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Jesiden:Der Traum, eines Tages zurückzukehren

Jesidin Nadia Murad

Ein Lächeln sieht man nur selten auf dem Gesicht der Jesidin Nadia Murad.

(Foto: dpa)

Nadia Murad musste Unvorstellbares erleiden, als der IS im Irak die Jesiden heimsuchte. Nun wird sie Sondergesandte der UN. Bevor sie ihr eigenes Trauma aufarbeitet, will sie sich erst um ihr Volk und ihre Familie kümmern.

Von Josef Kelnberger

Nadia Murad stammt aus dem nordirakischen Dorf Kocho. Sie hat sechs Brüder und ihre Mutter verloren und wurde monatelang vom IS gefangen gehalten - als "Sexsklavin", ein hässliches, aber zutreffendes Wort. Weil sie ihre Geschichte wieder und wieder erzählt, wurde sie zur weltweit geachteten Ikone der Unbeugsamkeit, zur Kronzeugin gegen den "Islamischen Staat" und dessen Völkermord an den Jesiden, zur Kandidatin für den Friedensnobelpreis.

Es war nicht leicht, einen Termin für das Gespräch mit der jungen Frau zu finden. Binnen weniger Monate ist die 22-jährige Jesidin in die USA geflogen, nach Kanada, Australien, Ägypten, in mehrere europäische Hauptstädte, um mit ranghohen Politikern zu sprechen. Sogar beim Ehepaar Clooney war sie zu Gast. Amal Clooney, eine Menschenrechtsanwältin, will die IS-Terroristen vor Gericht bringen, die Nadia Murads Leben zerstört haben.

Eine kleine Frau mit schmalen Schultern und einer Aura großer Traurigkeit erscheint schließlich zum Gespräch in einer kleinen Stadt im Südwesten Deutschlands. In welcher, muss geheim bleiben, aus Sicherheitsgründen.

Unendlich müde sieht Nadia Murad aus. Sie zählt zu den tausend missbrauchten jesidischen Frauen und Kindern, die der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann ins Land geholt hat, um ihnen Schutz und Therapie zu gewähren. Nadia Murad allerdings will sich erst um ihr Volk und ihre Familie kümmern, dann erst um sich selbst. Nächste Station: wieder New York.

Am Freitag dieser Woche wird sie dort als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen gegen den Menschenhandel vereidigt. Eine große Ehre, sagt sie. Aber sie hat zur Bedingung gemacht, dass man ihr keine Termine vorschreibt. Ihre Agenda bleibt die Sache der Jesiden. Sie verlangt die Befreiung der tausenden Gefangenen, die sich noch in den Händen des IS befinden. Sie träumt davon, dass die Jesiden eines Tages zurückkehren können in ihre alte Heimat.

Und sie selbst? Wird sie nach den schrecklichen Dingen, die sie erleiden musste, jemals ein normales Leben führen können, glücklich werden mit einem Partner, eine Familie gründen? Fragen, die weh tun. Aber Nadia Murad hat auf jede Frage eine sehr klare Antwort.

© SZ/dayk
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