Linken-Parteitag:Ovationen für Janine Wissler

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Linken-Parteitag: Parteichefin Janine Wissler räumt zum Auftakt des Parteitags in Erfurt ein, dass sich die Linke in einer tiefen Krise befindet.

Parteichefin Janine Wissler räumt zum Auftakt des Parteitags in Erfurt ein, dass sich die Linke in einer tiefen Krise befindet.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Mit einer leidenschaftlichen Rede kämpft die Linken-Chefin um ihre politische Zukunft. Wegen der unklaren Haltung zu Russland steht die zerstrittene Partei vor einer neuen Zerreißprobe.

Von Boris Herrmann, Erfurt

Parteichefin Janine Wissler hat die Linke dazu aufgerufen, endlich mit ihrer Selbstbeschäftigung aufzuhören. "Unsere Partei, die wir vor 15 Jahren gegründet haben, befindet sich in einer tiefen Krise", sagte Wissler zum Auftakt des Bundesparteitages in Erfurt. Zur Wahrheit gehöre, "dass wir in den letzten Jahren häufiger verloren haben als es zu verschmerzen gewesen wäre". Dabei habe ihre Partei immer wieder den Eindruck hinterlassen, als wären ihr die Kämpfe untereinander wichtiger als die für ihre politischen Ziele. "Das müssen wir ändern", sagte Wissler in der wohl wichtigsten Rede ihrer politischen Karriere.

Es ist ihr erster Präsenzparteitag als Parteivorsitzende und rein theoretisch könnte es auch schon ihr letzter sein. Bei der mit Spannung erwarteten Wahl der neuen Doppelspitze am Samstag wird Wissler, 41, von der Bundestagsabgeordnete Heidi Reichinnek, 34, herausgefordert. Beim zweiten Chefposten kommt es zu einem Duell zwischen dem Leipziger Bundestagsabgeordneten Sören Pellmann und dem EU-Parlamentarier Martin Schirdewan. In Parteikreisen wurde am Freitag eher mit einer Mehrheit für das Duo Wissler und Schirdewan gerechnet.

Ein Rededuell mit Sahra Wagenknecht wird es nicht geben - sie fehlt wegen Krankheit

Auf dem Parteitag geht es für die Linke aber auch um wegweisende inhaltliche Weichenstellungen - allen voran um ihr Verhältnis zu Russland. Für die Linke war das immer eine heikle Gratwanderung, aber seit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine ist es eine Existenzfrage. Wisslers Parteivorstand hat den Delegierten einen außenpolitischen Leitantrag vorgelegt, der einerseits scharfe Kritik an dem Aufrüstungsprogramm der Bundesregierung und an den Waffenlieferungen in die Ukraine übt, gleichzeitig aber auch die Partei ein für alle Mal vom Putin-Versteher-Verdacht befreien will. In dem Antrag steht der Satz: "Wir verurteilen den verbrecherischen Angriffskrieg Russlands aufs Schärfste".

Dagegen gibt es Widerstand aus dem Lager von Sahra Wagenknecht, die unter anderem diesen Satz streichen will. Ein Rededuell mit Wagenknecht wird es in Erfurt aber nicht geben. Die öffentlich bekannteste Politikerin der Linken hat ihre Teilnahme krankheitsbedingt abgesagt. Wagenknechts Änderungsantrag dürfte die Delegierten aber auch in ihrer Abwesenheit in Atem halten, die für Samstag geplante Debatte zur Außenpolitik birgt Sprengkraft in alle Richtungen.

In ihrer Eröffnungsrede gelang es der zuletzt stark kritisierten Wissler aber, die Halle in ihrem Sinne in Wallung zu bringen. "Wir haben die verdammte Verpflichtung, diese Partei zusammenhalten", rief sie und kämpfte mit Tränen der Rührung, als sie dafür mit Standing Ovations belohnt wurde. Wissler dürfte trotzdem drei Kreuze machen, wenn dieser Parteitag vorbei ist.

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