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Japan: Informationspolitik der Regierung:"Was zum Teufel ist da los?"

Im AKW Fukushima-1 explodiert ein Reaktorgebäude - die Regierung schweigt. Stundenlang. Ihre Informationspolitik wird angesichts der Atomkatastrophe zusehends zur Blamage. Ministerpräsident Naoto Kan gibt die Schuld anderen.

Yukio Edano ist derzeit ständig im Fernsehen zu sehen, eine gute Figur macht er dabei nicht. Der Chefsekretär des japanischen Kabinetts soll seine Landsleute darüber informieren, wie ihre Regierung auf die Krise um das havarierte Atomkraftwerk, Fukushima Daiichi reagiert. Er hat sich den blauen Anzug eines Technikers angezogen, das soll Fachwissen vermitteln. Seine Aussagen tun allerdings eher das Gegenteil.

Japan Earthquake Tsunami

Yukio Edano ist Sprecher der japanischen Regierung - kein leichter Job in diesen Tagen.

(Foto: dpa)

Meist sind der Sprecher und sein Chef, Ministerpräsident Naoto Kan, spät dran - bei der jüngsten Explosion waren es viele Stunden. Häufig widersprechen sie dem, was andere Behörden sagen. Manchmal korrigieren sie sich auch selbst. Yukio Edano hält dabei stets den Blick gesenkt. In seinem Gesicht sind viele Falten.

"Er ist der ärmste Hund in dieser Situation", sagt Peter Hausmann über den Japaner. "Er ist selbst abhängig von den Informationen, die er bekommt. Er wird gegrillt und kann nichts Erhellendes beitragen." Hausmann kann sich in diese Lage versetzen, denn er war selbst Regierungssprecher. Von 1994 bis 1998 gab der heute 60-Jährige der Bundesregierung von Helmut Kohl eine Stimme. Hätte es zu dieser Zeit in Deutschland einen atomaren Unfall gegeben - Hausmann hätte die Bevölkerung informieren müssen.

Auch sein Amtsnachfolger Uwe-Karsten Heye, von 1998 bis 2002 Sprecher der Bundesregierung von Kanzler Gerhard Schröder, verfolgt die Lage in Japan aufmerksam. "Die Regierung tut alles, um aus der furchterregenden Lage kein noch größeres Drama zu machen. Aber was sie auch tut, ist mit Fehlern behaftet", sagt Heye. Bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist man weniger diplomatisch: "Wenn die Japaner ihr Verhalten der Regierung anpassen würden, wäre längst Panik ausgebrochen", sagt Stephan Krug, Leiter der politischen Vertretung in Berlin.

Viele Ausländer sind bereits nervös. Deutsche Medien beordern ihre Korrespondenten nach Osaka, etwa 600 Kilometer vom AKW Fukushima entfernt. In Tokio fühlen sie sich nicht mehr sicher, weil Nordwinde radioaktive Teilchen in den Großraum Tokio-Yokohama pusten könnten. Dort leben 35 Millionen Menschen.

Wann die Bedrohung Tokio erreicht, ist unklar. Von der Regierung sind vertrauenswürdige Angaben nicht zu erwarten. Das zeigte sich jüngst bei den dramatischen Ereignissen am Reaktor 2 des AKWs Fukushima-Daiichi: Um 22:10 Uhr deutscher Zeit soll sich dort am Montag eine Explosion ereignet haben. Etwa zwei Stunden später berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo von dem Knall, kurz darauf läuft die Eilmeldung auch über die deutschen Ticker.

Eine offizielle Bestätigung? Zunächst Fehlanzeige. Um 0:08 Uhr deutscher Zeit am Dienstagmorgen berichtet Regierungssprecher Yukio Edano lediglich von einer Beschädigung am Reaktor, Details nennt er nicht. Beinahe zeitgleich bestätigt die japanische Atombehörde eine Explosion am Reaktor - ebenfalls ohne Angabe von Gründen.

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