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James Comey über Trump:"Kein US-Präsident regiert lange genug, um unsere Institutionen zu zerstören"

James Comey 2018 auf einer Konferenz

James Comey, ehemaliger FBI-Direktor, spricht auf der Konferenz Canada 2020.

(Foto: picture alliance / Justin Tang/T)

James Comey war FBI-Direktor mit einem strengen Sinn für die Integrität seiner Behörde - bis ihn Donald Trump feuerte. Ein Gespräch über das Danach und warum er weiter optimistisch bleibt.

Viele Jahre galt James Comey als hoffnungsvoller Aufsteiger in Washington. Als Vize-Justizminister unter George W. Bush hatte sich der Republikaner einen so guten Ruf erworben, dass ihn Barack Obama 2013 zum FBI-Direktor machte. Die Karriere endete abrupt, als ihn US-Präsident Donald Trump im Mai 2017 feuerte. Das Buch "Größer als das Amt", das der 57-Jährige über die Begegnungen mit Trump schrieb, steht auch in Deutschland seit Wochen auf der Bestseller-Liste, weshalb Comey gerade Berlin und Hamburg besucht.

SZ: Herr Comey, glauben Sie eigentlich, dass Donald Trump Ihr Buch gelesen hat?

James Comey: Nein, das erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass er kein Leser ist und nicht viele Informationen auf diesem Weg aufnimmt. Er sieht lieber fern.

Barack Obama veröffentlichte hingegen jedes Jahr als US-Präsident eine Liste mit Buch-Empfehlungen. Sie schreiben sehr positiv über Obama. Wollten Sie Trump ärgern, indem Sie die Intelligenz seines Vorgängers loben?

Nein, ich habe nur die Wahrheit berichtet. Ich kannte den Demokraten Obama nicht persönlich, als ich 2013 gefragt wurde, ob ich als Republikaner neuer FBI-Chef werden wolle. Unser Gespräch hat mich tief beeindruckt, denn er verfügt über eine schnelle Auffassungsgabe und ist ein exzellenter Zuhörer. Das hatte ich damals nicht erwartet. Die Art, wie sich unser jetziger Präsident verhält, hat ja zur Folge, dass viele US-Amerikaner Obama und auch George W. Bush plötzlich auf eine Art zu schätzen wissen, wie sie es nicht für möglich hielten.

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Ein Unterschied zwischen Obama und Trump ist, dass letzterer nie lacht. Was verrät das?

Es zeigt Unsicherheit. Aufrichtiges Lachen erfordert ein gewisses Selbstvertrauen, denn wir alle sehen ein bisschen dämlich aus, wenn wir lachen - bei mir ist das so. Das macht uns verwundbar, was unsichere Menschen nicht ertragen können. Wenn ich als Führungspersönlichkeit über einen Scherz meines Mitarbeiters lache, dann werte ich ihn auf. Trump habe ich nie lachen sehen - weder beim Small Talk oder bei jenem Abendessen, bei dem er meine Loyalität einforderte. Für mich ist Lachen ein guter Indikator dafür, dass jemand sich selbst nicht allzu wichtig nimmt.

Obama hat viel gelacht, auch über sich selbst. Gleiches gilt für George W. Bush. Haben Sie nach Gesprächen mit diesen Präsidenten Memos geschrieben? Denn über Ihre Treffen mit Trump fertigten Sie Gedächtnisprotokolle an.

Nein, an so etwas habe ich nie gedacht. Ich fürchtete auch nie, dass einer von ihnen lügen würde. Beide wussten, wie wichtig die Distanz zwischen dem FBI und dem Weißen Haus ist. Obama sagte mir vor meiner Nominierung, dass er dann gut schlafen könne, wenn das FBI "kompetent und unabhängig" sei. Er wäre nie auf die Idee gekommen, mich zum privaten Dinner in den Green Room des Weißen Hauses einzuladen. Auch ich dachte, dass so etwas seit den unseligen Zeiten von Richard Nixon und J. Edgar Hoover tabu sein sollte. So etwas tut man nicht.

Das Essen fand Ende Januar 2017 statt. Dreieinhalb Monate später wurden Sie gefeuert, und Sie bezeichnen Trump nun als "moralisch ungeeignet" für das Amt. Laut Washington Post hat er seit der Vereidigung etwa 3300 Mal gelogen oder falsche Dinge gesagt. Lügt er eigentlich mit Absicht oder geschieht es spontan?

Es ist wohl eine Mischung. Von einigen Dingen weiß er sicher, dass sie falsch sind, und er wiederholt sie, weil er sich einen politischen Nutzen verspricht. Oft hat er wohl einfach keine Ahnung. Hat er nicht gerade gesagt, dass die Kriminalität in Deutschland nach der Aufnahme der Flüchtlinge angeblich gestiegen sei?

Diese falsche Aussage hat er später auf Twitter wiederholt und den deutschen Politikern vorgeworfen, bei den Statistiken zu betrügen.

Oh, wie interessant. Zunächst hat er wohl nur losgeplappert, doch die Wiederholung spricht dafür, dass er denkt, dass diese Merkel-Kritik gut ankommt. Auch früher haben Politiker falsche Zahlen verwendet, aber es war peinlich, wenn sie von der Presse oder den eigenen Mitarbeitern darauf hingewiesen wurden. Trump ist das egal und auf diese Gefahr will ich hinweisen. Ich will die Amerikaner aufrütteln. Gewiss: Bush junior glaubte wohl wirklich, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gab und betont noch immer: "Ich habe nicht gelogen." Aber der jetzige Präsident lügt so oft, dass alle Maßstäbe zu verschwinden drohen.

Im November findet die Kongresswahl statt und unter den Republikanern gilt: "Rede nicht schlecht über Trump, sonst bestraft dich seine Basis." Sie waren selbst lange Republikaner: Sind Sie enttäuscht, dass so wenige konservative Senatoren und Abgeordneten das Rückgrat haben, Trump zu widersprechen?

Ich stelle immer eine Frage: "Wie werdet ihr einmal euren Enkeln erklären, dass ihr geschwiegen und all das toleriert habt?" Glauben die Politiker wirklich, dass sie ihr Verhalten mit "Ich hatte Angst vor den Trump-Fans und wollte meinen Sitz im Kongress behalten" rechtfertigen können? Zu viele geben ihre Integrität auf, nur um ihren Job zu behalten. Ich schäme mich für die Republikaner und sorge mich um die Zukunft der Partei, der ich nicht mehr angehöre.

Hoffen Sie darauf, dass die Demokraten die Mehrheit im Kongress erobern?

Es wäre wichtig für unser Land, wenn der Kongress die Aufgabe erfüllen würde, die die Verfassung vorsieht: Er soll Gesetze erlassen und den Präsidenten zur Rechenschaft ziehen. Momentan geschieht das nicht. Es wäre daher ein Fortschritt, wenn die Demokraten den Senat oder das Repräsentantenhaus kontrollieren würden.