Jahrestag des Absturzes über der Ostukraine Das Rätsel MH17

Am 17. Juli 2014 stürzte eine Maschine der Malaysia Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der umkämpften Ostukraine ab. Alle 298 Menschen an Bord von Flug MH17 kamen dabei ums Leben. Der Absturz war von Anfang an mit einer Vielzahl von Fragezeichen versehen. Was gilt inzwischen als gesichert, welche Fragen sind noch offen? Ein Überblick.

Von Barbara Galaktionow

Ist es sicher, dass MH17 abgeschossen wurde?

Die offiziellen Untersuchungen haben keine Hinweise darauf ergeben, dass Flug MH17 wegen eines technischen Defekts abgestürzt sein könnte. Es erscheint vielmehr als gesichert, dass die Maschine von einer Luftabwehrrakete abgeschossen wurde - vermutlich einer vom Boden aus abgefeuerten russischen Boden-Luft-Rakete. Darauf deuten die Auswertung der Blackbox, die Art der Schäden an den Wrackteilen sowie deren Verteilung über mehrere Quadratkilometer am Boden hin (mehr hier dazu).

Die zunächst von Russland vertretene These, ein ukrainischer Kampfjet könne die Boeing vom Typ 777 abgeschossen haben, scheint vom Tisch - selbst russische Experten schließen sie inzwischen nahezu zweifelsfrei aus (so auch der Chefentwickler eines russischen Kampfjets).

Eine zentrale Frage ist, von wo aus die mutmaßliche Boden-Luft-Rakete abgefeuert wurde. Sie ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. CNN meldete allerdings am Donnerstag unter Berufung auf einen offiziellen Untersuchungsbericht, der noch unter Verschluss gehalten wird, dass das Flugzeug von einer russischen Buk-Rakete getroffen worden sei - und die sei aus einer Region abgeschossen worden, die unter Kontrolle der prorussischen Separatisten stand.

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Wer ist verantwortlich für den mutmaßlichen Abschuss?

Die Regierung der Ukraine und westliche Staaten gehen davon aus, dass Flug MH17 unabsichtlich von ostukrainischen, prorussischen Separatisten abgeschossen wurde, mittels einer russischen Buk-Flugabwehrrakete. Russland hingegen zeigt sich überzeugt, dass die Verantwortlichen für den mutmaßlichen Abschuss in Kiew zu suchen sind. Die Rakete sei von einem Gebiet aus abgefeuert worden, dass die ukrainischen Streitkräfte kontrolliert hätten, heißt es aus dem Kreml. Den Recherchen von SZ, WDR und NDR zufolge gibt es für den Abschuss einer Boden-Luft-Rakete durch die ukrainische Armee allerdings bislang keine belastbaren Hinweise. (Mehr zum Stand der Täter-Theorien hier)

Wer untersucht den Absturz?

Als Land, in dem das Unglück passierte, wäre eigentlich die Ukraine für die Untersuchung des Flugzeugabsturzes verantwortlich gewesen. Eine unabhängige Prüfung durch Kiew wäre jedoch aufgrund des Krieges in der Ostukraine kaum möglich gewesen. Deshalb wurde die Leitung der Ermittlungen im Juli 2014 an die Niederlande übergeben. Von dort stammten die meisten Opfer des Absturzes.

Zwei Teams kümmern sich um die Aufarbeitung des mutmaßlichen Abschusses. Das Dutch Safety Board untersucht die Gründe für den Absturz der Maschine. Außerdem zieht es daraus Schlüsse für die Flugsicherheit, vor allem was das Überfliegen umkämpfter Gebiete angeht. Das Team besteht aus Flugunfallexperten aus den Niederlanden, Malaysia, der Ukraine, den USA, Großbritannien, Australien und Russland.

In der Schuldfrage ermittelt hingegen ein Joint Investigation Team unter der Leitung des niederländischen Staatsanwalts Franz Westerbeke. Außerdem sind Malaysia, Australien, Belgien und die Ukraine sowie die EU-Justizbehörde Eurojust an der Suche nach den Verantwortlichen für die Katastrophe beteiligt.

Wie ist der Stand der offiziellen Ermittlungen?

Im September 2014 veröffentlichte das Dutch Safety Board einen Zwischenbericht. Er erhärtete den Verdacht, dass die Maschine abgeschossen wurde und dass dies mittels einer Boden-Luft-Rakete geschehen sei (mehr dazu hier).

Inzwischen gibt es offenbar auch eine erste Version des Abschlussberichts - er wird aber noch unter Verschluss gehalten. Am 1. Juli 2015 teilten die Ermittler in einem auch auf ihrer Homepage veröffentlichten Schreiben an die International Civil Aviation Organization (ICAO) mit, dass ein Entwurf des Endberichts am 2. Juni an die an der Untersuchung beteiligten Staaten versendet worden sei. Diese hätten nun 60 Tage Zeit, um den Bericht zu kommentieren. Der endgültige Bericht werde voraussichtlich im Oktober veröffentlicht. Wie erwähnt, dringen aber über CNN erste Erkenntnisse daraus bereits jetzt an die Öffentlichkeit.

Auch bei den strafrechtlichen Ermittlungen soll es Fortschritte geben. "Wir kommen überzeugenden Beweisen immer näher", teilte Staatsanwalt Westerbeke Ende Juni in Rotterdam mit. Verdächtige seien zwar formell noch nicht identifiziert worden. Aber eine Gruppe möglicher Beteiligter ist nach den Worten des Staatsanwaltes im Visier der internationalen Ermittler. Dabei gehe es sowohl um mögliche "Auftraggeber als auch Ausführer". "Wir versuchen, bei der Kommandokette so weit wie möglich vorzudringen", sagte Westerbeke.