Klimawandel:Regen, selbstgemacht

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Japan: Menschen überqueren die Hachiko-Kreuzung in Tokio im Regen

Gerne öfter: Menschen überqueren die Hachiko-Kreuzung in Tokio im Regen.

(Foto: Iain Masterton/imago images)

Japan besinnt sich auf das Handwerk der Wettermanipulation - und greift zu einer umstrittenen Technik.

Von Thomas Hahn, Tokio

Optimismus ist, wenn man trotzdem an eine technische Lösung glaubt. In Japan scheint es jedenfalls so zu sein, denn es gibt dort viele Ideen gegen die Folgen der Erderwärmung. Bienensterben? Japanische Wissenschaftler haben Seifenblasen entwickelt, mit denen man Obstgärten bestäuben kann. Als vor Olympia 2020 alle Welt Probleme wegen Tokios Sommerhitze befürchtete, erprobte man die Kühlung von Zuschauertribünen mittels künstlicher Beschneiung. Und natürlich kapituliert der Inselstaat auch sonst nicht vor dem Klimawandel: Tokios Metropolregierung hat neue Anlagen zur Regenproduktion errichtet.

Das Handwerk der Wettermanipulation für mehr Niederschlag ist relativ alt. Es wurde 1946 beim US-Konzern General Electric erfunden. Man besprüht die Wolken mit Salzen oder anderen Chemikalien, damit sich kleinste Wassertropfen an diese anlagern und größere Wassertropfen entstehen, die schwer genug sind, um auf die Erde zu fallen. In einigen Staaten gilt die Methode als Hoffnung. China, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Thailand haben zum Beispiel teure Programme, um mit Flugzeugen, Raketen oder Drohnen ihr eigenes Wetter zu machen. Auch in Japan ist die Technologie nicht neu. Nach Dürren in den Fünfzigerjahren baute Tokios Metropolregierung 1966 vier Regengeneratoren am Ogouchi-Reservoir, 65 Kilometer westlich der City. Insgesamt bliesen diese an 800 Tagen Silberjodid in die Wolken, um mehr Wasser für Japans größten Speichersee zu bekommen.

Vom Jahr 2001 an allerdings kaum mehr. Die Olympischen und Paralympischen Spiele, die wegen Corona nicht 2020, sondern 2021 stattfanden, motivierten Tokio, neue Anlagen zu bauen. Und jetzt gehört Kunstregen hier wieder zur Strategie der Wasserversorgung. Nach Angaben des Tokioter Amts für Wasserwirtschaft regnet es in Japan etwa doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Aber der Pro-Kopf-Niederschlag ist im dicht besiedelten Inselstaat relativ gering. Die Trockenphasen 2013 und 2016 galten deshalb als Warnung. Außerdem will man ja was tun gegen die Folgen des Klimawandels. Irgendwas.

Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob das sogenannte Cloud Seeding richtig funktioniert. Außerdem: Wolken, die man zum Abregnen zwingt, bringen anderswo keinen Regen mehr. Als China vergangenes Jahr ankündigte, bis 2025 etwa 5,5 Millionen Quadratkilometer Land mit hausgemachtem Regen befeuchten zu wollen, fühlte sich Indien bedroht. Stiehlt der Nachbar den Monsun, von dem Indiens Landwirtschaft abhängt? Und was bedeutet Cloud Seeding für die Umwelt? "Wenn ich das als Staat strukturell jeden Tag überall in der Fläche mache, beregne ich das ganze Land mit Silberjodid", hat der Hamburger Meteorologe Frank Böttcher 2021 in einem n-tv-Interview gesagt, "keiner hat eine Ahnung, was das für Äcker und Lebensmittel bedeutet."

Die Natur lässt sich nicht beliebig überlisten, das weiß man in Japan. Die Pollen-Seifenblasen sind kein echter Bienen-Ersatz. Die Olympia-Beschneiung blieb eine Idee. Und Tokios Regierung räumt ein, dass die neuen Generatoren allenfalls fünf Prozent mehr Regen bringen - wenn das Wetter mitspielt. Denn ohne Wolken und passenden Wind sind die modernen Regenmacher aufgeschmissen.

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