Japan nach dem Tsunami Falsches Leben im Mauerpark

Viele Orte wie hier das Kernkraftwerk Hamaoka bei Omaezaki werden mit Tsunami-Mauern verbarrikadiert

(Foto: REUTERS)

Vier Jahre nach dem Tsunami verbarrikadiert Japans Regierung die Küste mit Mauern. Die Mächtigen sind mit der Bauindustrie eng verbandelt. Doch viele glauben, dass die Schutzwälle mehr Schaden anrichten als nützen.

Von Christoph Neidhart, Kesennuma

In einem Jahr sei er wohl nicht mehr da, sagt der Gemüsehändler Keisoku Tokumoto. Er hat seinen Laden in einem Container. "Dort unten am Hafen wollen sie bauen", weist er über das Brachland, das bis vor vier Jahren die Innenstadt von Kesennuma war. "In diese Ecke soll mein Laden kommen", zeigt er auf einem Plan. Nein, er freue sich nicht.

Bis zum 11. März 2011 hatte der 72-Jährige seinen alten Laden dort in der Nähe. In seinem Container hat er ein großes Schwarzweißfoto zur Erinnerung aufgehängt. Als an jenem Freitag um 2:46 Uhr die Tsunami-Sirenen losheulten, sprang er auf sein Moped und flitzte auf einen Hügel, vorbei an vielen, die mit dem Auto fliehen wollten. Sie blieben im Stau stecken, einige kamen ums Leben. Aus der Höhe musste er mitansehen, wie die Fluten Kesennuma überfielen. Sie trieben Fischkutter, Autos, Dächer und sein Haus vor sich her wie Spielzeug. Nachdem das Wasser sich zurückgezogen hatte, begannen die Trümmer zu brennen, weil Schiffsdiesel ausgelaufen war.

Neun Monate später stellte die Stadt mehrere Reihen zweistöckiger Container für Läden auf: den Murasaki-Markt. Seither verkauft Tokumoto in diesem Provisorium Zwiebeln, Lauch, Kohl, Tomaten und Mikan, süße japanische Mandarinen.

Warum freut er sich dann nicht, wieder einen richtigen Laden zu bekommen? "Ich weiß nicht", grämt er sich. Für den Container muss er nur Gebühren zahlen, für den Laden dann aber Miete. Dazu mangelt es ihm an Kunden. "Die Leute kommen nicht mehr", seufzt er. Sein Sohn in Tokio würde ihm zwar Geld leihen. Aber der Laden müsste sich selbst tragen. Deshalb denkt er ans Aufhören. "Aber den ganzen Tag allein zu Hause sitzen, das kann ich nicht."

Wie Tokumoto geht es an der vom Tsunami verwüsteten Sanriku-Küste vielen. Die Provisorien sind ihnen zur Permanenz geworden. Zwar haben manche Flüchtlinge in den Container-Siedlungen Depressionen, es gibt Selbstmorde. Aber viele haben sich trotz der Enge irgendwie eingerichtet, sie haben neue Nachbarn und Freunde gefunden. Kleine Kinder kennen kein anderes Zuhause. Zudem wohnen sie, die alles verloren haben, im Container umsonst.

Es gibt Schulen, Kindergärten, Stadtverwaltungen, Arztpraxen, Hotels, Cafés, Läden, Friseure, Kaufhäuser, in Minamisanriku sogar einen Hochzeitspalast. In Kamaishi hatte sich ein Beerdigungsunternehmer vorübergehend in einem Container installiert. Noch wohnen etwa 100 000 Tsunami-Flüchtlinge in Containern.

Dörfer und Läden sollen aufgelöst werden

Wie sehr diese Provisorien auf Permanenz eingerichtet sind, zeigt sich unweit vom Laden Tokumotos im sogenannten Fischerviertel von Kesennuma. Nach dem Tsunami galt die Regel, beschädigte Häuser durften repariert werden, neue bauen durfte man nicht. Doch für Container, die man auf den brachliegenden Grundstücken aufstellte, wurden Beton-Fundamente gegossen. Wie in Kesennuma verlangen die Behörden nun vielerorts, die Dörfer und Läden sollten aufgelöst werden, möglichst bis zum fünften Jahrestag der Katastrophe im März 2015. Die Verträge werden nur noch um ein Jahr verlängert.

Weil man in Kesennuma beschlossen hat, den Hafen mit einer Tsunami-Mauer zu verbarrikadieren, darf nun auch wieder gebaut werden. Vor einem Jahr war der Gemüsehändler Tokumoto, wie viele Leute an der zerstörten Küste, vehement gegen solche Mauern. Eine Welle der Empörung über die Pläne Tokios breitete sich aus. Die meisten Orte hatten Erfahrungen mit Tsunami-Mauern. Fast überall hatten die Fluten sie einfach weggespült. Tokumoto fand damals, es gehe nicht, dass man eine Fischerstadt vom Meer abriegele. "Wir brauchen keine Mauer, sondern breitere Straßen, auf denen man fliehen kann", meint er.

Kesennuma ist eine Containerstadt, in der viele sich inzwischen fest eingerichtet haben.

(Foto: Tomohiro Ohsumi/Bloomberg)

Inzwischen ist fast überall mit dem Bau der Tsunami-Wälle begonnen worden. Im Fischerdorf Karakuwa, zehn Autominuten nördlich von Kesennuma, ist der neun Meter hohe Schutzwall schon fast fertig. Er wird künftig Gemüsegärten und Reisfelder gegen die Flut abschirmen, Häuser werden hinter der Mauer nicht mehr gebaut. An der Straße, die in die Bucht hinunterführt, hat man hoch über der neuen Mauer eine Marke angebracht: 14 Meter. Bis hierher überschwemmten Fluten vor vier Jahren alles, der neue Schutzwall hätte überhaupt nichts genützt.

Jenen Städten, in denen sich der Widerstand gegen die Tsunami-Mauern regte, bot die Regierung der liberaldemokratischen Partei einen Deal an: Die ganzen Orte sollten angehoben werden. Das Bauvolumen hat sich damit vervielfacht. Dazu muss man wissen, dass die Regierungspartei eng mit der Bauindustrie verbandelt ist. "Wir sollen froh sein, wenn die Regierung für uns soviel Geld ausgibt", meint ein alter Mann im Dorf.