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Jens Michow:"Das Angebot wird leiden"

Jens Michow, 69, ist Präsident des Veranstalterverbandes BDKV, der die Interessen von mehr als 450 Unternehmen vertritt.

(Foto: Klaus Westermann)

Der Bundesverbandspräsident der Veranstaltungswirtschaft über fehlende Hilfen.

Die deutschen Ministerpräsidenten und der Bund haben festgelegt, dass Großveranstaltungen bis 31. August nicht stattfinden können. Darunter werden auch viele Konzerte aus dem Pop- wie Klassikbereich fallen. Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), legt dar, was das für die 450 bis 500 deutschen Konzert- und Tourneeveranstalter bedeutet.

SZ: Herr Michow, wagen Sie mal eine mutige Prognose: Wann wird es in Deutschland wieder einen normalen Konzertbetrieb geben?

Jens Michow: Wir hoffen, dass ab September die Schließungen noch mal etwas gelockert werden. Wenn man einigermaßen realistisch ist, wird man wohl davon ausgehen müssen, dass bis Ende des Jahres Veranstaltungen auf 1000 Besucher begrenzt bleiben werden. Unser größtes Problem ist momentan, dass wir nicht wissen, was eigentlich eine Großveranstaltung ist, weil das nun wiederum die Länder festlegen sollen. Wir Veranstalter haben absolutes Verständnis dafür, dass Veranstaltungen momentan nicht in gewohnter Form stattfinden können. Aber es besteht mangelnde Transparenz darüber, was verboten ist. Trotz allem Respekt vor dem Föderalismus würde ich mir wünschen, dass hier der Bundesgesundheitsminister Entscheidungen an sich zieht. Solange sich die Länder nicht einigen, hängen wir in der Luft.

Wenn man sich Spielpläne anschaut, dann ist die Situation momentan maximal unübersichtlich. Manche Veranstaltungen sind bereits für die kommenden Monate abgesagt, bei anderen kann man für Ende April noch Karten kaufen. Warum?

Solange wir keine klaren Ansagen vonseiten der Politik haben, müssen Veranstaltungen im Vorverkauf gehalten werden, weil die Verträge mit den Künstlern, dem Veranstaltungsort, den beteiligten Dienstleistern, vor allem aber dem Publikum gültig bleiben. Veranstalter können nicht von sich aus absagen, weil sie sonst von Künstlern und Zuschauern auf Vertragsbruch verklagt werden könnten. Es geht sowieso längst nicht mehr darum, neue Konzerte zu planen. Der Vorverkauf ist inzwischen ziemlich bis vollständig zum Erliegen gekommen. Viele Hallen lassen sich momentan für die kommenden Monate gar nicht mieten, weil auch die Betreiber erst mal Klarheit wollen.

Viele Zuschauer verzichten auf das Eintrittsgeld für ausgefallene Veranstaltungen, hilft das den Veranstaltern?

Das ist wirklich erfreulich, und wir sind dafür sehr dankbar. Wir haben auch dafür gekämpft, dass Veranstalter berechtigt sind, Gutscheine auszugeben. Ein Gutschein ist im Zweifelsfall übrigens auch für den Kunden besser als ein Anspruch gegen einen Veranstalter, der dadurch zahlungsunfähig wird, weil sein Geld ja schon längst in die Tourvorbereitung geflossen ist. Das deutsche Veranstaltungsgeschäft lebt nicht von Großkonzernen, sondern von vielen kleinen mittelständischen Betrieben mit zwei bis vier Mitarbeitern. Sie sorgen für die Vielfalt, weil sie vieles ermöglichen, was die großen nicht machen, zum Beispiel kleine, feine Jazztourneen. Ihnen fehlen nun die Einnahmen, um bereits entstandene Kosten zu decken wie zum Beispiel die oft teure Werbung oder Vorauszahlungen an Künstler.

Freie Konzertveranstalter sind selbständige Unternehmen. Greifen bei ihnen die Hilfsprogramme für Soloselbständige?

Ich habe große Hochachtung davor, wie schnell die Politik das auf die Beine gestellt hat. Aber die Hilfsangebote passen für Veranstalter leider nur in Ausnahmefällen. Zum Beispiel die Kreditangebote. Die Gewinnmargen im Konzertgeschäft sind viel kleiner, als viele denken mögen, durchschnittlich nur sieben bis acht Prozent der Einkünfte vor Steuern. Davon lässt sich nicht seriös ein Kredit aufnehmen, wie nun vorgeschlagen wird. Und von 9000 Euro Soforthilfe lassen sich vielleicht hier und dort Mieten, aber doch keine Schäden kompensieren. Und schon gar nicht reichen sie für die Zahlung der Mitarbeiter, die wir auch nicht in Kurzarbeit schicken können. Denn die Veranstalter brauchen momentan paradoxerweise sogar mehr Personal als üblich für die Rückabwicklung der ausfallenden Konzerte.

Warum?

Wir bieten nicht wie ein Autohersteller etwas an, was in einem halben Jahr noch verkauft werden kann. Wenn ein Konzert nicht am angekündigten Termin stattfindet, kann man es zwar vielleicht irgendwann nachholen. Das ist dann aber ein neues Konzert, für das neue Verträge geschlossen werden müssen und das neue Kosten verursacht. Die für abgesagte Konzerte erbrachten Leistungen sind also nach Ablauf des Konzerttages nichts mehr wert.

Wie ließe sich Konzertveranstaltern gezielter helfen?

Wir haben gemeinsam mit anderen maßgeblichen Musikverbänden von der Politik die Einrichtung eines Sonderfonds in Höhe von 579,5 Millionen Euro gefordert. Das sind zehn Prozent des geschätzten Umsatzverlustes für die gesamte Musikwirtschaft, mit denen Unternehmen aus allen Bereichen vor der Insolvenz gerettet werden sollen. Wir haben auch eine Diskussion darüber angeboten, dass wir diesen Fonds zu gegebener Zeit unsererseits wieder aufstocken, damit diese Mittel langfristig zur Verfügung stehen. Ich hoffe sehr, dass die Politik den Ernst der Lage erkennt und den Kulturbetrieb nicht als letztes Glied in der Wirtschaftskette unseres Landes links runterfallen lässt.

Für Großveranstaltungen gilt derzeit oft die von Ihnen gerade genannte Obergrenze von 1000 Besuchern. Halten Sie es für möglich, kleinere Veranstaltungen sukzessive wieder bis zu dieser Grenze zu öffnen?

Dann könnte theoretisch das ganze Clubgeschäft wieder stattfinden, auch kleinere Comedyveranstaltungen und Schauspiel- oder Musicaltourneen. Aber auch hier besteht momentan völlige Unsicherheit, unter welchen Auflagen das möglich sein könnte. Wir hören aus der Politik nur, dass dann Hygienevorschriften eingehalten werden müssen. Wenn aber zwischen zwei Besuchern immer eineinhalb Metern Platz sein muss, dann kann man nur jeden dritten Platz besetzen. Man müsste also für ein Konzert mit eintausend Besuchern eine Halle für drei- bis viertausend mieten. Das rechnet sich nicht und lässt sich nicht durchführen.

Worst Case: Wie sähe die deutsche Konzertveranstalterlandschaft am Ende des Jahres aus, wenn bis dahin nichts mehr stattfinden könnte?

Bereits bis Ende Mai werden nach unseren Berechnungen etwa 80 000 Konzerte abgesagt worden sein. Unter den deutschen Veranstaltern gibt es etwa zehn Großunternehmen, den größten Teil machen die kleinen aus, auch die vielen örtlichen Veranstalter, die zum Beispiel die Tourneen vor Ort nur durchführen. Und dann gehören zur Branche die vielen Künstlervermittler vor allem im Klassikbereich. Die leben von ihren Beteiligungen an den Einnahmen der Künstler. Wenn Künstler aber nichts verdienen, haben auch ihre Vermittler keine Einnahmen. Viele kleinere Veranstalter sagen, dass sie bis Ende August durchhalten. Sollten die Herbsttourneen ausfallen, werden ganz sicher einige von ihnen zahlungsunfähig. Ich wünsche das niemandem. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es 20 bis 25 Prozent der Veranstalter treffen könnte. Das bisher so vielfältige Kulturangebot wird darunter sehr leiden.

© SZ vom 27.04.2020

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