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Zweiter Weltkrieg in Japan:Schwarzer Regen

An aerial photograph of Hiroshima, Japan, shortly after the Little Boy atomic bomb was dropped. Dated 1945 WHA PUBLICAT

Der Atompilz über Hiroshima 1945

(Foto: imago images/United Archives)

75 Jahre nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gedenkt Japan der Opfer von 1945. Doch Regierung und Nationalisten verdrängen bis heute die Schuld ihres Landes, das diesen Krieg begann.

Von Thomas Hahn

Für Sadako Sasaki war der 6. August 1945 ein schwarzer Tag, an den sie sich später nicht erinnern konnte. Sie war ein Kleinkind damals, zweieinhalb Jahre alt, arglos, neugierig. Wahrscheinlich spielte sie gerade, als die Atombombe auf Hiroshima fiel.

Sie befand sich in ihrem Elternhaus, 1,6 Kilometer entfernt von der Stelle, über der die Bombe explodierte. Die Druckwelle schleuderte sie aus dem Fenster. Ihre Mutter fand sie in den Trümmern, unversehrt. Die Mutter floh mit ihr durch die zerstörte Stadt und geriet in den schwarzen Regen, den radioaktiven Niederschlag, den die Bombe ausgelöst hatte.

In den ersten Jahren nach dem Angriff war es, als sei alles in Ordnung. Sadako wuchs normal auf. Sie war aufgeweckt und sportlich, das schnellste Mädchen ihrer Klasse in der Nobori-cho-Grundschule. Aber Ende 1954 entwickelten sich kleine Geschwulste an ihrem Hals und hinter ihren Ohren. Es wurde schlimmer. Drei Monate später kam sie ins Krankenhaus.

Verletztes Kind nach der Explosion

(Foto: mauritius images / Alamy / Pictu)

Sadako Sasaki war eine junge Leukämie-Patientin mit Hoffnung und Kraft. Menschen schickten Papierkraniche ins Krankenhaus, um die Kranken zu ermutigen. Sadako Sasaki gefiel das. Sie begann, selbst Kraniche zu falten, aus jedem Papier, das sie bekommen konnte. Wer tausend Kraniche faltet, hat einen Wunsch frei, so heißt es in Japan. Sadako hatte nach einem Monat tausend Kraniche gefaltet. Sie faltete weiter. Sie wollte leben. Sie starb am Morgen des 25. Oktober 1955.

Seither ist Sadako Sasaki eine japanische Friedensheldin, die berühmteste Stellvertreterin der Hibakusha, der Betroffenen der Atombombe. Gedichte und Kinderbücher sind von ihr inspiriert. Im Friedenspark von Hiroshima hat man ihr ein Bronzedenkmal gesetzt, um an die unschuldigen Opfer des Krieges zu erinnern. Sadako Sasakis Geschichte ist echt, dokumentiert in Schwarz-Weiß-Bildern und Krankenakten.

Ihr kurzes Leben macht die grausame Gewalt der Kernwaffe anschaulich. In Hiroshima tötete sie binnen eines Augenblicks mindestens 70 000 Menschen. Noch einmal so viele starben bis zum Ende das Jahres 1945 an Verbrennungen und Verstrahlung. Unzählige weitere wurden in den Jahren danach wegen der Spätfolgen unheilbar krank, genauso wie Sadako. Und weil die Amerikaner am 9. August 1945 ihre zweite Atombombe auf Nagasaki warfen, kamen Zehntausende weitere Tote hinzu.

Das Gedenken der Opfer ist wichtig. Die Menschen in Japan bewältigen damit nicht nur die Traurigkeit über den Verlust von Angehörigen, Freunden und Landsleuten. Sie leiten daraus ihre Friedensbotschaft an die Welt ab. Vor allem das Friedensmuseum in Hiroshima erinnert mit drastischen Fotos, Gemälden, Briefen, Berichten an japanisches Leid und japanische Tapferkeit. Dokumentationen und Bücher kreisen um die Folgen der Bombe, um Schicksal, Qualen und Verlust. Die Tragödien von Sadako Sasaki und den vielen anderen Toten sollen allen eine Lehre sein. "Die dritte Atombombe darf nie fallen" - das ist das Vermächtnis von Hiroshima und Nagasaki.

Wer Lehren aus dem Schrecken ziehen will, muss allerdings auch verstehen, wie es dazu kam. Geschichte ist eine komplexe Abfolge von Ursache und Wirkung, man kann sie nicht auf einen Augenblick reduzieren. Auch die der ersten Atombombe begann nicht erst an dem Morgen, an dem Colonel Paul Tibbets, Pilot der amerikanischen Luftwaffe, seinen riesenhaften viermotorigen B29-Bomber Enola Gay mit der vier Tonnen schweren Uranbombe "Little Boy" und einer eigens für die Mission trainierten Mannschaft von der Pazifikinsel Tinian aus Richtung Hiroshima steuerte.

Der Abwurf um 8.15 Uhr Ortszeit war letztlich die Folge einer Entwicklung, auf die es japanische Regierungspolitiker und Militärs am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten ankommen lassen. Ob er wirklich nötig war? Historiker streiten über die Entscheidung des damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman.

Zwei Erzählstränge führen auf die Katastrophen zu. Der eine handelt von der Verantwortung Japans, der andere von der Verantwortung der USA.

Die eigene Kriegsschuld aber ist in Japan ein verdrängtes Thema: Die rechtskonservativen Kräfte, welche die aktuelle Regierungspolitik prägen, wollen das damalige Kaiserreich nicht als aggressive Kriegsnation sehen, eher als souveränen Industriestaat, der für Asien das Beste wollte und mit Angriffen seine Zukunft verteidigte. Aber das ist nicht die Wahrheit.

Das Kaiserreich Japan war vor seinem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg eine junge Weltmacht, deren Gesellschaft ultranationale Kräfte gewähren ließ. Es war 1933 aus dem Völkerbund ausgetreten, weil dieser Japans Einmarsch in die Mandschurei verurteilt hatte. Es war 1937 über China hergefallen und führte dort einen grausamen Krieg. Und es hatte auch deshalb Wirtschaftssanktionen der USA zu tragen, weil japanische Kriegsverbrechen wie das Massaker an der Zivilbevölkerung von Nanking bekannt geworden waren.

Der Inselstaat hatte sich erst 1868 nach zweieinhalb friedlichen Jahrhunderten der Selbstisolation geöffnet, war rasch zur ersten Industrienation Asiens aufgestiegen und hatte sich dabei durchaus von den Westmächten inspirieren lassen.

In einer Mischung aus Argwohn und Bewunderung betrachteten die Japaner deren technologische Meisterschaft. Und wie die Westmächte unterwarfen sie Länder wie Taiwan und Korea mit kolonialherrschaftlicher Selbstverständlichkeit, um ihren Bedarf an Rohstoffen zu decken. Gleichzeitig war unter Japanern der Glaube verbreitet, dass ihre Nation unbezwingbar und auserwählt sei als Volk des Tenno, des himmlischen Herrschers, des direkten Nachfahren der Sonnengöttin Amaterasu. Die Staatsreligion Shinto lieferte den ideologischen Unterbau für die nationalistischen Kräfte und förderte einen bigotten Japan-Glauben.

Etablierte Mächte schauten auf den asiatischen Emporkömmling herab. 1919 hatte Japan vorgeschlagen, im Vertrag von Versailles die Rassengleichheit unter den Siegermächten des Ersten Weltkriegs festzuschreiben. Vergeblich, Amerika und Australien waren dagegen. Das schwächte die Bemühungen, aus Japan eine prowestliche Demokratie zu machen und bestätigte einheimische Militaristen in ihrem Misstrauen gegenüber allem Nichtjapanischen.

Zum Beispiel den Armeeoffizier Hideki Tojo, der 1924 mit Bitternis zur Kenntnis nahm, dass das Parlament in Washington die Einwanderung von Asiaten in die USA untersagte. "Das zeigt, wie die Starken immer ihr Interesse an erste Stelle stellen", schrieb er damals, "Japan muss auch stark sein, um in der Welt zu überleben."

Tojo, 1884 als Sohn eines Samurai geboren, war wie so viele junge Männer der Meiji-Zeit in dem Glauben aufgewachsen, dass es die größte Ehre sei, für den göttlichen Kaiser im Krieg zu sterben. Er war der ehrgeizige Verfechter eines totalitären Staates und Befürworter des Präventivkriegs. Die Überlegenheit der japanischen Werte wollte er durchsetzen gegen das, was er als ideologische Unterwanderung aus Frankreich, Großbritannien oder den USA sah.

Liberales Gedankengut, Lebensstil und Gesellschaftstheorien der westlichen Welt kamen freilich auch in Japan an. Es gab im Laufe der Zeit soziale Bewegungen, Querdenker, Reformwillen, Parteien, ein Durcheinander von Strömungen. Vor allem nach den Wirtschaftskrisen der Zwanzigerjahre war das vielen Japanern jedoch zu unübersichtlich. Sie waren zur Loyalität gegenüber dem Staat erzogen und folgten der klaren Linie der Ultranationalisten.

World War II, after the explosion of the atom bomb.

Die vernichtete Stadt

(Foto: Universal Images Group via Getty)

Es passte also zum Zeitgeist, dass ein stolzer Soldat wie Tojo Karriere machte. Er wurde in den Dreißigerjahren ein entscheidungsfreudiger General der Kwantung-Armee, die Japans Interessen in China, der Mandschurei sowie der Mongolei durchsetzte und 1932 den Marionettenstaat Mandschukuo errichtete. Beim Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 war Tojo Stabschef. Später wurde er Heeresminister, auf Wunsch von Kaiser Hirohito 1941 auch Premierminister. Er stand zum Dreimächtepakt mit den faschistischen Regierungen Adolf Hitlers in Deutschland und Benito Mussolinis in Italien. Und als die Amerikaner mit einem Ölembargo versuchten, Japan zum Abzug aus China zu bewegen, entschieden er und sein Kabinett, Angriff sei die einzige Chance zum Überleben. Am 7. Dezember 1941 zerstörten japanische Bomber die US-Flotte, die in Pearl Harbor, Hawaii, ankerte.

Man kann Japans Geschichte im Zweiten Weltkrieg nicht auf Hideki Tojo reduzieren. Aber seine Haltung, die damals in Japan nicht als sonderlich radikal galt, steht für jenen japanischen Aufopferungswillen, der die Nation immer tiefer ins Verderben trieb. Die Niederlage gegen die Alliierten war schon nicht mehr abzuwenden, als Kaiser Hirohito Tojo im Juli 1944 durch General Kuniaki Koiso ersetzte. Japan verlor eine Schlacht nach der anderen. Verheerende Luftangriffe gingen von Mitte 1944 an auf japanische Städte nieder, mehr als 240 000 Menschen starben. Im Mai 1945 kapitulierte Hitler-Deutschland. Das Kabinett in Tokio konnte sich dennoch nicht zur Aufgabe durchringen. Am 26. Juli 1945 stellten die USA, Großbritannien, China dem Kaiserreich in ihrer Potsdamer Erklärung ein Ultimatum. Bedingungslose Kapitulation oder "sofortige und völlige Vernichtung". Japan reagierte unbeeindruckt.

Aber die Amerikaner verfügten inzwischen über eine geheime Waffe, die Atombombe. Am 6. August machte sich Colonel Tibbets auf den Weg nach Hiroshima. Am 9. August fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki. Am selben Tag fielen sowjetische Truppen in Mandschukuo ein. Am 15. August hörte die Nation zum ersten Mal im Radio die Stimme des Kaisers Hirohito.

"Trotz ... des ritterlichen Kampfes ... eine neue und grausamste Bombe ... Grund dafür, dass ich die Annahme der Bestimmungen der Gemeinsamen Erklärung der Mächte akzeptiere ... "

Der Zweite Weltkrieg war zu Ende.

Harry S. Truman hat zu seiner Verantwortung immer gestanden. Er nannte die Atombombe "die schrecklichste und zerstörerischste Waffe, die sich der Mensch je ausgedacht hat". Gleichzeitig hielt er die Atomenergie für eine segenbringende Kraft. Seine Entscheidung zu den Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki - "die härteste, die ich je zu fällen hatte" - verteidigte er mit menschlichen Erwägungen. 1948 sagte er bei einer Wahlkampfrede in Milwaukee: "Ich entschied, die Bombe zu nutzen, um den Krieg schnell zu beenden und unzählige Leben - japanische wie amerikanische - zu retten."

Truman, wie Hideki Tojo 1884 geboren, stammte aus einer Bauernfamilie im US-Bundesstaat Missouri, einem der letzten Sklavenstaaten der USA. Seine Haltung war geprägt vom rassistischen Mainstream in seiner Heimat.

Man kann das in einem Brief nachlesen, den er 1911 an seine künftige Frau Bess schrieb und der später die These jener Historiker untermauerte, die sagen, Truman habe die Atombomben auch aus rassistischen Motiven werfen lassen. Truman schrieb damals: "(Onkel Will) hasst Chinesen und Japsen. Das tu ich auch. Es ist ein Rassenvorurteil, schätze ich. Aber ich bin eindeutig der Meinung, Schwarze sollen in Afrika sein, gelbe Menschen in Asien und weiße Männer in Europa und Amerika."

Um im Ersten Weltkrieg in der US-Armee dienen zu können, schummelte Trumen beim Sehtest, um seine Kurzsichtigkeit zu überspielen. Er war also zunächst kein besonders fortschrittlicher US-Patriot, aber wurde 1926 Vorsitzender Richter im Bezirk Jackson. Bei den Demokraten, für die er 1934 den Sprung in den US-Senat schaffte, gehörte er zum konservativen Flügel. Deshalb bekam er den Vorzug bei der Besetzung des Stellvertreters von Präsident Franklin D. Roosevelt bei der Wahl 1944 und rückte nach nur knapp vier Monaten im April 1945 an dessen Stelle, als der todkranke Roosevelt starb.

Truman erfuhr erst im höchsten Amt von der Atombombe. Der Physik-Nobelpreisträger und gebürtige Deutsche Albert Einstein, der vor dem Hitlerregime nach Amerika geflohen war, hatte Roosevelt 1939 in einem Brief davor gewarnt, dass den Nazis der Bau einer Uranbombe gelingen könne. "Eine einzige Bombe dieses Typs, die auf einem Schiff transportiert wird und in einem Hafen explodiert, könnte den ganzen Hafen zerstören sowie das umliegende Gebiet", schrieb Einstein nach dem Rat des geflüchteten ungarischen Physikers Leó Szilárd. Amerikanische Geheimdienstberichte bestätigten die Warnung.

Von 1942 an lief das zwei Milliarden Dollar teure militärische Forschungsunterfangen "Manhattan Project" unter der Leitung des Physikers J. Robert Oppenheimer. Am 16. Juli gelang in der Wüste von New Mexico die erste Zündung einer Atombombe. Truman erfuhr davon auf der Konferenz in Potsdam. Wenige Tage nachdem Japan die Erklärung von Potsdam zurückgewiesen hatte, erließ Truman den Befehl zu den Abwürfen.

Unerbittlich und ohne Rücksicht auf Verluste hatten die Japaner bisher gekämpft, sogar mit Kamikaze-Fliegern, die direkt in US-Ziele rasten. Lieber sterben, als verlieren - das besagte der japanische Soldatenstolz. Die Amerikaner befürchteten deshalb, dass die Invasion Japans sehr verlustreich und langwierig werden könnte. Die Atombomben verhießen eine schnellere Lösung mit weniger Toten, vor allem auf der eigenen Seite.

Japan Marks 65th Anniversary Of Hiroshima Atomic Bomb

Gedenken an die Opfer heute

(Foto: Getty Images)

Sadako Sasaki wäre heute 77 Jahre alt. Sie könnte eine zufriedene Großmutter sein, die auf ein erfülltes Leben zurückblickt. Ganz Hiroshima könnte heute eine andere Stadt sein, Nagasaki genauso. Die Bomben sind ein Trauma Japans. Aber ob die Truman-Kritiker recht haben, wenn sie sagen, eine unbewohnte Insel mit der Atombombe zu versenken, hätte für die Kapitulation gereicht? Keiner weiß es.

Die Frage, was man genau hätte tun sollen, kommt zu spät. Eine andere ist ewig aktuell: Wie stellt man sicher, dass keine Atombombe mehr fällt? Einfache Antworten gibt es nicht. Aber klar ist: Die radikalen Shinto-Nationalisten, die das kaiserliche Japan damals führten, steckten fest in ihrem Glauben an Hass und Heldentod. Hätten sie mehr an die Menschen statt an die Mythen ihres Landes gedacht, wären Hiroshima und Nagasaki wahrscheinlich verschont geblieben.

© SZ vom 08.08.2020/odg
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