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Japan:Kaiser im Widerspruch

In dieser Woche wird der neue Tenno Naruhito gekrönt. Er verkörpert die Tradition und soll Symbol für die Einheit des Staates sein. Aber Naruhito möchte auch als moderner Monarch Orientierung geben.

An diesem Dienstag wird in Tokio der neue Kaiser gekrönt. In einer halbstündigen Zeremonie soll Naruhito offiziell zu Japans 126. Tenno ausgerufen werden. Dies ist das bedeutendste Ritual in einer Serie von Krönungszeremonien, die nach der Abdankung von Naruhitos Vater Akihito im Frühjahr den Beginn einer neuen Ära eingeläutet haben. Staatsgäste aus mehr als 190 Ländern sind angekündigt, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt. Die Welt wird einen Blick auf die traditionelle Seite eines stolzen Inselstaates werfen können. Es ist eine sehr seltene Gelegenheit.

Japan fasziniert viele Menschen. Das hat wohl damit zu tun, dass dieses hochmoderne Wohlstandsland sich über die Zeitenwenden hinweg seine Traditionen und Eigenheiten bewahrt hat - und diese weiter aktiv pflegt. Japan hat sein eigenes Theater (Kabuki), seinen eigenen Sport (Sumo), seine eigene Religion (Shinto), seine eigene Zeitrechnung (man schreibt das Jahr Reiwa 1). Und Japan hat seine Monarchie mit ihren eigenen Ritualen und Regeln. Es ist die älteste der Welt. Es ist die letzte, an deren Spitze ein Kaiser steht.

Der Tenno ist wie ein Anker in der Zeit. Er gibt Menschen das gute Gefühl, dass sich eben doch nicht alles verändert. Das ist durchaus wertvoll. Allerdings steht der Tenno auch für die Frage, wann das Bekenntnis zur Tradition die Freiheit einschränkt. Für Leute aus anderen demokratischen Gesellschaften ist Japan mit seiner straff geregelten Konsenskultur manchmal schwer zu verstehen. Am Tenno zeigt sich das. Denn ist es nicht ein Widerspruch, dass Japans Kaiser laut Verfassung einerseits das "Symbol für den Staat und die Einheit des Volkes" sein soll, aber andererseits auch der höchste Priester des Shinto ist, obwohl die Trennung von Religion und Staat im Gesetz steht?

Und was für einen Staat symbolisiert der Tenno, wenn dieser Staat ihm als Person grundlegende Freiheitsrechte verweigert? In Japans Geschichte hat die Bedeutung des Tenno immer geschwankt zwischen Symbol und tätigem Herrscher. Historiker streiten, ob Hirohito, Naruhitos Großvater, Kaiser von 1926 bis 1989, in seinen ersten 20 Jahren auf dem Thron eine Marionette des Militärs war oder ein Kriegstreiber. Dass seine Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg vom gottgleichen Souverän auf ein menschliches Staatsoberhaupt ohne Macht schrumpfte, war die Voraussetzung dafür, dass das Kaiserhaus im Japan des Wiederaufbaus bestehen bleiben konnte. Heute aber darf der Tenno so gut wie gar nichts: nicht seine Meinung sagen, nach konservativer Deutung der Verfassung nicht einmal wählen. Er darf im Grunde nur beten und lächeln.

Mit vielen Reisen und leisen Handlungen hat Naruhitos Vater Akihito es trotzdem geschafft, dem Kaiserhaus die Aura einer zeitgemäßen moralischen Instanz zu geben. Einer Instanz, die nicht von Japans Kriegsschuld ablenkt und die sich für das Schicksal einzelner Menschen interessiert. Das ist eine große Leistung. Allein die Abdankung des 85-jährigen Akihitos gegen das Gesetz, dass man bis zum Tode Tenno bleiben muss, war ein Zeichen gegen die Unvernunft der Tradition.

Naruhito hat gesagt, dass er dem Beispiel seines Vaters folgen wolle. Er scheint seine Verantwortung zu sehen. Die Werbung blinkt. Die Gesellschaft will Leistung. Die Politik denkt an Japan first. Das Volk braucht Orientierung. Der Kaiser wird die wenigen Gelegenheiten finden müssen, bei denen er sie geben kann.

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