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Japan und Südkorea:"Vorkriegszeitlich"

Two students do self-study at an elementary school where the facility was opened for children who cannot stay at home alone while their parents are at work, in Saitama, Japan

In Japan blieben viele Schulen am Montag geschlossen. Ausnahmen gab es für Kinder, deren berufstätige Eltern keine Betreuungsmöglichkeit hatten.

(Foto: Kyodo/Reuters)

Politiker und Behörden wollen sich nicht von Fachleuten belehren lassen, die es besser wissen.

Am Montag waren dann tatsächlich viele staatliche Schulen in Japan geschlossen oder bereiteten zumindest den Beginn verlängerter Frühlingsferien vor. Bildungsminister Koichi Hagiuda hatte zwar noch einmal klargestellt, dass die überraschende Empfehlung von Premierminister Shinzo Abe im Kampf gegen das Coronavirus nicht rechtsverbindlich sei. Aber wenn der Regierungschef derart entschlossen vom Schutz der Kinder spricht, wie er das am vergangenen Donnerstag getan hat, dann gehorchen die meisten Schulämter eben. Nur in der Präfektur Shimane, die zu denen ohne offiziell bestätigten Covid-19-Fall gehört, machten die Behörden nicht mit. An anderen Orten durften einzelne Kinder in die Klassenzimmer, wenn die berufstätigen Eltern sie gar nicht anders unterbringen konnten.

Der Arzt Masahiro Kami, Chef des gemeinnützigen Forschungsinstituts für Medizinkontrolle, sieht mit Befremden zu. Er findet: "Mit gewaltigen Eingriffen sollte man besser vorsichtig sein." Denn aus seiner Sicht ist es längst zu spät für Vorsichtsmaßnahmen wie Schulschließungen. "Man muss einräumen", schreibt Kami in einem Aufsatz, der der SZ vorliegt, "dass die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus nicht mehr zu vermeiden ist."

In Japan und Südkorea hat die nächste Stufe der Coronavirus-Bekämpfung begonnen. Zumindest klingen die Fachleute so, als sei die Zeit vorbei, in der man das Virus mit Quarantäne, Absagen und Schließungen unter Kontrolle halten kann. Das staatliche Zentrum für Seuchenkontrolle meldete am Montag 476 neue Fälle. Die Gesamtzahl der Covid-19-Infizierten im Land stieg damit auf 4212 bei 22 Todesfällen.

Menschen laufen unbemerkt mit dem Coronavirus durch die Städte und stecken andere an

Für den amerikanischen Virologen Hakim Djaballah sind in Südkorea die bisherigen Bemühungen, das Coronavirus einzudämmen, so gut wie gescheitert. Zwei Medikamente seien immerhin eine Hoffnung bei der Covid-19-Vorbeugung, schrieb er Ende vergangener Woche in einem Beitrag für die Korea Times. Er legte nahe, Staatspräsident Moon Jae-in solle "alle Medikamenten-Hersteller in Südkorea per Vollzugsanordnung und im Namen der nationalen Sicherheit dazu anhalten, mit der Produktion und Verteilung von Plaquenil und Remdesivir zu beginnen".

In Japan, das im Sommer Gastgeberland der Olympischen und Paralympischen Spiele sein will, sehen die Zahlen freundlicher aus. 275 bestätigte Covid-19-Fälle - ohne die mehr als 700 Infizierten von dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, das Japans Gesundheitsministerium zwei Wochen lang mit durchwachsenem Erfolg unter Quarantäne hielt. Aber diese relativ niedrige Zahl täuscht. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Masahiro Kami. Die Dunkelziffer sei in Japan besonders hoch, weil das Gesundheitsministerium und das ihm unterstellte Nationale Institut für Infektionskrankheiten die neuen Coronavirus-Tests auf bestimmte Gruppen begrenzt haben. Nämlich auf die schweren Fälle, etwa auf Patienten, die wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus bleiben müssen.

Fast 110 000 Tests gab es in Südkorea schon. In Japan 2517. "Die meisten infizierten Menschen haben keine oder milde Symptome", sagt Kami, gerade die müsste man testen. Hat man aber nicht. Die Folge: Menschen laufen unbemerkt mit Coronavirus durch die Städte und stecken Menschen an, für die das Virus gefährlich ist. "Todesfälle zu verhindern, ist jetzt wichtiger als die Verbreitung zu verhindern", urteilt Kami deshalb und mahnt "Entscheidungen auf der Basis von wissenschaftlicher Erkenntnis" an. Schulschließungen und Absagen wie jene des Amateurrennens beim Tokio-Marathon am Sonntag gehören dazu aus seiner Sicht nicht. "Der Effekt von Absagen ist gering in städtischen Gebieten, in denen das Pendeln in vollen Zügen zur Routine gehört." Die Frage der Verhältnismäßigkeit treibt Kami um.

Aber Premierminister Shinzo Abe hat andere Krisenpläne. Wissenschaft und Politik laufen in Japan aneinander vorbei, sagen Kritiker. Ein Fachinstitut, das im Notfall unabhängig und autonom entscheiden kann, gibt es nicht. Es ist, als wollten sich Machtmenschen und Bürokraten nicht belehren lassen von Fachleuten, die etwas besser wissen. Abe tritt in diesen Tagen jedenfalls als wortstarker Krisenmanager auf. Am Samstag gab er eine dramatische, live übertragene Pressekonferenz, bei der er ein Notfallpaket von 270 Milliarden Yen (2,2 Milliarden Euro) ankündigte und seine Landsleute "demütig" um Kooperation bat. Am Montag dachte er im Parlament laut darüber nach, den Notstand auszurufen, denn es sei "sehr wichtig, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen und vorbereitet zu sein" - der Notstand würde es Behörden ermöglichen, das öffentliche Leben zum Erliegen zu bringen.

"Vorkriegszeitlich" findet Masahiro Kami die Entscheidungswege der Virusbekämpfung in seiner Heimat. Und das Nationalinstitut für Infektionskrankheiten hat sich früher schon geäußert: "Wir sind der Außenposten des Ministeriums, der auf dessen Instruktionen und Vorgaben hin handelt." Das sollte wohl heißen: Wir können nichts dafür.

© SZ vom 03.03.2020
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