Joe Biden:Der Zuhörer 

Joe Biden Accepts Party's Nomination For President In Delaware During Virtual DNC

Joe Bidens Aufgabe: Er muss Donald Trump zu einem "One-Term-President" machen, zu einem Unfall der Geschichte.

(Foto: Win McNamee/Getty Images/AFP)

Joe Biden mag auf den ersten Blick mild wirken. Aber gerade deshalb hat er das Zeug, das tief gespaltene Land zu versöhnen. Darin liegt seine Chance - und die für Amerika .

Kommentar von Thorsten Denkler, New York

Er könnte es sein, der Versöhner, der Mann, der die Einigkeit bringt. Der mögliche 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Joe Biden hat es jetzt in der Hand.

An diesem Donnerstag hat er die Nominierung seiner Partei akzeptiert, am Ende des viertägigen virtuellen Parteitages der Demokraten. Und in einer Rede, die persönlich war, mitfühlend, emotional.

Biden hat seine erste Frau und eine Tochter Anfang der 70er Jahre in einem Autounfall verloren. Und 2015 seinen ältesten Sohn an Krebs. Biden kennt Leid. Aber er nennt einen Ausweg aus der Trauer: eine Bestimmung haben.

Dies ist seine Bestimmung. Hier auf dieser Bühne zu stehen und die Nominierung seiner Partei zu akzeptieren. Es ist der größte Moment seiner viele Jahrzehnte andauernden politischen Karriere. Joe Biden, 77, hat schon Politik gemacht, als die allermeisten derer, die ihn am 3. November wählen können, noch nicht geboren waren. Er wollte 1988 Präsident werden, dann 2008. Stattdessen wurde er Vizepräsident unter Barack Obama. 2016 wollte er Obama beerben. Aber die Demokraten nominierten Hillary Clinton.

Jetzt ist er der Kandidat, der die wohl größte Aufgabe dieser Zeit hat: Er muss Donald Trump zu einem "One-Term-President" machen, zu einem Unfall der Geschichte.

Joe Biden spannt dafür den großen demokratischen Schirm auf, unter dem sich alle versammeln können. Darunter müssen viele Platz haben. Die jungen und linken Progressiven, die jetzt lieber Senator Bernie Sanders zugejubelt hätten. Die moderaten Demokraten, die ein besseres Leben wollen, aber sicher keine Revolution. Und nicht zuletzt die zweifelnden Republikaner, die Trumps Lügen und Zumutungen überdrüssig sind. Aber die noch nicht ganz den Mumm haben, zum vielleicht ersten Mal in ihrem Leben die Seite zu wechseln.

"Ich bin kein Mitglied einer organisierten Partei - ich bin ein Demokrat." Das hat der US-Star Will Rogers in der 30er Jahren gesagt. Rogers, Schauspieler, Humorist, sozialer Kolumnist, war ein Demokrat. Aber einer, der Geld auch für Republikaner gesammelt hat, wenn es ihm wichtig erschien.

Es ist dieser umfassende Zugang zum Politischen, der die Demokraten von den frühen 30ern bis in die 60er Jahre hinein zur dominierenden politischen Kraft in den USA gemacht hat. In der Demokratischen Partei jener Zeit hat fast jeder eine Heimat finden können, vom liberalen Ostküsten-Intellektuellen bis zum Südstaaten-Rowdy.

Es waren goldene Zeiten des sozialen Fortschritts. Trotz aller Unterschiede. In der Zeit haben die USA die Große Depression überwunden, sich ein System der Sozialversicherung gegeben, Medicare ins Leben gerufen, ein Programm, das Krankenversicherung für Arme garantiert. Und Lebensmittelmarken, die bis heute Millionen von Menschen in den USA helfen, das Nötigste zu besorgen. Der New Deal, den Präsident Franklin D. Roosevelt damals auf den Weg gebracht hat, hat die Nation neu definiert. Er konnte nur gelingen, weil die Partei zur Einigkeit in der Lage war.

Jetzt ist es an Joe Biden, so einen Rettungsschirm aufzuspannen. Ein Rettungsschirm für Wählerinnen und Wählern aus allen politischen Lagern. Es geht in dieser Wahl nicht um Detailunterschiede in politischen Fragen. Etwas mehr oder etwas weniger Geld fürs Militär. Etwas mehr oder etwas weniger Geld für öffentliche Schulen. Eine Krankenversicherung für alle oder alle in vielen Krankenversicherungen.

Es ist, wie Barack Obama am Tag zuvor gesagt hat: Die Demokratie steht auf dem Spiel. Das Selbstverständnis der USA als weltoffene Nation von Immigranten. Als einem Land, in dem niemand über dem Gesetz steht. Auch nicht der Präsident.

Es geht darum, einen Mann aus dem Weißen Haus zu jagen, der kein Problem damit hat, die US-Verfassung mit den Füßen zu treten, um sich an der Macht zu halten.

Joe Biden hat seine Schwächen. Wer ihn im Vorwahlkampf beobachten konnte, sah einen Biden, der ein Kaffeekränzchen mit einem zarten Lächeln um den Finger wickeln kann. Aber sobald ein paar Hundert Menschen vor ihm stehen, verliert er sich zuweilen selbst.

Vielleicht braucht es in dieser Wahl aber auch keinen zweiten Dampfredner, sondern einen Kandidaten, der besser zuhören als reden kann. Der das Land zusammenbringen kann. Es ist dem Land zu wünschen, dass es Bidens Botschaft annimmt.

© SZ
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