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Jemen:Salehs Seitenwechsel

Die Huthi-Milizen kommen derzeit in Bedrängnis, kontrollieren aber immer noch Teile der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

(Foto: Mohamed Huwais/AFP)

Jemens gestürzter Präsident Ali Abdullah Saleh wendet sich von den aufständischen Huthi-Milizen ab - eine spektakuläre Wende im Bürgerkrieg.

Aus Feinden können im Nahen Osten schnell wieder Brüder werden, und so könnte der Bürgerkrieg in Jemen nach zweieinhalb Jahren eine spektakuläre Wende nehmen: Der 2011 gestürzte Präsident Ali Abdullah Saleh hat am Samstag in einer Fernsehansprache die von Saudi-Arabien angeführte Militärallianz aufgerufen, die Angriffe auf Jemen einzustellen und die Blockade gegen das ärmste arabische Land aufzuheben. Dann werde man ein "neues Blatt in den Beziehungen" zu den Nachbarn aufschlagen. Zugleich sagte er, niemand in Jemen solle mehr Befehle der Huthis ausführen - jener von Iran unterstützten Miliz, mit der Saleh sich 2014 verbündet hatte, um seinen Nachfolger Abd Rabbo Mansour Hadi aus der Hauptstadt Sanaa und dem Land zu jagen.

Ein Bruch dieses Zweckbündnisses hatte sich länger abgezeichnet; Auslöser war nun ein Scharmützel am Mittwoch an der Saleh-Moschee in Sanaa zwischen Anhängern des Ex-Präsidenten und Huthi-Milizionären. In der Folge kam es zu immer schwereren Gefechten. Saleh kontrolliert bis heute Teile der Republikanischen Garden und anderer Armee-Einheiten. Sie eroberten bis Samstag etwa die Hälfte der Hauptstadt von den Huthis. Die wiederum warfen Saleh Hochverrat und einen Putsch vor und griffen Viertel an, in denen seine Angehörigen leben - kaum vorstellbar, dass sich dieser Zwist noch einmal kitten lässt. Allerdings hatte Saleh als Präsident mehrmals Krieg gegen die Huthis geführt, deren Kerngebiete im Norden liegen.

Bewohner Sanaas sagten am Telefon, die Kämpfe in weiten Gebieten der Stadt seien so heftig, dass sie sich seit Tagen nicht mehr aus ihren Häusern trauten, geschweige denn, sich in den umliegenden Bergen in Sicherheit zu bringen. Im Hintergrund sind Maschinengewehrfeuer und Granaten-Explosionen zu hören. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz spricht von Dutzenden Toten und Hunderten Verletzten, genaue Zahlen gibt es nicht. Handy-Videos zeigen, wie Saleh-Anhänger in Geländewagen und gepanzerten Fahrzeugen durch menschenleere Straßen fahren, und wütende Jemeniten, die Flaggen der Huthis abreißen.

Saudi-Arabien sieht in den Huthis den verlängerten Arm des Rivalen Iran

Am Sonntag hieß es, die Huthis hätten Panzer auffahren lassen. Die schlimmsten Kämpfe könnten der geschundenen Hauptstadt noch bevorstehen, befürchten die Bewohner - freiwillig aufgeben werden die Huthis Sanaa nicht. Allerdings dürften sie sich gegen Saleh und den Widerstand einflussreicher Stämme dort auf Dauer kaum halten können. Saudische Jets bombardierten in der Nacht Positionen der Huthis; die von Saleh kontrollierten Stadtteile verschonten sie. In Riad und in den Vereinigten Emiraten wird Salehs Wende begrüßt. Präsident Hadi, der von den Saudis abhängig ist, zeigte sich gesprächsbereit.

In einer Erklärung der von Riad geführten Militärkoalition hieß es, die Entscheidung von Salehs Partei, des Allgemeinen Volkskongresses, "die Führung zu übernehmen", werde Jemen von "iranischen Terroristen befreien". Die Saudis sehen die Huthis, ähnlich der Hisbollah in Libanon, als Statthalter Teherans, was viele unabhängige Experten aber als übertrieben bezeichnen. Vor allem Saudi-Arabien hatte zuletzt den Ton gegen den Regionalrivalen nochmals deutlich verschärft. Riad war international als treibende Kraft hinter dem Rücktritt von Premier Saad al-Hariri in Libanon gesehen worden, ein weiterer Schauplatz des Kräftemessens.

Die Huthis vermuten offenbar die Emirate hinter dem Sinneswandel ihres einstigen Partners; laut ihrer Propaganda feuerten sie am Sonntag einen Marschflugkörper nach Abu Dhabi; Ziel sei die Baustelle des Atomkraftwerks Barakah nahe der saudischen Grenze gewesen. Die Emirate dementierten, dass es einen Angriff gegeben habe; auch ist nicht bekannt, dass die Huthis über Marschflugkörper verfügen.

Sie feuerten bisher ballistische Raketen auf Ziele in Saudi-Arabien, zuletzt am Freitag. Anfang November fing die Luftabwehr eine Rakete nahe dem Flughafen von Riad ab. Laut einem neuen UN-Bericht trugen wenigstens einige der Geschosse iranische Aufschriften; Überbleibsel hätten dieselben Abmessungen wie die in Iran gefertigten Qiam-1. Allerdings gibt es laut den UN keine Erkenntnisse dazu, wie die Raketen nach Jemen gelangt seien. Saudi-Arabien und die Emirate wie auch die USA werfen Iran vor, den Huthis Waffen zu liefern.

Sollte es Saleh gelingen, mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der Emirate die Huthis zurückzudrängen, könnte das auf mittlere Sicht dazu beitragen, den Bürgerkrieg zu beenden und die katastrophale Versorgungslage zu verbessern. Allerdings ist nicht klar, ob auch in anderen Teilen des etwa zur Hälfte von den Huthis kontrollierten Nordjemens Salehs Leute gegen sie vorgehen würden; entsprechende Meldungen gab es aus Hodeidah, der wichtigsten Hafenstadt des Landes. Sollten die Einfuhren dort wegen Kämpfen unterbrochen werden, droht eine akute Hungersnot; die Versorgung ist wegen Beschränkungen seitens Saudi-Arabiens ohnehin nicht ausreichend. Denkbar ist allerdings ebenso, dass der Bruch zwischen Saleh und den Huthis nur eine weitere Front in dem komplexen Krieg eröffnet - und sich letztlich nur das Leid der Zivilbevölkerung noch weiter verschlimmert.

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