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Jakarta:Die Regenmacher

Indonesiens Hauptstadt bekämpft Über­schwemmungen auf ungewöhnliche Weise.

Von Arne Perras

Wie sich die Menschen gegen Überschwemmungen wappnen, ist eigentlich bekannt. Sie bauen Deiche oder setzen ihre Häuser auf Stelzen. In Jakarta allerdings erproben sie eine andere Methode, um den Fluten zu trotzen. Sie machen Regen. Ein schlechter Witz? Die Regierung meint es ernst und hat gerade ein solches Experiment gestartet, um die Not in der indonesischen Hauptstadt zu lindern.

Das neue Jahr hat dort schlimm begonnen, an einem einzigen Tag fiel mehr Wasser vom Himmel als man je seit Beginn der Aufzeichnungen 1866 registriert hat. Dutzende Menschen sind gestorben, Hunderttausende mussten fliehen. Während sich weiter südlich Feuer durch den australischen Busch frisst, schwemmt die Flut die Menschen in Indonesien davon. Ein Extrem jagt das andere. Weil noch immer finstere Wolken vom Meer auf Javas Küste zutreiben, hat die Regierung Flugzeuge losgeschickt. Sie sollen Wolken "impfen", wie das die Physiker nennen.

Die Maschinen versprühen Salze. Diese ziehen Feuchtigkeit an und lassen den Wasserdampf in der Luft kondensieren. In Jakarta hofft man, dass sich so die Monsunwolken schon vorzeitig über dem Meer abregnen und die leidgeprüfte Metropole verschonen. Keine andere Megastadt hat so schwer mit dem Wasser zu kämpfen. Jakarta leidet nicht nur unter Unwettern und steigendem Meeresspiegel, die Stadt sinkt und sinkt, weil Millionen Bewohner Grundwasser aus dem Boden pumpen. Kombiniert wirken die drei Entwicklungen wie die Vorhut der Apokalypse.

Ob das Impfen der Wolken tatsächlich vor weiteren Fluten schützt, weiß man noch nicht. Sicher ist nur: Regenmacher haben Konjunktur, und sie sind keine Schamanen mehr, die das Wasser herbeitrommeln. Die Zahl der Staaten, die sich moderner Tricksereien bedienen, um Wetter zu manipulieren, nimmt zu. Mindestens 52 Länder haben bereits "Programme zur Wettermodifikation" entwickelt, vor allem für die Landwirtschaft.

Der Klimawandel, der extreme Wetterverhältnisse begünstigt, dürfte das Bedürfnis nach Planbarkeit und Kontrolle des Regens noch steigern. Man könnte auch sagen, der Mensch spielt lieber Gott, ein bisschen zumindest, sei es, um Ernten zu steigern, um Katastrophen zu lindern oder auch nur, um ein teures Spektakel nicht ins Wasser fallen zu lassen. 2008, im Vorfeld der Olympischen Spiele, impften die Chinesen ihre Wolken wie die Weltmeister. Sie wollten sichergehen, dass die Eröffnungsfeier nicht ins Wasser fällt.

Nicht jede Wolkenimpfung führt zum gewünschten Ziel. Während des Vietnamkrieges setzten die USA aufs Regenmachen, um den Vietkong zu zermürben. Über dem Ho-Chi-Minh-Pfad sollte so viel Wasser fallen, dass es dem Feind nicht mehr gelingen würde, Nachschub zu transportieren. "Operation Popeye" verlängerte angeblich den Monsun. Die Kampfkraft des Gegners aber hat sie nicht geschwächt. Die Verlockungen, Regen für den Krieg zu manipulieren, sind geblieben, auch wenn die UN den kontrollierten Einsatz des Wetters als Waffe schon seit 1977 verbieten.

© SZ vom 07.01.2020

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