Jamaika-Sondierungen:"Die Verhandlungschefs brauchen den Kopf frei für die Fights"

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Wie findet man die Balance zwischen Härte und Kompromissbereitschaft?

Das ist die Kunst der Unterhändler! Natürlich kann ich sagen, das ist ein Knackpunkt, ohne den geht es für uns nicht. Die eigene Anhänger denken dann oft: Toll! Aber sie vergessen, dass der Preis für den Knackpunkt so hoch sein kann, dass ich dafür vielleicht etwas anderes Wichtiges zur Disposition stelle. Deshalb ist es so wichtig, dass man seiner Verhandlungsgruppe Vertrauen schenkt, und davon ausgeht, dass die das ziemlich gut wissen.

Bei den Grünen gibt es teils große Differenzen zwischen dem linken Flügel und den Realos. Wie kommt die Partei da zu einer gemeinsamen Verhandlungsbasis?

Indem die Gruppe sich gut vorbereitet - was die Geschlossenheit angeht, was das Fachliche angeht. Die Flügel sind wichtig, um die gesamte Partei mitzunehmen. Und je einiger die sich sind, umso besser. Gehen Sie mal davon aus, dass alle Beteiligten, egal aus welchem Flügel, um ihre Verantwortung wissen.

Bei den Jamaika-Sondierungen könnten mehr als 50 Unterhändler dabei sein. Ist das nicht ein bisschen viel?

Das entscheiden die Beteiligten ganz eigenständig. Es sind ja auch Leute nötig, die sich um das Organisatorische kümmern. Die Verhandlungschefs brauchen den Kopf frei für die Fights. Wenn am Ende das Ergebnis stimmt, ist es völlig unwichtig, wie viele Vertreter die Parteien da hingesetzt haben.

In der Vergangenheit wurden immer wieder Zwischenstände von Gesprächen publik gemacht. Welche Rolle spielen die Medien in den Verhandlungen?

Für die Verhandlungsführer ist es sehr schwierig, Gruppen mit vielen verschiedenen Interessen zu steuern. Die Medien spielen dabei eine große Rolle. Es kann sein, dass Akteure Informationen an die Presse geben, um Unruhe zu schüren, Stichwort "durchstechen". Kürzlich meldete eine Zeitung die angebliche Verteilung von Ministerien schon vor den Sondierungen. Das ist absurd!

Wer hätte ein Interesse an Unruhe?

Leute, die Jamaika kritisch sehen, die das nicht wollen. Menschen, die Angst haben, dass eine solche Koalition der Partei schadet, weil dann bestimmte Themen hinten runterfallen.

Vielleicht zu Recht? Bei der Niedersachsen-Wahl verloren alle Parteien Stimmen, die gerade im Bund Jamaika sondieren.

Vielleicht machen wir uns viel zu wenig klar, dass Wahlergebnisse für Parteien die Summe von Millionen Einzelentscheidungen sind. Daraus so global Schlüsse zu ziehen, ist ein ziemlich waghalsiges Unterfangen. Für mich war das ganz klar eine Landtagswahl.

Die Unterhändler wissen, dass sie ihre eigene Position nicht zu 100 Prozent durchsetzen können. Wie wissen Politiker, welches Ergebnis für ihre Partei akzeptabel ist - und welches nicht?

Es ist immer eine Abwägung, ob man mit etwas noch leben kann. Und ob die Weiche trotzdem richtig gestellt ist. Oder ob etwas für immer verloren ist, wenn es jetzt nicht durchgesetzt wird. Für manche Dinge ist Aufschieben keine Option. Zum Beispiel in der Klimafrage. Bei anderen Sachen sagt man: Das wollten wir zwar nicht, wir finden es aber auch nicht schlimm, wenn wir dafür etwas anderes durchsetzen.

Die Grünen haben auf Bundesebene noch nie mit der Union koaliert. 2013 lehnten die Grünen Verhandlungen mit der Union ab, Sie waren dabei. Inwieweit ist die Situation 2017 eine andere?

Die Grünen sind heute in einer stärkeren Position, weil ein schlechteres Wahlergebnis prognostiziert war. Zugleich hat die Union deutlich schlechter abgeschnitten als 2013.

Ist Jamaika also heute wahrscheinlicher als Schwarz-Grün vor vier Jahren?

Schwer zu sagen: Der gesellschaftliche Erwartungsdruck, dass eine Koalition zustande kommt, ist heute sicherlich höher. In der Sache ist es eher schwieriger.

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