Jahresbericht des UNHCR Fast 60 Millionen auf der Flucht

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei

(Foto: REUTERS)
  • Im Jahr 2014 waren der UN zufolge so viele Menschen auf der Flucht wie nie zuvor. Insgesamt beläuft sich ihre Zahl auf knapp 60 Millionen.
  • Erstmals seit 30 Jahren kommen die meisten Flüchtlinge nicht aus Afghanistan, sondern aus Syrien.
  • Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge kommt nach Europa. Annähernd neun von zehn Flüchtlingen werden in ärmeren Ländern aufgenommen.
  • Die UN kritisiert die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft, zur Lösung der Konflikte beizutragen, die die hohen Zahlen an Flüchtlingen verursachen.

Zahl der Flüchtlinge auf neuem Höchststand

59,5 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr auf der Flucht - mehr als jemals zuvor. 13,9 Millionen der Flüchtlinge wurden allein 2014 durch Kriege und Verfolgung aus ihrer Heimat vertrieben. Das zeigt der Jahresbericht des UN-Flüchtlingskommissariats. 2013 lag die Zahl der Flüchtlinge noch bei 51,2 Millionen.

Hochkommissar António Guterres zeigte sich bei der Vorstellung des Berichts in Genf erschüttert über die "niederschmetternde Beschleunigung" bei der Zunahme der Flüchtlingszahlen. Und angesichts der Krisen in Syrien, im Irak, Jemen, Burundi und anderen Orten für 2015 sei keine Verbesserung zu erwarten.

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Jeder zweite Flüchtling sei ein Kind oder Jugendlicher. Die Dramatik sei beispiellos. "Es gibt eine Vielfalt neuer Krisen", sagte Guterres. Die Welt werde Zeuge eines "unkontrollierten Abgleitens in eine Ära, in der das Ausmaß der globalen Vertreibung sowie die nötige Antwort alles Bisherige in den Schatten stellen". Allein die Lage im Irak und in Syrien habe sich zu einer Megakrise entwickelt. "Und gleichzeitig gibt es für die alten Krisen keine Lösung."

Woher die Flüchtlinge kommen

Erstmals seit mehr als 30 Jahren ist nicht mehr Afghanistan das Herkunftsland der meisten Flüchtlinge, sondern das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien. Fast 12 Millionen Syrer waren im eigenen Land oder im Ausland auf der Flucht vor dem seit 2011 wütenden Bürgerkrieg und der seit 2013 aufgebauten Macht der Terrormiliz Islamischer Staat in ihrem Land. 3,9 Millionen Menschen von ihnen sind außerhalb der Landesgrenzen geflohen.

Damit hält das Land nun den traurigen Spitzenplatz in der Statistik der wichtigsten Herkunftsländer. Das ebenfalls seit Jahrzehnten von Kriegen und Terror heimgesuchte Afghanistan folgt mit 2,6 Millionen Flüchtlingen auf Platz zwei.

Neben Ländern des Nahen und Mittleren Osten sei die Lage gerade auch in Afrika schlimm. Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, Somalia, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo und anderen Staaten haben laut UNHCR 15 Millionen Afrikaner zur Flucht in Nachbarländer oder andere Gegenden ihrer Heimat veranlasst.

Weltweit verlassen den UN zufolge jeden Tag durchschnittlich 42 500 Menschen ihr Zuhause, um Verfolgung und Gewalt zu entgehen.

Wohin die Menschen fliehen

Syriens nördlicher Nachbar Türkei ist mit 1,59 Millionen Flüchtlingen zum Aufnahmeland Nummer eins weltweit geworden. Afghanistans Nachbar Pakistan folgte mit 1,51 Millionen aufgenommenen Menschen knapp dahinter auf Rang zwei.

Auch Pakistan, Libanon, der Iran und Äthiopien sind unter den Ländern, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben. Dabei beherbergt der Libanon im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge in seinen Grenzen. Hier kommen dem Bericht zufolge 232 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner.

Reiche Länder tragen dem Bericht zufolge in der Flüchtlingspolitik eine wesentlich geringere Last als ärmere Länder. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2014 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten.

Nach Europa kommen zwar auch immer mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer, die Dimension war allerdings mit etwa 220 000 im vergangenen Jahr für die gesamte EU deutlich kleiner.

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Fast 20 Millionen Menschen sind laut UN ins Ausland geflüchtet, 38 Millionen in ihrer Heimat unterwegs auf Suche nach Schutz. Die Zahl der Menschen, die offiziell Asyl beantragen, bildet nur einen kleinen Teil der Flüchtlinge: 1,8 Millionen haben einen Asylantrag gestellt. Beim Asyl seien Deutschland und Schweden die bevorzugten Zielländer.

UN kritisieren Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft

Die Welt steht der Entwicklung aus Sicht des UNHCR viel zu passiv gegenüber. "Es ist erschreckend, dass einerseits diejenigen, die Konflikte beginnen, mehr und mehr straffrei davonkommen und dass andererseits die internationale Gemeinschaft unfähig scheint, gemeinsam Kriege zu beenden und Frieden zu schaffen", beklagte Guterres. In den vergangenen fünf Jahren seien mindestens 15 regionale Konflikte ausgebrochen oder wieder aufgeflammt.

Die Ausweglosigkeit werde auch durch die geringe Zahl derjenigen unterstrichen, die sich wieder in ihre Heimat zurückwagten. Mit knapp 127 000 sei diese Zahl so niedrig wie seit 1983 nicht mehr. Die Länder mit den meisten Rückkehrern waren Kongo, Mali und Afghanistan.