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Japan und das Fukushima-Wasser:"Extrem unverantwortlich"

An aerial view shows the storage tanks for treated water at the tsunami-crippled Fukushima Daiichi nuclear power plant in Okuma town, Fukushima prefecture

Eine der kompliziertesten Ruinen der Welt: das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima in Japan.

(Foto: KYODO/REUTERS)

Japan will behandeltes radioaktives Wasser aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima ins Meer leiten - und bringt damit nicht nur Nachbarländer gegen sich auf.

Von Thomas Hahn, Tokio

Der Dienstag war der Tag, der kommen musste in der schwierigen Frage, was mit dem überschüssigen gebrauchten Kühlwasser aus dem kaputten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi passieren soll. Japans Premierminister Yoshihide Suga und sein Kabinett traten in Tokio zusammen, um zehn Jahre nach dem Nukleardesaster infolge des Großen Ost-Japan-Erdbebens mit Tsunami vom 11. März 2011 einen endgültigen Beschluss darüber zu fassen. Und die Entscheidung fiel wie erwartet aus: Kraftwerksbetreiber Tepco darf das behandelte radioaktive Wasser in den Pazifik schütten.

"Die Entsorgung des behandelten Wassers ist ein unvermeidliches Problem bei der Stilllegung der Anlage in Fukushima Daiichi", sagte Suga und gelobte, es werde "sichergestellt, dass die Sicherheitsstandards weit übertroffen werden und feste Schritte unternommen werden, um Rufschädigung zu verhindern".

Rufschädigung ist wohl eher ein japanisches Problem bei dem Thema. Ansonsten aber beschäftigt der Rückbau des zerstörten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi die Verächter und Verfechter der Atomenergie auf der ganzen Welt. Alle wollen wissen, wie Japan mit einer der kompliziertesten Ruinen der Welt verfährt. Und der Umgang mit dem überschüssigen Kühlwasser ist seit Jahren ein Streitpunkt rund um die Reaktoren, der Nachbarländer, Fischer und Naturschützende aufbringt. Auch nach der Entscheidung am Dienstag gab es sofort Kritik von vielen Seiten.

Einspruch kam aus Taiwan. Chinas Außenministerium nannte Japans Beschluss "extrem unverantwortlich". In Seoul traten Südkoreas Vizeminister zu einer Notfallsitzung zusammen, um ihre Haltung zu der Entscheidung zu besprechen. Koo Yun-cheol, Chefkoordinator der Regierungspolitik, sagte: "Die Regierung drückt ihr starkes Bedauern aus." Die Umweltorganisation Greenpeace klagte, die Kabinettsentscheidung schade der Umwelt und vernachlässige die Sorgen von Menschen in Fukushima und in den Nachbarländern.

Zehn Jahre im Notfallbetrieb

Die Japaner wirkten unberührt von der Kritik. Sie hatten die Entscheidung eigentlich schon früher treffen wollen. Der Widerstand gab ihnen zu denken, aber viel länger konnten sie den Beschluss nicht mehr aufschieben. Das Gelände von Fukushima Daiichi im Landkreis Futaba an der Küste reicht nämlich nur noch bis nächstes Jahr, um all das gebrauchte Kühlwasser unterzubringen, das Tepco jeden Tag produziert, um die geschmolzenen Brennstäbe in den Reaktoren kühl zu halten.

Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 1,37 Millionen Kubikmetern hat Tepco auf dem Gelände. Im November 2020 lagerten dort schon 1,23 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Zahlen gab Japans Regierung am Dienstag heraus. Sie zeigen: Nach zehn Jahren anhaltenden Notfallbetriebs nähert sich Tepco seinen Grenzen. Kein Wunder.

In einem intakten Kernkraftwerk läuft das Kühlwasser in einem geschlossenen Kreislauf. Mit dessen Wärme wird vereinfacht gesagt Dampf erzeugt, der die Turbinen zur Stromerzeugung antreibt. Aber in Fukushima Daiichi sind die Reaktordruckbehälter der Blöcke eins, zwei und drei kaputt. Einen Kreislauf gibt es nicht mehr. Das Wasser läuft nach dem Kontakt mit dem hoch radioaktiven Schrott aus den Reaktoren über verschiedene Leckagen in die Untergeschosse der Reaktorgebäude und die angrenzenden Maschinenhäuser.

"Es gibt keinen Skandal hier."

Dieses kontaminierte Wasser muss irgendwo hin. Es wird abgepumpt und zum Teil wieder zur Kühlung verwendet. Der Rest muss gelagert werden: Jedes Jahr kommen bis zu 60 000 Kubikmeter Wasser dazu. Zum Teil kann dieses Wasser gereinigt werden, unter anderem mit der Anlage ALPS (Advanced Liquid Processing System). 62 verschiedene Radionuklide - Atomsorten, die wegen ihres instabilen Kerns radioaktiv sind - kann diese Anlage dem Wasser entziehen. Nur Tritium ist im großindustriellen Maßstab gar nicht aus dem Wasser herauszubekommen.

Aber Tritium ist ein derart gering strahlendes Radionuklid, dass Fachleute dieses nicht besorgniserregend finden. Nach Informationen der japanischen Regierung sind 30 Prozent des in Fukushima Daiichi gelagerten Kühlwassers derart behandelt, dass sie die Grenzwerte für alle Nuklide außer für Tritium unterschreiten. Nur dieses Wasser wollen die Japaner ins Meer leiten.

Die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) begleitet den Vorgang. Deren Generaldirektor Rafael Grossi sagt: Die Lösung mit dem Kühlwasser im Meer sei nicht neu. "Es gibt keinen Skandal hier." Die US-Regierung lobte, Japan habe "Optionen und Effekte abgewogen" und "scheint einen Ansatz in Übereinstimmung mit weltweit anerkannten nuklearen Sicherheitsstandards gewählt zu haben".

Besonders viele andere Optionen gab es für die Japaner wohl nicht. Zur Auswahl stand noch, das Wasser verdampfen zu lassen. Aber um die Radioaktivität besser prüfen zu können, wählte man die Lösung mit dem Meer. Tepco und Japans Regierung werden dazu wohl noch einiges erklären müssen, bis sie in zwei Jahren anfangen können, die erlaubten Mengen in den Pazifik zu lassen. Vorerst ist die Stimmung schlecht. Nicht nur bei den Nachbarländern. Auch bei vielen heimischen Fischern.

Der Kraftwerksbetreiber Tepco steckt auch zehn Jahre nach dem Nukleardesaster noch tief in einer Vertrauenskrise. Hiroshi Kishi vom Nationalverband der Fischerei-Kooperativen beobachtet zum Beispiel aufmerksam, wenn Tepco Schwierigkeiten mit der japanischen Atombehörde hat. "Wir können uns nicht helfen", sagte Kishi der Nachrichtenagentur Kyodo, "wir haben große Bedenken gegen Tepco, wenn es um die Sicherheit geht."

© SZ/plin
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