bedeckt München 16°
vgwortpixel

Jahresrückblick:Die politischen Momente 2017

Sie alle gehören zum politischen Jahresrückblick: FDP-Chef Christian Lindner; eine Teilnehmerin des Women's March in Washington; die Schaulustigen bei den Hamburger G-20-Protesten und die britische Premierministerin Theresa May.

(Foto: dpa(2); AFP; AP)

Millionen Frauen protestieren gegen Trump, Christian Lindner lässt die Jamaika-Koalition platzen, die CSU inszeniert einen Kleinkrieg. Was in der Politik besonders berührt und was verstört hat.

Intensiv und nervenzehrend, so lässt sich das politische Jahr 2017 am besten beschreiben. US-Präsident Donald Trump hielt die Welt in Atem. Wann und wie genau die Brite aus der EU austreten, weiß keiner, und dass es drei Monate nach der Bundestagswahl keine Regierung gibt, sah auch niemand voraus. 2017 festigte Chinas Präsident Xi seine Macht und mit Verzögerung nahm der Westen auch wahr, dass Hunderttausende muslimische Rohingya aus Myanmar vertrieben wurden. Um zu berichten, waren SZ-Reporter nicht nur in Flüchtlingslagern in Bangladesch, sondern auch bei unzähligen Veranstaltungen in Brüssel, Berlin, Washington oder Paris. Einige von ihnen schildern hier, welche Momente ihnen besonders in Erinnerung bleiben werden.

Christian Lindner beendet die Jamaika-Gespräche

Wochenlang haben Union, FDP und Grüne eine Jamaika-Koalition sondiert. Am 19. November, kurz nach 23 Uhr, ist Schluss. Die Vertreter der Liberalen haben die baden-württembergische Landesvertretung verlassen. "Es ist besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren", sagt FDP-Chef Christian Lindner vor der Tür.

Drinnen breitet sich Schockstarre aus. Es dauert. Dann kommen die ersten Unterhändler von CDU, CSU und Grünen ins Foyer. "Unverantwortlich", sagt Claudia Roth. Lange hat die Grüne um einen Kompromiss beim Streitthema Migration gerungen. Alles umsonst. "Manchen geht es eben nur um die Person oder die Partei, aber nicht ums Land oder Europa", schimpft sie.

Nach dem Ende der Sondierungsgespräche - FDP

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, kurz nach dem Ende der Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition.

(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)

Doch bei den Zurückgelassenen weicht der Zorn bald dem Wunsch nach Verbrüderung. Roth umarmt also Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der die Umarmung so herzlich erwidert, als seien Grüne und Schwarze immer beste Freunde gewesen. "Bier oder so?", fragt Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck CDU-Generalsekretär Peter Tauber. "Liebe Frau Roth", ruft Kanzleramtsminister Peter Altmaier: "Sie waren großartig!" Er streckt der Grünen die Hand entgegen und strahlt. Roth nimmt die Hand, aber sie kämpft jetzt. Mit den Tränen.

Von Constanze von Bullion

Ein Dauerhusten rettet die strauchelnde Theresa May

"Lieber einen akuten Malaria-Anfall haben, als nochmal die Rede von Theresa May zu durchleben" - diese brutale Feststellung stammt nicht von mir, sondern von einer Guardian-Kolumnistin. Aber ehrlich gesagt: Recht hat sie. Die Premierministerin Anfang Oktober in Manchester - das war Komödie und Tragödie in einem, und vor allem: quälend. So wie der ganze Brexit.

Theresa May wusste, dass ihr politisches Überleben vom Auftritt auf dem Tory-Parteitag abhing. Sie war dabei, die Verhandlungen mit Brüssel zu vergeigen, wie sie schon die Neuwahl vergeigt hatte. Sie war eine Lachnummer für die Karikaturisten und eine Hassfigur für die Opposition, ein Punchingball für die innerparteilichen Gegner - doch nun sollte alles gut werden. Solche wichtigen Parteitagsreden werden vorher stundenlang geprobt, aber auch der beste Coach konnte nicht vorhersehen, ihre Gegner konnten nicht fassen, was dann geschah: May trat auf, setzte an - und hustete. Und hustete. Und hustete. Sie hörte gar nicht mehr auf. Zwischen den Hustern machte sie Witze, wehrte einen Comedian ab, der sich auf die Bühne stürzte, trank Wasser, schluckte Bonbons. Und hustete.

Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs

Dass sie zum Jahresende noch britische Premierministerin ist, bezweifelten im Sommer viele Experten. Aber Theresa May beißt sich weiter durch.

(Foto: picture alliance / Thierry Roge/)

Wahrscheinlich wäre sie nicht mehr im Amt, wenn sie nicht gehustet hätte: zu mechanisch, zu roboterhaft, zu wenig glaubwürdig wäre ihre Rede gewesen. So aber tat sie allen leid, die Beißhemmung setzte ein, man schützte sie, vergab ihr. Das rettete sie. Nun macht die 61-Jährige weiter wie bisher: maximales Durchwurschteln bei minimalen Sympathiewerten. Kein Plan, aber glückliche Zufälle. Fehler, Paukenschläge, Versagen, und dann wieder ein Erfolg, der sie raushaut. Gute Besserung, Mrs. May. Gute Besserung, Großbritannien.

Von Cathrin Kahlweit

Schulz und die SPD-Männer scheiterrn

Am Wahlabend sind sie ganz vorne mit dabei, die SPD-Frauen. Neben Wahlverlierer Martin Schulz stehen Familienministerin Katharina Barley, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, Arbeitsministerin Andrea Nahles und Umweltministerin Barbara Hendricks. Und die Männer? In der letzten Reihe ragt Thorsten Schäfer-Gümbel hervor, am Rand steht Justizminister Heiko Maas, Sigmar Gabriel verschwindet fast hinter Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz.

Der erste Gedanke ist: alles klar. Im Moment der absoluten Katastrophe dürfen sie also ganz vorne stehen, die Frauen. Kennen wir das nicht aus der CDU, wo Angela Merkel die Scherben des Spendenskandals aufkehren musste? Immerhin, sie wurde danach Kanzlerin. Ist das vielleicht die Botschaft, die die SPD aussendet, dass es nach 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl endlich vorbei ist mit der Männerwirtschaft? Denn entgegen der eigenen Ansprüche machen in der SPD die Männer die wichtigsten Spitzenposten noch immer unter sich aus. Noch nie hatte die Partei eine Chefin, nie eine Spitzenkandidatin, Männer dominieren ihr Bild in der Öffentlichkeit. Nur eine Idee: Vielleicht kommt die SPD deswegen bei Frauen nicht gut an?

Nach der Wahlniederlage versprach Schulz Erneuerung. Und immerhin, Andrea Nahles wurde als erste Frau Fraktionschefin der SPD. Doch auf den anderen wichtigen Posten folgten Männer, Männer, Männer. Ach, SPD. Das mit der Erneuerung üben wir nochmal.

Von Hannah Beitzer

Hunderttausende Frauen protestieren gegen Trump

Es sind die Plakate, die vielen Hoffnung geben. "My Body, My Choice" oder "Ohne Einwanderung hätte Trump keine Ehefrauen" steht auf den Plakaten, die beim "Women's March" in Washington zu sehen sind. Die US-Hauptstadt ist lahmgelegt durch all die Frauen und Männer, die dem neuen Präsidenten zeigen wollen: "Wir sind gegen deine Politik, die frauen- und fremdenfeindlich ist." Am Tag zuvor ist Donald Trump vereidigt worden - und ihm jubelten viel weniger Menschen zu, obwohl Trump dies "Fake News" brüllend behauptete.

International Women's Day Marked With Rallies And Protests Across The Country

Frauen protestieren gegen Trump.

(Foto: AFP)

Seit seinem Einzug ins Weiße Haus hat sich Trump nicht verändert: Der 45. US-Präsident twittert sich um Kopf und Kragen, er verbreitet Lügen und hat keinen Respekt vor unabhängigen Gerichten. Erst im Dezember gelang ihm mit der Steuerreform ein erster gesetzgeberischer Erfolg, doch zuvor hat er mit Dekreten viele Erfolge Obamas wieder abgeschafft. Im Moment ist der Protest in den Medien nicht mehr so präsent, aber in allen Bundesstaaten arbeiten Aktivisten dafür, die Auswirkungen der Trump-Politik für Arme, Latinos und Schwarze zu begrenzen. Und überall sind Frauen besonders aktiv: 2018 bewerben sich in den USA so viele Frauen für Sitze im Kongress und in den Landesparlamenten wie nie zuvor.

Ein Gespräch ist mir noch heute in Erinnerung: Liz Smulian war aus Wisconsin nach Washington gereist, um Gleichgesinnte zu treffen. Smulian ist Anfang 30, und auch sie hat vor, bald für ein politisches Amt zu kandidieren. Auch sie hielt ein Protestplakat hoch: Darauf war der Satz "Ich habe so viele Gründe, dass die gar nicht alle auf dieses Schild passen" umrahmt von Themen wie Klimawandel, Bürgerrechte, Einwanderung, Vertrauen in Wissenschaft oder Abtreibung. Bis heute liefert Trump den Kritikern unzählige Gründe, seine Politik zu bekämpfen. Wer sich durchsetzt, zeigt sich bei der Kongresswahl im November.

Von Matthias Kolb