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Jan Stöß als möglicher Wowereit-Nachfolger:Angreifen, ohne anzugreifen

Jan Stöß

Jan Stöß Anfang Oktober beim zweiten SPD-Mitgliederforum zu Wowereit-Nachfolge.

(Foto: dpa)

"Armut ist eben nicht sexy." Der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß attackiert unterschwellig Parteikollegen und verspricht einen Neuanfang, sollte er Regierender Bürgermeister werden. Weggefährten schwärmen von seinem Talent, zu vermitteln.

War das jetzt ein Angriff? Auf ihren Klaus, den noch Regierenden? Darf der das? Jan Stöß hat erst eine knappe Minute geredet. Schon ist eine Spannung im Berliner Willy-Brandt-Haus zu spüren, die vorher fehlte. Bei Michael Müller ging es ruhig zu, Raed Saleh erzählte viel Persönliches. Jetzt aber wird der Ton kämpferisch, ein wenig zumindest. Nicht böse, nicht aggressiv. Es ist ein Angriffchen, aber einigen Berliner Sozialdemokraten dürfte schon das zu viel sein. Stöß hat erst mal die Entwicklung von Berlin gelobt, auf einem guten Weg sei die Stadt. Aber dann erklärte der Sozialdemokrat, dass zu viele Menschen auf der Strecke bleiben und in Armut leben. "Armut ist eben nicht sexy", rief Stöß seinen Parteifreunden zu.

Der Kandidat mit der schwierigsten Aufgabe

Ein Angriff? Zumindest ein sehr bewusstes Spiel mit dem Slogan, den Klaus Wowereit einst für das Nach-Wende-Berlin prägte. Arm, aber sexy - der Slogan stand für das coole Berlin, für das Selbstverständnis der anziehenden Weltmetropole, und den variiert Stöß, um sich, ein wenig nur, von dem Mann abzusetzen, dessen Nachfolger er werden möchte. Es ist ein eigenartiges Experiment, das die Berliner SPD in diesen Wochen anstellt, und der 41-Jährige Landesvorsitzende Jan Stöß ist unter drei Kandidaten der Proband mit der schwierigsten Aufgabe: Er muss angreifen, ohne anzugreifen. Er muss für Neues stehen und darf das Alte nicht in Frage stellen. Und das ohne seinen Ruf als allzu ungeduldiger Krawallo und Experte für Attacken, die im Hinterzimmer vorbereitet wurden, noch zu verstärken.

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"Das Verrückte ist, dass wir ihn ganz anders kennen", sagt ein Freund aus seinem Ortsverein im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Der Wegbegleiter beschreibt Stöß als einen, der Gespräche vorantreibt und bündelt, um am Ende die Kontrahenten zusammen zu führen. Stöß ist seit einigen Jahren Verwaltungsrichter. Kollegen aus der Justiz zeichnen das Bild eines besonnenen Richters. Er sei einer, der Verhandlungen klug leite, mit viel Ruhe, erzählt eine Kollegin, die ihn länger kennt. Ihr fällt ein Indiz ein, das ein Zeichen für die Fähigkeit zum Ausgleich sei: Stöß habe bei seinen Verfahren eine außergewöhnlich hohe Vergleichsquote. Dem Experten für Beamten- und Soldatenrecht gelinge es also ausgesprochen oft, Kontrahenten im Gericht zu einem Kompromiss zu führen, den am Ende beide akzeptieren. "Das zeichnet ihn aus", sagt die Richterin. Er hört aufmerksam zu und führt dann zusammen."

Er will mehr sein als nur ein Angreifer

Ein Vergleich spart Kosten und auch Zeit, auch dem Richter, der kein Urteil ausarbeiten muss. "Das ist immer eine gute Lösung", beschreibt Stöß sein Selbstverständnis, als wäre es ein Ideal. "Beide Seiten bewegen sich und können zufrieden aus dem Gerichtssaal gehen." Dieser Kandidat will mehr sein als nur der Angreifer, als den ihn die meisten sehen.

Bis spätestens Anfang November sollen die 17 200 Mitglieder der Berliner SPD entscheiden, wer auf Klaus Wowereit folgt, wenn der wie angekündigt nach 13 Jahren sein Amt aufgibt. Die drei Kandidaten stellen sich der Basis in Mitgliederforen vor, tingeln durch die Ortsvereine. Es ist nicht die erste Mitgliederbefragung, mit der die SPD ihren Kandidaten sucht. Aber diesmal geht es nicht darum, einen Herausforderer zu bestimmen, der den Machthaber von der Konkurrenz angreift. In Berlin hat man die Macht, und der Kandidat soll in eine Kontinuität passen, die seit mehr als einem Jahrzehnt Berlin entscheidend prägt. Sogar länger noch, seit mehr als einem Vierteljahrhundert gehört die SPD dem Senat an.