Yuriko Koike spricht fließend Englisch und Arabisch, schon das ist unter Japans Politikern ungewöhnlich. Die 64-Jährige, die am Sonntag zur Bürgermeisterin der 13,6-Millionen-Einwohnerstadt Tokio gewählt wurde, hat einen eigenen Kopf und viel Willenskraft. Als Umweltministerin erfand sie vor zehn Jahren "Cool Biz", die Regel, die Japans Beamte und Angestellte im Sommer von der Krawatten- und Sakko-Pflicht befreit und so den Energieverbrauch der Klimaanlagen reduziert hat. Sie selbst spottet darüber: "Es brauchte eine Frau, um Japans Männer cool zu machen."
Die frühere Fernsehjournalistin aus dem westjapanischen Hyōgo, die in Kairo Arabistik studierte und ihre Verbindungen in den Nahen Osten bis heute pflegt, ist geschieden und kinderlos. 1992 wechselte sie vom Bildschirm ins Parlament, seither gehörte sie vier verschiedenen Parteien an, seit 14 Jahren wieder den Liberaldemokraten (LDP) von Premier Shinzō Abe. Ein bunter Vogel in der Masse der grauen Politiker Japans. Aber auch Koike ist eine Nationalistin, sie will "patriotische Geschichtsbücher", den Friedensparagrafen aus der Verfassung streichen, und sie pilgert zum Yasukuni-Schrein, mit dem Japan seine Gefallenen ehrt, auch die Kriegsverbrecher.
Als Abe 2006 das erste Mal Premier wurde, überließ er Koike das Verteidigungsamt. Das gab sie schon nach 55 Tagen im Streit auf. In seiner zweiten Amtszeit hat der Premier, obwohl er die Frauenförderung propagiert, der populärsten LDP-Politikerin keinen Ministerposten mehr angeboten. Im Gegenteil, als Koike ihre Kandidatur für das Bürgermeisteramt ohne Rücksprache mit der Partei ankündigte, versuchte diese, sie zu stoppen. Schließlich schickte man den blassen Ex-Beamten und -Provinzgouverneur Hiroya Masuda ins Rennen, und Koike war plötzlich eine unabhängige Kandidatin. Aber eine, die nun gewonnen hat - mit einem deutlichen Vorsprung gegenüber den 20 anderen Wettbewerbern. Für Abe ist das eine doppelte Niederlage, zumal die neue Bürgermeisterin kein Hehl aus ihren Ambitionen auf das höchste Staatsamt macht. Sie wolle "Japans Hillary Clinton" sein, hat Koike einmal gesagt.
Die Wahl hat sie freilich nicht nur mit Argumenten, sondern auch mit ihrer Prominenz und geschickten Slogans für sich entschieden: Tokio müsse eine "Diver-City" werden, eine Stadt für Menschen aller Talente und Hintergründe, besonders auch der Frauen. Nur ein wiederbelebtes Tokio, so das Argument, könne Japan aus seiner langjährigen Stagnation befreien.
Doch der Triumph ist nicht ungetrübt. Die vorzeitige Wahl war nötig geworden, weil der bisherige Bürgermeister sich aus öffentlichen Kassen bedient hatte. Im Internet kursieren nun aber Dokumente, die auch Nachfolgerin Koike illegale Geldgeschichten nachweisen wollen. Kritiker werfen ihr vor, sich als Präsidentin der japanisch-libyschen Freundschaftsgesellschaft selber Wahlkampfspenden überwiesen zu haben.
