Jemen:Drohnen statt Kompromisse

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Jemen: Nach dem Huthi-Drohnenangriff auf ein Ölterminal von Aramco bei Dschāzān in Saudi-Arabien.

Nach dem Huthi-Drohnenangriff auf ein Ölterminal von Aramco bei Dschāzān in Saudi-Arabien.

(Foto: -/AFP/SPA)

Es ist ihre Absage an die Friedensgespräche, die bald in Riad starten sollten: Jemenitische Huthi-Milizen attackieren saudische Ölanlagen. Eine Erinnerung an altbekannte Forderungen.

Von Dunja Ramadan, München

Die Hafenstadt Dschidda gilt als Saudi-Arabiens Tor zur Welt. Millionen Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt landen jedes Jahr hier, gehüllt in weiße Gewänder, um ins nahegelegene Mekka zu fahren. Am Wochenende teilten Bewohner ungewöhnliche Bilder aus der Stadt: Drohnen der jemenitischen Huthi-Miliz flogen über den dunklen Himmel. Ein Kraftstofftank an einer Verteilerstation des Ölkonzerns Aramco wurde getroffen und verursachte ein Feuer, berichtete die saudische Staatsagentur SPA am Sonntag. Der Angriff war nur einer von vielen am Wochenende.

Betroffen waren unter anderem noch eine Aramco-Anlage in Dschāzān im Südwesten des Golfkönigreichs sowie eine gemeinsame Flüssiggasanlage des chinesischen Öl- und Petrochemiekonzerns Sinopec und Aramcos in der Stadt Yanbu am Roten Meer. Dort musste die Produktion laut saudischem Energieministerium vorübergehend reduziert werden. Saudische Streitkräfte erklärten, sie hätten eine Rakete abgefangen und neun Drohnen abgeschossen. Es wurden keine Verletzten gemeldet.

Die von Iran unterstützte jemenitische Huthi-Miliz übernahm die Verantwortung für die Angriffe und sprach von einer "breiten und groß angelegten Militäroperation auf lebenswichtige Ziele in Saudi-Arabien". Anfang des Jahres wurden auch die Vereinigten Arabischen Emirate zur Zielscheibe der Huthis. Saudische Ölanlagen waren bereits in den vergangenen Jahren angegriffen worden. Die jüngste Attacke wird in Riad als Antwort auf die neue Friedensoffensive des Golfkooperationsrats gesehen, der den Huthis für Ende März bis Anfang April groß angelegte Gespräche im saudischen Riad vorschlug. Die Huthi-Miliz lehnte eine Teilnahme ab, da Riad als Veranstaltungsort nicht neutral sei.

In Jemen herrscht seit 2015 Krieg zwischen den von Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und den von Iran unterstützten Huthi-Rebellen. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der die Militäroperation 2015 noch "Decisive Storm" (entscheidender Sturm) nannte, hoffte damals auf einen schnellen Sieg. Doch davon kann im siebten Jahr des Krieges keine Rede mehr sein. Während Riad auf ein gesichtswahrendes Ende des Krieges hofft, verbucht die Miliz - wohlgemerkt ohne Luftwaffe oder Marine - weiterhin territoriale Zugewinne. Die Schlacht um die strategisch wichtige Stadt Marib mit ihren Öl- und Gasfeldern ist die entscheidende nächste Phase des Krieges. Fiele Marib an die Huthi-Rebellen, verlöre die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung ihre letzte Bastion im Norden.

Die UN schätzen die Zahl der Todesopfer in Jemen auf bislang 377 000

Riad steht wegen der humanitären Katastrophe der Zivilbevölkerung unter massiver internationaler Kritik. Der russische Krieg in der Ukraine wird die Lage der Menschen weiter verschlimmern. Die Vereinten Nationen gehen von 377 000 Jemeniten aus, die direkt oder indirekt durch den Konflikt getötet wurden. 70 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren. Die saudische Blockade des Hafens von Hodeidah im Süden der Arabischen Halbinsel ist eine Hauptursache der humanitären Katastrophe, da der Import von Lebensmitteln und Medikamenten erschwert wird.

Die Huthi sehen dennoch keine Notwendigkeit, Kompromisse mit Riad einzugehen. Bruce Riedel, ehemaliger Nahostberater des US-Präsidenten Bill Clinton sowie langjähriger CIA-Mitarbeiter, vergleicht den Aufstieg der Huthi-Miliz mit der Erfolgsgeschichte der Hisbollah in Libanon. In einem Beitrag der Brookings Institution schreibt er, dass sich beide Gruppen trotz ihrer zahlreichen Menschenrechtsverletzungen erfolgreich als "nationalistische Verteidiger ihres Landes gegen verhasste ausländische Feinde positioniert haben". Im Fall der Huthi ist das Saudi-Arabien, das von den USA unterstützt wird. Also wiederholen die Huthi weiter ihre bekannten Forderungen: die vollständige Aufhebung der Blockade aller See- und Flughäfen. Mithilfe des militärischen, technischen Know-hows der Iraner und der Hisbollah erinnern sie Riad ab und an daran.

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