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Jemen:Und die Welt sieht zu

In Jemen toben die schwersten Gefechte seit Monaten, Hunderte Menschen sind umgekommen. Die Hälfte der Bevölkerung ist von einer akuten Hungersnot bedroht. Hoffnungen auf eine baldige Waffenruhe haben sich zerschlagen.

Die Hoffnungen auf eine baldige Waffenruhe in Jemen haben sich zerschlagen. Eine Woche nach dem Aufruf von US-Verteidigungsminister James Mattis und Außenminister Michael Pompeo an die Kriegsparteien, binnen 30 Tagen Friedensgespräche zu beginnen, toben die schwersten Gefechte seit Monaten um die Hafenstadt Hodeidah. Zudem brachen Kämpfe an der Front im Landesinneren aus, die drei Jahre lang ruhig war.

Am Donnerstag reagierte der UN-Sondergesandte Martin Griffiths: Er verschob eine neue Verhandlungsrunde bis Ende des Jahres, die er eigentlich bis Ende des Monats hatte zusammenbringen wollen. Zugleich wollen sich die UN nun auf einen Plan konzentrieren, um eine großflächige Hungersnot in Jemen abzuwenden.

Hatten im Sommer von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte Milizen die erste Großoffensive auf Hodeidah angeführt, sind es nun Kämpfer, die dem international anerkannten Präsidenten Abd Rabbo Masur Hadi nahestehen und von Saudi-Arabien unterstützt werden, wie westliche Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten. Sie haben womöglich kein Interesse an Verhandlungen, die darauf hinauslaufen würden, Hadi zu ersetzen, der nicht einmal die Unterstützung der Emirate genießt.

Sie versuchen, Hodeidah einzukesseln und damit den aufständischen Huthi-Milizen die Verbindungen in den Norden und Nordosten abzuschneiden. Bei den Kämpfen starben in den vergangenen zehn Tagen mehrere Hundert Menschen. Der Hafen, über den mehr als 70 Prozent aller Lebensmittel und Hilfsgüter ins Land gelangen, blieb bislang verschont. Dort wurden auch weiter Schiffe entladen.

Die neuen Kämpfe haben Zweifel geweckt, ob die USA bereit sind, Druck auf Riad und Abu Dhabi zu machen. Die von den beiden Golfstaaten angeführte Militärkoalition flog bis zu 200 Luftangriffe pro Tag, was ohne Zutun der USA schwer vorstellbar ist. Die Koalition ließ wissen, sie beziehe nur "defensive Positionen". Das aber ist angesichts der Vorstöße wenig glaubhaft.

Millionen Staatsbedienstete haben seit zwei Jahren keine Gehälter mehr bekommen

Das "Schweigen ihrer internationalen Unterstützer ist ohrenbetäubend", sagt Frank McManus, Länderdirektor des International Rescue Committee, der größten Hilfsorganisation in Jemen. Tatsächlich habe sich die Situation verschlechtert, vor allem im Gouvernorat Hodeidah, wo wieder Zehntausende auf der Flucht sind. Amnesty International beschuldigte die Huthis, sich in Krankenhäusern zu verschanzen und so das humanitäre Völkerrecht zu brechen. Die USA erwägen laut Washington Post, die Huthis zur Terrorgruppe zu erklären, was die Vermittlungsversuche der UN weiter erschweren könnte.

Die Lieferung von Lebensmitteln ist nicht unterbrochen, allerdings haben der Verfall der Währung und der Zusammenbruch der Wirtschaft dazu geführt, dass sich Millionen Jemeniten nicht mehr selber versorgen können. Mussten sie im August noch etwa 500 Rial für einen Dollar bezahlen, waren es jüngst bis zu 800. Da 90 Prozent aller Lebensmittel eingeführt werden müssen, steigen die Preise, sobald der Rial nachgibt. Viele haben keine Arbeit mehr oder zumindest keine ausreichenden Einkünfte. Zudem haben die Menschen ihre Reserven aufgezehrt.

Der Staat als wichtigster Arbeitgeber hat seinen sieben Millionen Bediensteten überwiegend seit zwei Jahren keine Gehälter mehr gezahlt. Für die Krise wird Präsident Hadi verantwortlich gemacht, der die Zentralbank unter seine Kontrolle gebracht hat und ihre Guthaben nach Saudi-Arabien transferieren ließ.

Inzwischen ist die Hälfte der Bevölkerung, 14 Millionen Jemeniten, von einer akuten Hungersnot bedroht. Zwar sterben jeden Tag Menschen an Hunger, vor allem Kinder. Offiziell rufen die UN eine Hungersnot aber erst aus, wenn 20 Prozent der Haushalte unter extremer Lebensmittelknappheit und mehr als 30 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren an akuter Mangelernährung leiden und überdies pro Tag mehr als zwei von 10 000 Menschen an Hunger sterben. Das Welternährungsprogramm (WFP) will nun seine Hilfslieferungen verdoppeln. Statt sieben bis acht Millionen Jemeniten sollen künftig 14 Millionen Essensrationen erhalten, kündigte ein Sprecher an. Allerdings erfordert dies eine groß angelegte logistische Operation, zusätzliche Mitarbeiter, Transportmöglichkeiten, Sicherheitsvorkehrungen und mehr Geld.

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