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Joe Kaeser:Einmischen ist Pflicht für Manager

Siemens-Chef Kaeser

Siemens-Chef Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz

(Foto: dpa)

Siemens-Chef Joe Kaeser erhält Morddrohungen, weil er sich gegen rechts positioniert. Viele seiner Kollegen meiden die öffentliche Festlegung, aber das ist ein Fehler. Manager haben eine Vorbildfunktion.

Siemens-Chef Joe Kaeser hat per Mail eine Morddrohung bekommen. Nicht in seiner Rolle als oberster Verkäufer von Röntgengeräten und ICE-Zügen, sondern weil er seine politischen Positionen über seinen Twitter-Kanal veröffentlicht. Im Netz wird nun heftig diskutiert: Sollte er, der Chef eines großen Dax-Konzerns, überhaupt über die Kapitänin Carola Rackete, die AfD-Politikerin Alice Weidel und über Flüchtlinge schreiben? Ja, natürlich soll er das tun.

Es bleibt jedem Manager selbst überlassen, ob er sich politisch einmischt oder nicht. Es ist, wie so vieles, am Ende eine Frage der Persönlichkeit. Einigen liegt das, anderen nicht. Kaeser gehört zweifelsohne zu jenen, denen das liegt. Wer sich allerdings zurückhält, nur weil er befürchtet, deshalb weniger Geschäfte zu machen, der hat nicht verstanden, dass Manager mit ihrem Posten auch eine öffentliche Verantwortung übernehmen und damit Vorbildfunktion haben.

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Die Vorstandsvorsitzenden führen oft Tausende Mitarbeiter, an ihnen hängt nicht selten das Wohl ganzer Regionen mit vielen Arbeitsplätzen. Und spätestens wenn sie mit Kanzlerin und Wirtschaftsminister zu einem lukrativen Auslandsmarkt fliegen, geht es nicht um die Frage, wer hier eigentlich wen begleitet. Dann geht es in erster Linie darum, gemeinsam neue Aufträge an Land zu ziehen. Manager sind also per se politisch, ob es ihnen gefällt oder nicht.

Kaesers Kritiker wenden ein, dass dieser ja keine Endkunden bediene, seine politischen Äußerungen also wenig Auswirkungen auf das Geschäft hätten. Richtig ist: Die Käufer der Kraftwerksturbinen, Ultraschallgeräte und Züge von Siemens sind Energiekonzerne, Krankenhäuser, öffentliche Unternehmen. Ein Risiko, dass ein ICE nicht geordert wird, weil sich Joe Kaeser gerade mit der AfD-Fraktionsvorsitzenden angelegt hat, gibt es nicht. Das kann anders sein bei jemandem, der Autos oder Sportschuhe verkauft. Wer BMW fährt und Adidas trägt, kann die Grünen wählen oder zur CSU neigen, er kann aber auch Alice Weidel mögen. Deshalb halten sich die meisten Manager mit politischen Äußerungen streng zurück. Wer sich nicht positioniert, kann auch nicht anecken. Wer nicht aneckt, verliert im Zweifelsfall auch keine Kunden. Eine bequeme, aber falsche Logik.

Im vergangenen Herbst erfuhr Kaeser, wie kompliziert es ist, wenn man an eigenen Maßstäben gemessen wird. Da sagte er erst sehr spät - zu spät - eine Reise zu einer Investorenkonferenz nach Riad ab. Die Frage lautete: Darf man nach dem brutalen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi noch zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman reisen, um über Milliardenaufträge zu sprechen? "Wenn wir aufhören, mit Ländern zu kommunizieren, in denen Menschen vermisst werden, kann ich auch gleich zu Hause bleiben", sagte Kaeser damals. Hatte er etwa vorgehabt, mit dem Kronprinzen ein ernstes Wörtchen zu reden? Klartext im Prinzenpalast? Eher unwahrscheinlich!

Immerhin: Vor ein paar Tagen legte er sich mit dem italienischen Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega an, wegen der Festnahme der deutschen Kapitänin Carola Rackete. Wohlfeil ist seine Kritik nicht. Siemens ist seit 1899 in Italien vertreten, und es ist nicht so, dass man dort nichts zu verlieren hätte. Kaeser hat trotzdem seine Meinung gesagt, und er wird es wohl wieder tun. Sollte er auch.

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