Japan:Aufrecht schlafen

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Japan: Entwurf für den Schlafschrank.

Entwurf für den Schlafschrank.

(Foto: Itoki Corp.)

Japanische Firmen wollen das Büro-Nickerchen revolutionieren. Ihre Lösung ist diskret - aber gewöhnungsbedürftig.

Von Thomas Hahn, Tokio

Die Sperrholz-Firma Koyoju Plywood aus Asahikawa in Japan lobt sich selbst dafür, "schon früh neue Werte durch die Verarbeitung von Sperrholz geschaffen zu haben". Gern erinnert sie an ihr Produkt Rough Step, ein rutschfestes Treppenmaterial. Und nun arbeitet sie mit dem Möbelunternehmen Itoki am nächsten Coup: an der Revolution des Mittagsschlafs im Büro.

Denn darauf soll die sogenannte Napbox hinauslaufen, an der Ingenieure beider Häuser gerade tüfteln. Das Patent, eine schmale, auf Holzfüßen aufrecht stehende Kapsel, soll diskrete Nickerchen im Stehen bewerkstelligen. Koyoju-Plywood-Präsident Hironari Yamaguchi erklärt: "Wir wollen ein Produkt machen, das die Bedürfnisse unserer Zeit befriedigt."

Tatsächlich ist das Schlafen außerhalb von Betten oder Futons ein Thema in Japan. Viele Menschen hier arbeiten oft sehr lange. Inemuri, das öffentliche Einnicken in Sitzungen oder Pendlerzügen, ist deshalb nicht nur verbreitet, sondern sogar akzeptiert. Wer bis zur Erschöpfung fleißig ist, hat sich das Dösen schließlich verdient. Außerdem setzt sich auch in Japan die Erkenntnis durch, dass Pausen die Produktivität erhöhen. Wird die Napbox am Arbeitsplatz also bald zum Statussymbol für den modernen Firmenmenschen, der den Trend zum Abschalten verstanden hat?

Schlafen am Arbeitsplatz ist im Grunde ganz einfach. Man braucht dazu kulante Vorgesetzte und eine Kollegschaft, die einen kurz mal in Ruhe lässt. Dann auf dem Bürostuhl zurücklehnen oder den Kopf auf dem Tisch in den verschränkten Armen ablegen - los geht's. Ein Schlummerschrank, in den der müde Mitarbeiter sich selbständig hineinräumt, ist nicht nötig. Vielleicht sogar unpraktisch? Anders als Pferd oder Flamingo besitzt der Mensch ja nicht die körperlichen Voraussetzungen für den Schlaf im Stehen; irgendwann halten ihn die Muskeln nicht mehr.

Aus Sicht der Napbox-Entwickler ist das die Skepsis der Gewohnheit. Wenn sie auch so denken würden, könnten sie kein Kapital aus dem Nickerchen im Dienst schlagen. Für sie ist klar: Der Mittagsschlaf der Zukunft findet aufrecht statt. Betten am Arbeitsplatz? Würden zu viel Platz kosten. Beim Schreibtisch-Schlaf wiederum könne jeder zuschauen, sagt ein nicht namentlich genannter Mitarbeiter von Koyoju Plywood im Sender FNN. Die Napbox hingegen ermögliche ein leichtes Ruhen im Dunkeln. Das Wegsacken verhindere das gepolsterte Innere mit "Drei-Punkt-Stützsystem für Knie, Gesäß und Kopf". Man forsche noch am optimalen Schlafstand für verschiedene Körpergrößen; in der Tat sieht die Napbox auf den Bildern noch so aus, als wäre sie nur für schlanke Menschen geeignet.

Im Sommer 2023 soll die Box auf dem Markt sein. Preis und Design sind noch nicht klar. Fest eingeplant ist eine Belüftung - ohne die es in der engen Kapsel wohl auch schnell stickig würde. Als weitere Funktionen werden erwogen: Luftreinigung, Geruchsbekämpfung, "das Abspielen angenehmer Musik". Außerdem sagt der Koyoju-Plywood-Mitarbeiter: "Wir denken, dass es interessant wäre, irgendwann eine Sauerstoffboxfunktion einzubauen." Vielleicht soll die Napbox auch eines Tages abheben und zum Mond fliegen.

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