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Jemen:Zwischen Leben und Tod

Hungersnot in Jemen: Die zehnjährige Ahmadia Abdo wiegt auf diesem Bild vom 23. Januar zehn Kilogramm.

(Foto: Essa Ahmed/AFP)

Die Vereinten Nationen sammeln auf einer virtuellen Konferenz Spenden für das Bürgerkriegsland. Dort eskalieren die Kämpfe wie seit Jahren nicht. Das könnte die humanitäre Hilfe unterbrechen und eine Hungersnot auslösen, die Millionen Menschen das Leben kostet.

Von Paul-Anton Krüger, München

In Diriyah stiegen gerade Feuerwerksraketen in die Dunkelheit. Sie markierten in der Nacht zum Sonntag den Abschluss der Rennen der Formel E vor den Toren von Riad. Da verkündete dunkles Grollen ein anderes Schauspiel am Nachthimmel, das für die 6,5 Millionen Bewohner der saudischen Hauptstadt inzwischen bedrohlicher Alltag ist: Fauchend jagten Patriot-Luftabwehrraketen eine anfliegende ballistische Rakete, abgefeuert von den Huthi-Milizen im Nachbarland Jemen. Das Triebwerk des abgefangenen Geschosses durchschlug die Decke eines Wohnhauses. Tags zuvor hatte die saudische Luftabwehr sechs mit Sprengsätzen bestückte Drohnen abgeschossen, die auf Orte im Süden des Königreichs zielten.

In Jemen selbst toben die schwersten Kämpfe seit Jahren: Die von Iran unterstützten Huthis versuchen, die strategisch bedeutende Provinz Marib einzunehmen. Alleine seit Freitag sind dabei Dutzende Kämpfer auf beiden Seiten getötet worden. Die von Iran unterstützten Huthis wollen sich mit ihrem Vorstoß die Kontrolle über den Norden des Landes sichern und Zugang zu den Gas- und Ölfeldern verschaffen. Zusammen mit einer Raffinerie und einer Abfüllanlage für Flüssiggas sind sie bedeutend für die Versorgung und eine wichtige Einnahmequelle in einem Land, dessen Wirtschaft und Infrastruktur weitgehend zerstört sind.

Regierungstreue Kommandeure fordern, den Waffenstillstand an anderen Fronten aufzukündigen, vor allem in Hodeidah, der strategisch wichtigen Hafenstadt am Roten Meer, über die ein Großteil der Hilfsgüter ins Land kommt. Sollte der Hafen zerstört oder schwer beschädigt werden, ist eine Hungerkatastrophe die unausweichliche Folge.

Das ist der düstere Hintergrund, vor dem sich internationale Geber an diesem Montag zu einer von den Vereinten Nationen zusammen mit Schweden und der Schweiz organisierten virtuellen Konferenz zusammenschalten, an der US-Außenminister Antony Blinken ebenso teilnehmen soll wie Bundesaußenminister Heiko Maas.

Corona, Cholera und Polio wüten

Sieben Jahre dauert der Krieg in Jemen nun schon, aber noch nie war die Lage so verheerend wie jetzt. Alle Indikatoren zur humanitären Lage zeigen in die falsche Richtung, heißt es. Laut den UN sind fast 21 der geschätzt 30 Millionen Jemeniten für ihr Überleben abhängig von humanitärer Hilfe. Um diese zu finanzieren, wären im Jahr 2021 3,85 Milliarden Dollar notwendig, 450 Millionen mehr als im Vorjahr. Schon damals kam allerdings nur knapp mehr als die Hälfte des nötigen Geldes zusammen - die UN und andere Hilfsorganisationen mussten Programme kappen und Lebensmittelrationen strecken.

Wesentlicher Grund dafür, dass die Hilfe unterfinanziert blieb, ist laut UN-Nothilfechef Mark Lowcock, dass einige der Golfstaaten ihren Beitrag deutlich reduziert haben. Während Saudi-Arabien nach wie vor der wichtigste Geber für Jemen ist, überwiesen die Vereinigten Arabischen Emirate im Jahr 2020 nur noch 23 Millionen Dollar an die UN, 2019 waren es noch 420 Millionen gewesen. Auch Kuwait hat seine Zahlungen drastisch reduziert.

Das Auswärtige Amt hat 2021 bislang 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die überwiegend dem Welternährungsprogramm zugutekommen; zugesagt sind bereits 108 Millionen Euro. Die Not der Menschen sprenge jede Vorstellungskraft, sagte Außenminister Maas. Deutschland werde deshalb "einmal mehr mit einer substanziellen neuen Hilfszusage vorangehen und eindringlich dafür werben, dass andere es uns gleich tun".

Bezahlt werden soll mit Geld der Bundesregierung auch die Sicherung des Öltankers Safer, der als schwimmendes Lager benutzt wird. Beladen mit etwa 1,1 Millionen Barrel Rohöl liegt das 1976 gebaute und 1986 umgewandelte Schiff im Roten Meer acht Kilometer vor der jemenitischen Westküste bei Ras Issa.

Der Zustand des Schiffs ist so miserabel, dass es auseinanderzubrechen droht. Das wäre nicht nur eine Katastrophe für die Umwelt und die Fischer, sondern würde auch den Betrieb des etwa 60 Kilometer entfernten Hafens von Hodeidah gefährden. Einmal hatten die Huthis den UN schon die Genehmigung erteilt, den Tanker zu sichern, dann widerriefen sie diese allerdings.

Derzeit sind laut den UN 16 Millionen Jemeniten von Hunger bedroht, mehr als 50 000 sind in akuter Gefahr, zu verhungern. 400 000 Kinder sind dermaßen unterernährt, dass sie binnen Wochen sterben werden, wenn ihnen nicht sofort mit Spezialnahrung geholfen wird. Insgesamt leiden 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren an akuter Unterernährung. Zugleich wüten Cholera und Polio in dem Land und auch die Corona-Epidemie; verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht.

Allein ein landesweiter Waffenstillstand könnte nach Einschätzung von Diplomaten die Situation stabilisieren. "Hoffnung auf echte Besserung gibt es nur, wenn es endlich gelingt, die Kämpfe zu stoppen", sagte auch Maas. Darum bemüht sich gerade auch der neue US-Sondergesandte Tim Lenderking bei Gesprächen in der Region - bislang ohne Erfolg.

© SZ
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