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Jemen:Ausbildungsstätte der Charlie-Hebdo-Attentäter

Nasser al-Wuhaischi, hier in der Al-Qaida-Hochburg Dschaar, war für die Planung von Anschlägen zuständig.

(Foto: AFP)
  • Eine US-Drohne hat offenbar den Anführer von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), Nasser al-Wuhaischi, getötet.
  • Die US-Regierung führte Wuhaischi auf der Liste der meistgesuchten Terroristen auf Platz zwei.
  • Der jemenitische Al-Qaida-Ableger ist der größte und gilt als der gefährlichste für Europa und die USA.

Den letzten Sommer ihres Lebens verbrachten die beiden Charlie-Hebdo-Attentäter in Jemen. In der Nähe der antiken Wüstenstadt Marib, wo Kanäle mit 13 Meter hohen Schleusenmauern das Wasser vom Golf heranschaffen, trainierten die französischen Brüder mit al-Qaida. Danach richteten sie in Paris ein Blutbad an, wobei ihr brachial-effizientes Vorgehen Beobachter zunächst vermuten ließ, es handele sich um Profis mit Militär-Erfahrung.

Die Jemen-Filiale von al-Qaida ist die mit Abstand größte Gruppe in dem Terror-Netzwerk, sie ist die professionellste und nach Einschätzung nicht nur westlicher Sicherheitsdienste auch die für Europa und die USA gefährlichste. Der Treffer, der nun den USA gelungen ist, markiert da einen wichtigen Punkt im Kampf gegen die Dschihadisten: Eine US-Drohne soll den Anführer von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), wie sich die Gruppe seit 2009 nennt, bereits am Freitag getötet haben. Das berichtet einer der langjährigen Propagandisten von Aqap, Chaled Omar Batarfi, in einem Video, das am Dienstag auf Youtube verbreitet wurde.

In Jemen liegt inzwischen das eigentliche Machtzentrum al-Qaidas

Der Kopf von al-Qaida in Jemen war Nasser al-Wuhaischi, ein gebürtiger Jemenit, 38 Jahre alt. Gemeinsam mit zwei anderen Männern soll er bei einem aus der Ferne gesteuerten Luftschlag nahe der Stadt Mukalla getötet worden sein, meldeten amerikanische Medien bereits am Wochenende unter Berufung auf Regierungskreise in Jemen. Die US-Regierung, die Wuhaischi als Nummer zwei auf ihrer Liste der meistgesuchten Terroristen führte, zögert allerdings mit einer Bestätigung.

Die Lebensgeschichte von Nasser al-Wuhaischi ist eng verknüpft mit dem Aufstieg al-Qaidas - und mit dem Abstieg Jemens. Die nominelle Nummer eins von al-Qaida ist heute zwar Aiman al-Sawahiri, der sich vermutlich in Pakistan versteckt hält. In Jemen aber liegt inzwischen das eigentliche Machtzentrum. Hier kontrolliert die Gruppe Gebiete, hier agiert sie als regelrechte Miliz - stets unter den Augen amerikanischer Drohnen, die mit Duldung der US-freundlichen Regierung darüber kreisen.

Wuhaischi kam 2002 in Handschellen hier an. Zuvor war er einige Jahre lang in Afghanistan gewesen, dort wurde er zu einem Vertrauten des damaligen Qaida-Chefs Bin Laden. Nach dem US-geführten Sturz der Taliban in Afghanistan versuchte er zunächst, nach Iran zu fliehen. Dort wurde er jedoch festgenommen und an sein Heimatland ausgeliefert. Er blieb ohne Anklage inhaftiert, bis ihm im Februar 2006 mit 22 anderen Häftlingen die Flucht durch einen Tunnel gelang. Die gewaltsame Befreiung von Gefangenen wurde später zu seinem Markenzeichen.

Sawahiri war der Ideologe, Wuhaischi der Geschäftsführer

Bereits im Jahr darauf stieg al-Wuhaischi zum Chef des Al-Qaida-Zweigs in Jemen auf. In der offiziellen Darstellung von al-Qaida firmierte er seit 2013 als Nummer zwei der Gesamt-Organisation, von Experten wurde seine Rolle aber treffender als die eines "Geschäftsführers" umschrieben: Während die Nummer eins, Sawahiri, sich eher ideologisch äußerte, war Wuhaischi dafür verantwortlich, Terroranschläge gegen den Westen zu planen.

Die jemenitische Al-Qaida-Filiale produzierte das englischsprachige Propaganda-Magazin Inspire, in dessen erster Ausgabe dazu aufgerufen wurde, Karikaturisten zu töten, die den Propheten Mohammed verhöhnen. Im Oktober 2010 versuchte sie, mit Sprengstoff präparierte Drucker-Kartuschen an Bord von Frachtflugzeugen über den USA zu zünden. Auch der sogenannte Unterhosen-Bomber, der an Weihnachten 2009 versuchte, ein Passagierflugzeug auf dem Weg nach Detroit zum Absturz zu bringen, ging auf ihr Konto. Anfang 2013 rief Inspire zum Mord an Charlie-Hebdo-Chef Stéphane Charbonnier auf.

Saudi-Arabiens Kampfjets sind für al-Qaida keine Gefahr

An der Rebellion der schiitischen Huthi-Miliz, die zu Beginn dieses Jahres weite Teile Jemens übernommen hat, hatte al-Qaida keinen Anteil. Von dem Chaos konnte die Gruppe aber profitieren. Zuletzt hat al-Qaida Anfang April die fünftgrößte Stadt des Landes erobert, Mukalla, in der mehr als 200 000 Menschen leben. Saudi-Arabiens Kampfjets, die von oben die Huthi-Miliz bekämpfen, sind für al-Qaida bislang keine Gefahr.

Wird nun der Drohnentreffer gegen den Aqap-Chef die Gruppe schwächen? In Syrien und dem Irak haben Ultra-Islamisten ein Kalifat, in Jemen ein Emirat. Der neue Emir steht schon fest, ist der Video-Botschaft zu entnehmen. Es soll Qasim al-Raymi sein, der bisherige Militärchef der Gruppe, verantwortlich für die Ausbildung der Charlie-Hebdo-Attentäter.

© SZ vom 17.06.2015/pamu
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