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Japan:Neue Bronze, alter Streit

Statue symbolizing Japanese PM Shinzo Abe taking a deep bow to 'comfort woman' is pictured at Korea Botanic Garden in Pyeongchang

Soll die gebeugte Figur Japans Premier darstellen? Die Regierung in Tokio will ihn in der Statue im südkoreanischen Pyeongchang erkennen.

(Foto: Daewoung Kim/reuters)

Eine Skulptur in einem südkoreanischen Garten belastet die ohnehin frostigen Beziehung zwischen Tokio und Seoul.

Von Thomas Hahn, Tokio

Im Botanischen Garten am Fuße des Berges Odaesan im Bezirk Pyeongchang, Südkorea, muss jetzt erst mal die Identität einer Statue festgestellt werden. Denn davon hängt es ab, ob die Stimmung zwischen den Nachbarländern Japan und Südkorea noch frostiger wird, als sie ohnehin schon ist. Eine Skulptur im Garten hat Tokios Aufmerksamkeit erregt. Diese zeigt nämlich nicht nur eine stoisch dasitzende Frau als stille Klage gegen Japans kaiserliche Armee, die während der Besetzung Koreas von 1910 bis 1945 Koreanerinnen als Sexsklavinnen für ihre Soldaten missbrauchte. Sie zeigt auch einen Mann im Anzug, der vor ihr niederkniet. Medienberichte legen nahe, dass der knieende Mann Japans Premierminister Shinzō Abe sein soll. Kabinettssprecher Yoshihide Suga zürnte: "Wenn das stimmt, wird das einen entscheidenden Effekt auf die Japan-Südkorea-Beziehungen haben."

Es gibt gerade keine Aussicht auf Entspannung im japanisch-südkoreanischen Verhältnis - das zeigt die Aufregung um die Skulptur "Ewige Sühne" des Bildhauers Wang Kwang-hyun in Pyeongchang deutlich. Die Debatte um besagte Sexsklavinnen oder Trostfrauen, wie man sie zur Beschönigung auch nennt, ist einer der härtesten Konflikte aus der schlecht aufgearbeiteten Vergangenheit der beiden Länder. Japan dachte einmal, das Problem sei vom Tisch. 2015 vereinbarte die Abe-Administration mit Seoul, dass es "letztgültig und unumkehrbar" gelöst sei, wenn Japan eine Organisation finanziere, die Entschädigungen an betroffene Frauen verteilt.

Der Krieg bleibt das Thema. Denn eine nachhaltige Aussöhnung bekommt Tokio nicht hin

Aber damals regierte in Südkorea die konservative Präsidentin Park Geun-hye, die in ihrer politischen Haltung dem rechtskonservativen Abe relativ ähnlich war. Heute sitzt Park Geun-hye wegen Amtsmissbrauchs im Gefängnis. Ihr liberaler Nachfolger Moon Jae-in betrieb von 2017 an nicht nur eine Annäherung an Nordkorea, was Japan grundsätzlich suspekt ist. Er widersprach auch der Vereinbarung, weil sie nicht den Willen der Betroffenen spiegle.

Nachhaltige Aussöhnung bekommt die Abe-Regierung mit ihrer nationalistischen Grundausrichtung nicht hin. Und Moons Südkorea denkt nicht daran, dem großen Nachbarn etwas zu verzeihen, das dieser nicht richtig einsieht. So ist eine ganze Serie aus Konflikten entstanden. 2018 urteilte Südkoreas Oberster Gerichtshof, die japanische Firma Mitsubishi müsse Entschädigungen an südkoreanische Zwangsarbeiter aus der Besatzungszeit zahlen. 2019 strich Japan Südkorea von seiner Liste der bevorzugten Wirtschaftspartner. Ständig gibt es Abschätzigkeiten und Vorwürfe. Der jüngste Konflikt passt dazu.

Immerhin, Südkoreas Regierung lenkte etwas ein. Sie konnte nichts ändern. Der Botanische Garten in Pyeongchang ist privat, außerdem ist die Kunst unter Moon frei. Allerdings erinnerte das Außenministerium an die Anstandsregeln gegenüber ausländischen Staatsleuten. Und das kam offensichtlich an. Dass es sich bei der Skulptur um einen Abe in Bronze handle, stritt der Garten-Chef Kim Chang-ryeol glatt ab. "Das könnte jeder Mann sein, der sich bei dem Mädchen entschuldigen muss", sagte er der Nachrichtenagentur Kyodo. Der Bildhauer Wang Kwang-hyun sagte in der Zeitung Kyunghyang: "Die Arbeit ist ein Ausdruck für die Sühne, welche die Trostfrauen verdienen, und sie unterstützt den Geist unserer Leute, die sich ein neues Japan wünschen, das sich ehrlich entschuldigt und sich der Geschichte stellt."

Die Betrachter können sich selbst ein Bild machen von der Skulptur. Das volle Haar, die Nase, der perfekt sitzende Anzug - das könnte in der Tat Shinzō Abe sein. Dagegen spricht, dass der kniende Bronze-Mann zu jung und zu beweglich wirkt für eine Darstellung des 65-jährigen Abe. Und schmeicheln würde ein südkoreanischer Künstler dem japanischen Premierminister bestimmt nicht.

© SZ vom 30.07.2020

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