichtige oder auch mal ein wenig direktere Kritik an den herrschenden Verhältnissen äußern zu können.

Zumindest behauptet das Hamza so in zwei dramatischen Videos, die am Sonntag die BBC ausgestrahlt hat. In ihnen dementiert er die Meldung der Washington Post, festgenommen worden zu sein, bestätigt aber, dass ihm diese Nähe zu Unzufriedenen seitens des Palastes zum Nachteil angelastet worden sei: Er stehe nun unter Hausarrest, werde von der Familie und Kommunikationsmitteln abgeschirmt - weshalb diese Nachrichten seine letzten sein könnten. Zum Schweigen bringen werde ihn dies alles aber nicht.

Und obwohl Hamza es weit von sich wies, in umstürzlerische Vorhaben verwickelt zu sein, gab er sich auch keine Mühe, bei seinem Halbbruder, dem König, gut Wetter zu machen - im Gegenteil. "Ich bin nicht die Person, die für den Zusammenbruch der Staatsgewalt verantwortlich ist", sagte Hamza einmal auf Arabisch, einmal in seinem geschliffenen Englisch, das er in Harvard in den USA und auf der Sandhurst-Militärakademie in Großbritannien veredelt hat. "Nicht diejenige, die Korruption und Inkompetenz zu verantworten hat, welche sich in unseren Regierungsstrukturen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren ausgebreitet hat und immer schlimmer wird." Und er sei auch nicht verantwortlich für den schwindenden Glauben des Volkes in die Institutionen.

Reformen lehnt König Abdullah ab

Dass er König Abdullah für all das verantwortlich macht, sagte Hamza nicht direkt - musste er auch nicht, schließlich regiert der Bruder zufälligerweise nun fast genau jene 20 Jahre, die der Niedergang laut Hamza schon anhält. In jenen zwei Dekaden überstand der Staat zwar einerseits die Nebeneffekte des Irakkrieges und seiner Nachwehen, schaffte es andererseits auch noch, Hunderttausende syrische Flüchtlinge aufzunehmen und zu versorgen - dennoch gärte es unter der scheinbar ruhigen Oberfläche.

Schon bei vereinzelten Demonstrationen zu Zeiten des sogenannten Arabischen Frühlings riefen manche Demonstranten Hamzas Namen. Auch in den vergangenen Jahren kam es wieder und wieder zu Protesten, weil die Unzufriedenheit vor allem mit der ökonomischen Situation immer größer wurde. Gegen die hier führende Lehrergewerkschaft, aber auch gegen Medien und andere Träger der Zivilgesellschaft ging der Staat mit zunehmender Härte vor. Ansonsten fiel König Abdullah wenig anderes ein, als sein Kabinett in immer kürzeren Abständen umbilden zu lassen. Reformen lehnte er strikt ab.

Auch jetzt will der Monarch jedem Eindruck entgegenwirken, dass ihm äußere Umstände oder gar Umstürzler das Handeln diktieren könnten: "Die Stabilität und die Sicherheit des Königreichs übersteigen alles andere in Wichtigkeit", ließ Abdullah seinen Außenminister Ayman Safadi in der Nacht zum Montag sagen, als die Regierung mit fast 24-stündiger Verzögerung endlich Stellung nahm zu den Geschehnissen. Die Gefahr eines Staatsstreiches sei "vollkommen gebannt", sagte Safadi, Angaben dazu, ob ein Coup direkt bevorgestanden habe und in letzter Minute vereitelt wurde, machte er nicht. Wohl aber, wer nach Ansicht der Regierung dahinterstand: Prinz Hamza, der Kontakt zu ausländischen Regierungen gehabt haben soll, habe sich der "Aufwiegelung und Bemühungen" schuldig gemacht, "Bürger gegen den Staat zu mobilisieren".

Wie viel an diesen Anschuldigungen dran ist, wird sich kaum unabhängig klären lassen. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Israel, die jeweils schnell mit dem angeblichen Umsturzversuch in Verbindung gebracht wurden, versicherten wie auch die USA und die Bundesregierung König Abdullah ihre Unterstützung. Und so regen sich schon erste Stimmen, nach denen der König hier eine Gelegenheit nutze, um Stärke zu demonstrieren: Zu forsch vorgebrachten Dissens wolle er nicht einmal in der königlichen Familie dulden, in der Gesellschaft erst recht nicht. Die Langeweile im Königreich soll noch lange weitergehen - zur Not durchgesetzt durch eine eiserne politische Grabesruhe.

© SZ/feko
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