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Japan:Der Unmut der Schreine

In dem Inselstaat kämpfen religiöse Stätten um Ausrichtung und Macht.

Von Thomas Hahn

Einer der wenigen Vorteile der Pandemie ist die Ruhe an den Shinto-Schreinen. Die wichtigsten Stätten der japanischen Staatsreligion sind Touristenattraktionen. Aber wegen der Pandemie sind keine Ausländer da, und weil die Infektionszahlen in Tokio hoch sind, sollen auch die Bewohner der größten japanischen Metropole nicht in andere Präfekturen reisen. Für einen Schrein wie den in der Stadt Kotohira, der eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Westjapans ist, bedeutet das mehr Frieden auf der heiligen Anlage. Schön. Und trügerisch.

Denn der Schrein von Kotohira hat einen Streit mit der Dachorganisation Jinja Honcho öffentlich gemacht, der für ein tieferes Zerwürfnis steht. Wichtige lokale Religionsstätten sind unzufrieden mit der Führung des Verbandes. Chefpriester Yasutsugu Kotooka von Konpira-san, so heißt der Kotohira-Schrein im Volksmund, hat den Austritt angekündigt. Er sagte der Nachrichtenagentur Kyodo, das Vertrauen sei schon länger beschädigt.

Schreine gehören zu Japans Landschaft wie Bahnhöfe und 24-Stunden-Supermärkte. Manche sind prachtvoll, andere unscheinbar - aber sie alle sind Fluchten des Alltags, in denen die Menschen Gebete an die Exzellenzen der japanischen Mythologie richten können. 100 000 oder 150 000 Schreine gibt es im Inselstaat, wenn man die kleinen mitzählt. Der Dachverband Jinja Honcho, der 1946 gegründet wurde, als die Alliierten dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg eine Trennung von Staat und Religion vorschrieben, steht nach eigenen Angaben 80 000 Schreinen mit 20 000 Priestern vor. Diverse Autoren weisen darauf hin, dass Jinja Honcho heute neben der Nationalisten-Organisation Nippon Kaigi ein Motor der politischen Rechtstendenz in Japan sei.

Ausschlaggebend für den Austritt des Kotohira-Schreins war eine unpünktliche Zahlung. Jinja Honcho hatte seine Mitglieder-Schreine vergangenes Jahr angewiesen, Zeremonien abzuhalten, um das Daijosai zu feiern, einen speziellen Akt bei der Krönungszeremonie des Kaisers Naruhito. Aber das Geld dafür kam nicht rechtzeitig, das fand Yasutsugu Kotooka eine "unhöfliche Handlung". In einem Statement beklagt er auch "den unbefugten Weiterverkauf von Immobilien", in den der Dachverband verwickelt sein soll.

Jinja Honcho finanziert sich unter anderem durch den Talisman-Verkauf an lokalen Schreinen. Der mächtigste Mann im Verband ist Direktor Tsunekiyo Tanaka, 76, und nebenbei Vize von Nippon Kaigi. Schreine, die sich Kritik leisten können, werfen ihm vor, dass er mit neuen Vorgaben und Personalentscheidungen immer mehr kontrolliere. Der Verband soll auch lange verhindert haben, dass Kotohiras Chefpriester Kotooka seinem Vater als Priester nachfolgen konnte. "Seit Herr Tanaka an der Spitze steht, sind mehr Leute vom Verband regionale Top-Priester geworden", zitiert die Japan Times einen Informanten.

"Schreine sind in den lokalen Gemeinden verwurzelt. Zentralisierung passt nicht zu ihnen", sagt Priester Takahide Mitsui vom Keta-Taisha-Schrein in Ishikawa, der schon seit 2010 nicht mehr Jinja-Honcho-Mitglied ist. Von Jinja Honcho dagegen kommt: kein Kommentar. Man könnte auch sagen: Es ist wohl vorbei mit der Stille.

© SZ vom 27.07.2020

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