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Jemen-Krieg:Millionen Leben in Ruinen

Flüchtlingskinder im Jemen

Zwei jemenitische Flüchtlingskinder stehen in einem Lager am Rande von Sanaa. Mehr als drei Millionen vertriebene Jemeniten werden im Winter unter Hunger und Frost ums Überleben kämpfen müssen.

(Foto: Mohammed Mohammed/dpa)
  • Seit der Krieg in Jemen 2015 begonnen hat, steigen die Zahlen der Opfer und auch die der Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.
  • 24 Millionen Menschen brauchen Unterstützung.
  • Inzwischen sind laut einer Studie im Auftrag der UN mehr als 200 000 Menschen durch den Krieg oder die indirekten Folgen des Krieges ums Leben gekommen.
  • Die meisten Opfer sind demnach Kinder.

Die Vereinten Nationen benennen die Situation in Jemen seit Jahren mit einem erschreckenden Superlativ: die "schlimmste humanitäre Krise der Welt". 24 Millionen Jemeniten, knapp 80 Prozent der Bevölkerung von mehr als 28 Millionen, sind auf humanitäre Hilfe oder Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen, 14,3 Millionen Menschen leben in akuter Not, wie das UN-Nothilfebüro Ocha mitteilt. Das heißt, sie können ihr Leben aus eigenen Mitteln nicht mehr bestreiten. Die Zahlen steigen Jahr für Jahr, seit der Krieg im März 2015 begonnen hat. Und UN-Generalsekretär António Guterres lässt keinen Zweifel daran, was die Ursache ist: Die Krise in Jemen ist allein von Menschen gemacht - sie ist direkte Folge des Krieges.

Diese Zahlen sind unfassbar. Was sie bedeuten, zeigt sich, wenn man das Land bereist. Die fantastische Schönheit der Natur, die kühn in die Berge gebauten Turmhäuser stehen im harten Kontrast zu dem Elend der Menschen. Vor jedem Stand, der Essen verkauft, warten Jugendliche, Frauen, Kinder. Sobald sich die erheben, die sich eine Mahlzeit noch leisten können, stürmen jene herbei, die nichts haben, und essen, was übrig geblieben ist. Brot und Reis und, wenn sie Glück haben, ein Stück Fleisch oder Huhn. Andere wühlen im Müll nach Essbarem, nach Plastik oder Metall, das sie verkaufen können. Und nach Qat, der allgegenwärtigen Droge, nach weggeworfenen harten Blättern, die den Hunger vergessen machen.

Arme kaum dicker als kräftige Männerdaumen

Oder in den Krankenhäusern auf den Kinderstationen, wo bis auf die Knochen ausgemergelte Bündel um ihr Leben kämpfen. Tief in den Höhlen liegen ihre Augen, sie wirken seltsam groß für die kleinen Gesichter. Iyad ist einer von ihnen. Der Junge wimmert, starrt ins Leere. Zum Schreien ist der Zweijährige zu schwach, seine Arme sind kaum dicker als kräftige Männerdaumen. 74 Zentimeter, sechs Kilo. Mit einer Spritze flößt eine Krankenschwester Spezialmilch ein, die doppelt so viele Kalorien enthält wie Coca-Cola. Iyad überlebt, aber viele schaffen es aus ihren Dörfern nicht einmal ins nächste Krankenhaus.

Der Krieg ist Ursache vielfältigen Leidens. Die Kausalität liegt oft in längeren Ketten, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Und klar ist auch: Es gibt keine Kriegspartei, die nicht Anteil daran trägt, die den Schutz der Zivilbevölkerung über alles stellen würde, wie das humanitäre Völkerrecht es vorschreibt. Nicht Saudi-Arabien, das die Militärkoalition anführt, die dem international anerkannten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi die Macht im ärmsten arabischen Land zurückverschaffen will. Nicht die anderen Staaten der Koalition, zu der vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate gehören. Und auch nicht die von Iran unterstützten Huthis, die mit ihren Milizen den Norden des Landes kontrollieren samt der Hauptstadt Sanaa.

Zu den Opfern gehören 140 000 Kinder unter fünf Jahren

Die UN hatten von Beginn der saudischen Militärintervention Ende März 2015 an bis Juni 2019 mindestens 7300 Tötungen von Zivilisten direkt bei Kampfhandlungen und Luftangriffen dokumentiert, unter ihnen 2000 Kinder und 880 Frauen. Die UN räumen ein: Diese Zahl ist zu niedrig - viel zu niedrig. Die US-Nichtregierungsorganisation Armed Conflict Location and Event Data Project hat 100 000 Tote bis Ende Oktober 2019 gezählt, darunter mindestens 12 000 Zivilisten, die direkt durch Kriegseinwirkungen umgekommen sind. 8000 von ihnen seien durch Luftangriffe der Koalition getötet worden, etwa 2000 durch die Huthis, die immer wieder zivile Gebiete mit Granaten beschießen - und bei ihren Raketenangriffen auf Saudi-Arabien ebenso gezielt Zivilisten attackieren.

Eine von den UN in Auftrag gegebene Untersuchung der Auswirkungen des Krieges in Jemen prognostizierte im April bis Ende des Jahres 102 000 Tote durch Kämpfe, sollte der Konflikt anhalten, aber auch 131 000 Tote durch indirekte Folgen wie mangelnde Nahrung und Gesundheitsversorgung oder zerstörte Infrastruktur. Zu den Opfern gehören 140 000 Kinder unter fünf Jahren, heißt es in der Studie der Universität Denver. Sollte der Krieg 2019 enden, werde Jemen auf den Entwicklungsstand von 1998 zurückgeworfen. Bei Ausbruch des Konflikts lag das Land auf Platz 154 des UN-Index der menschlichen Entwicklung, inzwischen ist es auf Platz 177 von 189 abgestürzt - ein Desaster, das Jahrzehnte Nachwirkungen haben wird.

UN warnen vor Hungersnot im Jemen

Das Bild eines unterernährten, drei Monate alten Babys, das in einem Ernährungszentrum eines Krankenhauses getragen wird, ist schon sieben Jahre alt. Seither ist vieles in Jemen schlimmer geworden - auch die Hungersnot.

(Foto: dpa)

Auch diese Zahlen sind zunächst abstrakt, für Jemeniten aber haben sie eine ganz konkrete Bedeutung. Am sichtbarsten sind die Effekte bei der Versorgung mit Nahrung. Jemen hat schon immer einen Großteil der Lebensmittel importieren müssen, mit dem Krieg hat sich diese Abhängigkeit weiter verschärft. Das Nadelöhr für die Importe ist der Hafen von al-Hudaida am Roten Meer. Ihn kontrollieren die Huthis, weswegen er mehrmals heftig umkämpft war und bombardiert wurde. Die Koalition inspiziert jedes Schiff, das die Stadt anläuft, die Huthis kassieren Gebühren und Zölle und machen Hilfslieferungen gegenüber den UN zum politischen Druckmittel. Das treibt die Kosten für die Importe in die Höhe.

Die Spirale dreht und dreht sich

Zugleich haben immer weniger Jemeniten noch Geld, um Lebensmittel zu kaufen. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, ihr Vermögen haben sie längst zu Geld gemacht, den Schmuck der Frauen, Waffen, Möbel. Die Regierung, größter Arbeitgeber, zahlt in den Huthi-Gebieten Gehälter allenfalls teilweise und meist gar nicht. Die Inflation gekoppelt mit der Entwertung der Landeswährung führt dazu, dass immer mehr Familien von Hilfslieferungen abhängig sind, um nicht zu verhungern. Diese Spirale dreht sich immer weiter. Unterernährung und Seuchen gehen Hand in Hand, begünstigt noch von der Zerstörung der Infrastruktur. Jemen hat Cholera-Epidemien durchlitten, jetzt grassieren Dengue-Fieber und Malaria.

Viele Krankenhäuser sind durch Gefechte oder Luftangriffe beschädigt oder zerstört, andere können kaum noch grundlegende medizinische Hilfe leisten. Auch sind viele Schulen geschlossen, jedes dritte Kind kann keinen Unterricht besuchen.

Es gibt inzwischen Gespräche zwischen den Huthis, den USA und Saudi-Arabien, als Vermittler steht Oman bereit. Eine Vereinbarung, die vor einem Jahr in Stockholm getroffen wurde und zur Demilitarisierung al-Hudaidas führen sollte, ist allerdings nie vollständig umgesetzt worden. Die Hoffnung auf Frieden, sie hat sich in Jemen oft schon als trügerisch erwiesen.

Leid und Not, Geld und Geschäft: Chronologie des Jemen-Kriegs

© SZ vom 12.12.2019/mpu/jsa
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