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Japan:Nach dem schwarzen Regen

Japans Gesundheitsminister Katsunobu Kato.

(Foto: imago)

Die Regierung verweigert Atombombenopfern die Anerkennung.

Von Thomas Hahn, Tokio

Masaaki Takano war sieben Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima fiel, und weit genug weg, um den verheerenden Angriff unverletzt zu überleben. Er befand sich damals 20 Kilometer nordwestlich von der Stelle im City-Stadtteil Nakajima, über der die erste Kernwaffe der Welt explodierte. Trotzdem wurde er ein Opfer der Bombe, denn bald ging ein schwarzer Regen über der Straße nieder, in der er damals mit seiner Familie lebte: der radioaktive Niederschlag, den die Explosion ausgelöst hatte. Masaaki Takano kann es deshalb nicht einsehen, dass Japans Regierung sowie die Verwaltungen von Stadt und Präfektur Berufung einlegen gegen das jüngste Urteil des Landgerichts Hiroshima, das ihn und 83 weitere Männer und Frauen als Atombombengeschädigte anerkennt. "Extrem bedauerlich", sagt Takano, 82: "Aber wir werden weiter kämpfen, um zu gewinnen."

Es ist erst ein paar Tage her, dass man in Hiroshima und Nagasaki den 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe begangen hat. Man könnte also meinen, dies sei eine Zeit der Andacht und Besinnung, in der man nicht mehr streiten muss über historische Fakten und das Ausmaß des Leids im Zweiten Weltkrieg. Aber Japans rechtskonservative Regierung findet einfach nicht den Ton, der auf eine aufrichtige Bewältigung der eigenen Vergangenheit schließen lässt. Bei den Gedenkfeierlichkeiten verlor Premierminister Shinzo Abe wie gewohnt kein Wort über die japanische Kriegsverantwortung. Er musste sich sogar den Vorwurf gefallen lassen, in Nagasaki und Hiroshima fast identische Reden gehalten zu haben. Und jetzt wehrt sich seine Regierung auch noch gegen eine Gruppe von alten Landsleuten zwischen Mitte 70 und 90, die endlich eine offizielle Anerkennung dafür wollen, dass die Folgen der Atombombenabwürfe auch sie krank gemacht haben.

Die Verantwortlichen der Stadt Hiroshima und die der gleichnamigen Präfektur wären wohl eher nicht auf die Idee zu diesem gerichtlichen Konter gekommen. Die Zeitung Mainichi berichtet, die Zentralregierung habe sie überredet. Vor allem Kazumi Matsui, dem Bürgermeister von Hiroshima, muss die Berufung unangenehm sein: Seit Jahren fordert er in seinen Ansprachen zum Jahrestag des Atombombenabwurfs zuverlässig, dass die Regierung die sogenannten Black-Rain-Zonen ausweiten solle. Aber die Zentralregierung will offensichtlich einen teuren Präzedenzfall für weitere Klagen verhindern. Die Entscheidung des Landgerichts widerspreche vorigen Urteilen - so erklärt Shinzo Abe die Berufung. Sein Gesundheitsminister Katsunobu Kato fügt hinzu: "Wir können nicht sagen, dass das Urteil des Gerichts auf hinreichender wissenschaftlicher Erkenntnis aufbaut."

Wer ist ein Hibakusha, ein Atombombenopfer, und wer nicht? Das ist die Frage in diesem Streit, in dem es für die Kläger sicher nicht nur um Geld geht, sondern auch um ihre Identität als Einheimische der Region. 1976 legte die Regierung in Tokio eine bestimmte Zone um Hiroshima fest, die vom schwarzen Regen betroffen war. Sie folgte damals meteorologischen Erkenntnissen aus der ersten Nachkriegszeit. Nur Geschädigte aus dieser Zone können seither staatliche Hilfen beantragen. Die Nachbarn der besagten Zone, die auch dem schwarzen Regen ausgesetzt waren, versuchen seit Jahrzehnten, ebenfalls Ansprüche geltend zu machen. Immer vergeblich. Sie konnten Tokio nicht einmal überzeugen, als sich die Regional- und Stadtpolitik auf ihre Seite schlug. Also zogen sie 2015 vor Gericht. Im Juli 2020, vier Jahre und neun Monate später, gab das Landgericht ihnen Recht. Zwölf aus der Gruppe der Kläger waren in der Zwischenzeit gestorben.

Und jetzt müssen die hartnäckigen Streiter also die Berufung hinnehmen. Das bedeutet: Wieder wird verhindert, dass sie sich auch offiziell Hibakusha nennen können. Wieder müssen sie auf ein Urteil warten, das sie vielleicht gar nicht mehr erleben. Ihr Frust wurde deutlich, als sie sich am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Hiroshima zum Widerstand der Regierung äußerten. Tokio wolle Zeit gewinnen und ihren Tod abwarten - solche Stimmen gab es. Der Wille bleibt, aber die Kräfte schwinden. Das wurde vor allem deutlich, als Kazuko Morizono sprach. Sie ist 82 Jahre alt, war einst außerhalb der besagten Zone dem schwarzen Regen ausgesetzt und leidet heute an einer Schilddrüsenüberfunktion, die wahrscheinlich eine Folge des radioaktiven Niederschlags ist. "Ich habe nicht viel Vertrauen in meine Gesundheit", sagt sie, "ich habe das Gefühl, dass wir uns beeilen müssen." Aber Japans Regierung lässt es nicht zu, dass Hiroshimas gezeichnete Senioren sich beeilen.

© SZ vom 14.08.2020

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