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Japan: Erinnerungen an Hiroshima:Mahnen, erinnern, relativieren

Bei den Opfern der US-Atombombenabwürfe lässt das Fukushima-Desaster traumatische Erinnerungen an 1945 wach werden. Natsumi Nagao etwa war 14 Jahre alt, als "Little Boy" ihre Haut verbrannte und ihr fast das Leben nahm. Die Überlebende der Apokalypse von Hiroshima empfindet die Reaktionen heute fast als übertrieben.

Ein gewaltiger Blitz blendete Natsumi Nagao am 6. August 1945, dann brannte ihre Haut. Die Erinnerung an den Atombombenabwurf verfolgt die Frau aus Hiroshima ihr ganzes Leben lang.

Atombombenopfer in Hiroshima

"Wir waren zu leichtgläubig": Die 80jährige Natsumi Nagao erlebte als Kind den Atombombenabwurf in Hiroshima.

(Foto: dpa)

Es war ein schwüler Sommermorgen, 08:15 Uhr, als sich Nagao mit ihren Klassenkameradinnen auf dem Schulhof versammelte und sie eine gewaltige Explosion erschütterte. "Meine Haut wurde an meinem ganzen Körper verbrannt", erinnert sich die heute 80-Jährige. Nach einem mehrstündigen Flug von der Insel Tinian rund 2500 Kilometer südöstlich von Japan hatte der US-Bomber Enola Gay an jenem 6. August 1945 eine Atombombe über dem Shima-Krankenhaus mitten im Zentrum Hiroshimas abgeworfen.

Wenn Natsumi Nagao am Fernseher die Bilder vom schwerbeschädigten Atomkraftwerk Fukushima sieht, muss sie unweigerlich an ihre grauenhaften Erlebnisse denken. "Das sind sehr komplexe Gefühle", erzählt die Seniorin in Hiroshima. Ihr Arme tragen bis heute Narben der damaligen Verbrennungen. Sie und andere inzwischen hochbetagte Opfer der Atombombenabwürfe der Amerikaner werden nicht müde, im Hiroshima Peace Memorial Museum und anderen Orten von ihren grausigen Erlebnissen zu berichten - und das Ende von Atombomben zu fordern.

Dass jedoch ausgerechnet Japan - das bekanntlich einzige Land der Erde, auf das in einem Krieg Atombomben abgeworfen wurden - bislang unbeirrt auf die Nutzung von AKW gesetzt und mehr als 50 Meiler im Land gebaut hat, ließen die Friedensaktivisten weitgehend außer Acht. Wegen der Erinnerungen an die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki bezog sich die Anti-Atom-Bewegung nahezu ausschließlich auf die Gefahren durch Atomwaffen. Die friedliche Nutzung der Kernenergie wurde davon nahezu ausgenommen.

"Wir waren wohl zu leichtgläubig"

"Japan ging mit der Zeit, die Kernkraft wurde genutzt zum Wohle des Landes", sagt Nagao fast wie zum Verständnis. Einen gravierenden Unterschied zu heute sieht die alte Frau im Umgang mit der Katastrophe: "Als die Atombombe auf Hiroshima fiel, wusste das Volk über die Gefahren der Atombombe nicht so viel wie heute." Deswegen habe ihre Heimatstadt auch zehn Jahre lang nach dem Atombombenabwurf keinerlei Hilfe vom Staat erhalten, beklagt sie. "Die Bevölkerung musste ohne Hilfe aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen".

Heute sei das anders. Heute wisse jeder, wie gefährlich Atomenergie sei. Sie, die die Apokalypse von Hiroshima überlebt hat, empfindet die Reaktionen jetzt sogar als ein wenig übertrieben. "Dennoch glaube ich, dass es besser ist, wenn keine Atomkraftwerke gebaut werden", sagt Nagao nun und räumt ein: "Wir waren wohl etwas zu leichtgläubig." Dass die Anti-Atombewegung sich bislang praktisch nur auf die Gefahren durch Atombomben bezog und die Atomenergie dabei praktisch außer Acht ließ, mag teils auch an den Regierungsverlautbarungen liegen, die stets auf eine Trennung der beiden Bereiche zielten.

Nach dem Krieg, "als das Volk geschwächt war", habe der Staat den Menschen nur gute Dinge über die Atomenergie erzählt und das Volk auf diese Weise "eingekauft", meint Nagao. So sei es gekommen, dass in dieser harten Nachkriegszeit mit dem Bau von Kernkraftwerken begonnen worden sei. "Wenn man um die Gefahren gewusst hätte, wären sie wohl nicht entstanden", meint die alte Frau. Zugleich aber räumt sie Versäumnisse der Anti-Atombewegung in Japan ein: "Wir hätten mehr sagen sollen."

Nach dem, was das verheerende Erdbeben und der Jahrhundert-Tsunami im Nordosten des Landes angerichtet hätten, sei sie jedoch überzeugt, dass es keine weiteren Atomkraftwerke in Japan mehr geben werde. "Das Volk lehnt das ab", betont Nagao. Japan drohe sonst unterzugehen. Angesichts dessen, was in Fukushima passiere, bräuchten Atombombenopfer wie sie jetzt auch gar nichts mehr zu erklären. "Die jungen Menschen wissen jetzt Bescheid. Wenn sie den Atomunfall in Fukushima sehen, werden sie dagegen sein."