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Jemen:Zivilisten im Fadenkreuz

Eine von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition führt Krieg im Nachbarland Jemen. Dabei sind Tausende Menschen gestorben. Die Vereinten Nationen fordern Aufklärung.

Es war Markttag in Al-Khamis, einem Dorf im Nordwesten Jemens. Die Menschen hatten sich gegen Mittag zum Essen niedergelassen, die Männer kauften Kat, die leicht berauschenden Blätter, die sie am Nachmittag kauen. Dann schlugen die Raketen ein. Mindestens 119 Menschen wurden bei dem Luftangriff getötet, für den nach allen bislang bekannten Informationen die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition verantwortlich ist.

Laut dem Sprecher des saudischen Militärs, Brigadegeneral Ahmed al-Asiri, wurde eine Versammlung von Huthi-Milizionären zehn Kilometer von dem Markt entfernt bombardiert. 80 Prozent der Getöteten seien Kämpfer. Dagegen berichten UN-Mitarbeiter, die das Dorf besuchten, die Opfer seien ganz überwiegend Zivilisten, unter ihnen 22 Kinder. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, erklärte, es gebe dort keine militärischen Ziele, lediglich einen etwa 250 Meter entfernten Checkpoint, an dem sich nur eine Handvoll Rebellen aufhielten.

"Diese furchtbaren Vorfälle wiederholen sich in nicht akzeptabler Regelmäßigkeit", teilte al-Hussein weiter mit. Entgegen der Ankündigungen Riads, Anschuldigungen über Angriffe auf Zivilisten zu untersuchen, "warten wir noch darauf, irgendeinen Fortschritt in einer dieser Untersuchungen zu sehen". Seit die Militärkoalition am 26. März vergangenen Jahres ihre Luftangriffe begonnen und eine Blockade über das ärmste Land der arabischen Welt verhängt hat, sind nach UN-Angaben mindestens 6200 Menschen getötet worden, unter ihnen 3200 Zivilisten.

2,5 Millionen

Menschen sind im Jemen auf der Flucht. Diese Katastrophe bleibt der Welt verborgen. Die Menschen kommen nicht an den Stränden des Mittelmeeres an. Sie können ihr Land kaum verlassen. So irren sie von einem Ort zum nächsten auf der Suche nach Schutz und Essen. 170 000 Menschen haben sich laut UN in Nachbarländer gerettet.

Die tatsächlichen Zahlen dürften weit höher liegen. Wie ein westlicher Diplomat der Süddeutschen Zeitung sagte, erfassen die UN-Zahlen nur die registrierten Todesfälle. Wenn Familien ihre Angehörigen bestatten, ohne dass diese in einem Krankenhaus erfasst wurden, würden sie nicht gezählt. Aus einigen Landesteilen gebe es keine verlässlichen Zahlen; auch können viele von den Bomben zerstörte Gebäude nicht geräumt werden, sodass Leichen unter den Trümmern liegen bleiben.

UN-Hochkommissar al-Hussein kritisierte, die Militärkoalition mit ihren Luftangriffen sei für "doppelt so viele zivile Opfer verantwortlich" wie alle anderen Kräfte zusammen. Er sprach von möglichen Verstößen gegen internationales Recht. Eine UN-Kommission empfahl dem UN-Sicherheitsrat im Januar eine Untersuchung und sah in einigen Luftangriffen sogar Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch den Huthis werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die Koalition bestreitet, zivile Ziele zu attackieren und teilte im Januar mit, sie habe strengere Untersuchungen solcher Berichte angeordnet und mit Hilfe der USA ihre Zielauswahl verbessert. Die USA beraten Riad mit 45 Offizieren und liefern Aufklärungsergebnisse.

Saudi-backed Yemeni forces advance in Taiz city

Regierungstreue Soldaten schießen auf Huthi-Rebellen in der jemenitischen Stadt Taiz.

(Foto: Mansur Hadi/dpa)

Ein Jahr nach Beginn des Konflikts sind in Jemen große Teile der zivilen Infrastruktur beschädigt oder zerstört. 2,5 Millionen Menschen mussten laut UN vor den Kämpfen fliehen und sind nun Binnenvertriebene. 14,4 Millionen Jemeniten wissen nicht, wo ihre nächste Mahlzeit herkommt, 21 Millionen sind von humanitärer Hilfe abhängig. Bewohner von Sanaa berichten von immer mehr Hungernden in den Straßen. Die humanitäre Lage verschärft sich weiter, nachdem im Februar so wenige Schiffe das Land erreichten wie seit August vergangenen Jahres nicht mehr. Jüngst durchbrach die Koalition nach schweren Kämpfen die Blockade der Huthi um Taiz, Jemens drittgrößte Stadt, die nun wieder für Hilfslieferungen zugänglich ist.

Das politische Ziel der Militärkampagne ist es, der von den Huthi aus dem Land getriebenen, international anerkannten Regierung unter Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi wieder die Kontrolle über das gesamte Land zu verschaffen. Das ist in absehbarer Zeit nicht erreichbar. Das Kabinett ist nicht arbeitsfähig; in Aden halten sich kaum noch Minister auf. Geschuldet ist dies vor allem der verheerenden Sicherheitslage. Der Unfallchirurg Michael Winter, der gerade von einem vierwöchigen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen aus Jemens zweitgrößter Stadt zurückkehrt, sagte, es seien täglich Schusswechsel zu hören. Das Krankenhausgelände konnte er wegen der Sicherheitslage nicht verlassen. Immer wieder musste er Opfer von Bombenanschlägen operieren. Jemenitische Quellen berichten, die Situation sei noch gefährlicher als während der schweren Kämpfe um die Stadt, es herrsche Anarchie, marodierende Banden zögen umher, darunter islamistische Extremisten.

Inzwischen scheint dies auch in Riad und Abu Dhabi zu einem Umdenken zu führen. Gegen al-Qaida in Aden gehen nun offenbar Spezialkräfte aus den Emiraten vor; sie töteten am vergangenen Wochenende mindestens 17 Terroristen. Al-Qaida kontrolliert allerdings in Südjemen alle wichtigen Verkehrswege zwischen der Hafenstadt und der Grenze zu Oman.

In der vergangenen Woche wurde zudem bekannt, dass Saudi-Arabien Geheimgespräche mit einer Delegation der Huthi führt, die in Riad als Handlanger der iranischen Regierung gelten. Sichtbares Zeichen dafür waren ein Gefangenenaustausch und eine Waffenruhe entlang der Grenze zwischen Jemen und Saudi-Arabien. Dort hatten die Huthi aus ihrem Kerngebieten heraus immer wieder angegriffen und Hunderte saudische Soldaten und Zivilisten getötet. Riads Militärsprecher al-Asiri kündigte an, die Hauptkampfhandlungen näherten sich dem Ende, es werde jetzt um Stabilisierung Jemens gehen. Folgen könnten Gespräche zwischen der Hadi-Regierung und den Rebellen unter UN-Vermittlung - wenn nicht der Angriff auf Al-Khamis die vagen Hoffnungen auf eine politische Lösung wieder zunichte macht.