90 Jahre Versailler Vertrag "Deutschland hat durch den Krieg seine Leidenschaft für die Tyrannei befriedigen wollen."

Gegen diese geplante Friedensregelung rief die Reichsregierung am 12. Mai die deutsche Nationalversammlung zu einer Protestkundgebung in der Aula der Berliner Universität zusammen. Hier sprach Philipp Scheidemann, Reichskanzler und Chef der Sozialdemokratie, die von da an berühmten Worte, dass die Hand, die einen solchen Vertrag unterzeichne, verdorren müsse. Aber solche Bekundungen beeindruckten die Alliierten nicht im Geringsten. Der Vertrag basierte auf dem Vorwurf an Deutschland, einen verbrecherischen Krieg geplant und diesen wie Verbrecher geführt zu haben.

Spiegelsaal des Schloss Versailles: Hier wurde der folgenreiche Friedensvertrag unterzeichnet.

(Foto: Foto: dpa)

Bei der Übergabe der definitiven Friedensbedingungen an die deutsche Delegation, am 16. Juni, sprach Ministerpräsident Georges Clemenceau dies noch einmal mit äußerster Deutlichkeit aus: "Das Verhalten Deutschlands ist in der Geschichte der Menschheit fast beispiellos. Deutschland hat durch den Krieg seine Leidenschaft für die Tyrannei befriedigen wollen." Die Deutschen hatten es jetzt schwarz auf weiß: Die Reparationen sollten sie nicht leisten, weil sie den Krieg verloren hatten, wie es seit Jahrtausenden üblich war. Sie sollten alles allein bezahlen, weil sie ein Verbrechen an der Menschheit begangen hätten.

Spätere Historiker-Generationen haben argumentiert - um internationalen Ausgleich und Völkerverständigung löblich bemüht - , dass der Artikel 231 und der Kriegsschuldvorwurf relativ nebensächlich gewesen sei, dass er lediglich die Reparationsforderungen technisch abstützen sollte. Und der Historiker Heinrich August Winkler, Bannerträger solcher Verständigung, hat sogar geurteilt, dass die Deutschen, wären sie vernünftiger gewesen, hätten einsehen müssen, dass der Versailler Vertrag auch sehr gute Ansätze und Entwicklungsmöglichkeiten in sich getragen habe.

Die Deutschen waren damals aber nicht vernünftig, sondern wirr vor Zorn. Jedenfalls hätte sich in solchen Sätzen kein Zeitgenosse wiedererkannt. Die Regierung Scheidemann trat zurück, nicht willens, den "Schandfrieden" zu unterzeichnen. Ihre Nachfolgerin, das Kabinett Bauer, unterzeichnete dann doch, wenige Stunden vor Ablauf des Ultimatums der Alliierten. Denn deren Truppen standen bereit einzumarschieren und eventuell das Deutsche Reich in Einzelteile zu zerlegen, wie es die Absicht der Franzosen war.

Ätzendes Salz der Legende

So wurde der Friedensvertrag am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet, wobei die Inszenierung dieses Aktes grauslich und so traumatisch war, dass keiner der daran beteiligten Deutschen später davon hat sprechen wollen. Gegenüber der deutschen Delegation war eine Gruppe von fünf "gueules cassées" platziert worden, Soldaten mit schwersten Gesichtswunden, ohne Augen, Nase oder Mund. Sie standen da wie ein Menetekel des deutschen Menschheitsverbrechens. Es gibt keine Fotos dieser Szene, und die einzig vorhandene Filmaufnahme aus dem Spiegelsaal erfasst diese Gruppe nicht.

Die Deutschen waren indessen unfähig, aus der "Schmach von Versailles" einen gemeinsamen Abwehrwillen, eine Art Minimalkonsens, zu entwickeln. Zu eng verbanden sich die Niederlage von 1918 und das Friedensdiktat von 1919 mit dem Verdacht, dass die Niederlage nicht auf dem Schlachtfeld erfolgt sei, sondern das Resultat revolutionärer Aufstände und anderer Machenschaften der Linken. Hatte Hindenburg, der unumstrittene Kriegs- und Volksheld, dies nicht vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung klar festgestellt?

Dabei hatte er nur die Schuld der Obersten Heeresleitung an der Niederlage bemänteln wollen. Die Dolchstoß-These war ätzendes Salz in der Wunde der Niederlage, und die Rechte machte aus dieser Behauptung das Zentrum der Angriffe gegen die Republik der Verlierer und Verräter am deutschen Volk. Aber der Schaden durch den Versailler Vertrag ging noch tiefer, er führte zu einem Basisverlust an Vertrauen in die Gestaltungskraft der neuen Staatsform.

Hitler hat seine Anklage des Weimarer "Systems" zentral auf den "jüdisch-bolschewistischen Verrat" und die Schmach von Versailles ausgerichtet. Im November 1928, zum zehnten Jahrestag der Niederlage, erklärte er etwas Erstaunliches: Die Republik hätte sogar bei den Nationalisten Anerkennung finden können, hätte sie sich verhalten wie die französische Republik 1870 unter Gambetta und eine bedingungslose Verteidigung der Grenzen organisiert. Doch was die Weimarer Republik getan habe, nämlich einen Vertrag zu unterzeichnen, der die Kriegsschuld Deutschlands behauptete, sei das unverzeihliche Verbrechen, für das die Verantwortlichen noch bestraft werden würden.

Die Nazis betrieben eine Revisionspolitik des Ersten Weltkriegs, was ihnen riesige Zustimmung in der deutschen Bevölkerung einbrachte. Nie war Hitler populärer - wie der britische Historiker Ian Kershaw gezeigt hat - als nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940, die Revanche für 1919. Das Versailles-Syndrom ging so weit, dass die deutschen Besetzer sofort anfingen, die Pariser Archive nach dem Originaldokument des Versailler Vertrages zu durchsuchen, den Göring unbedingt in Berlin ausstellen und den andere feierlich verbrennen wollten. Aber das gelang nicht, weil die französischen Archivare das Corpus Delicti raffiniert versteckten.

War Versailles 1919 schuld daran, dass die Deutschen sich 1933 Hitler anvertrauten? Generationen von Zeitgenossen und Historikern haben das zur Entschuldigung der Deutschen behauptet. Tatsächlich war dies ein apologetisches Totschlag-Argument. Deshalb wollten nachfolgende kritische Historiker nichts mehr davon wissen und legten tiefere Wurzeln des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte frei, beispielsweise die Verspätung der demokratischen Entwicklung durch den preußischen Militarismus. Das war eine sicherlich notwendige Reaktion, weshalb aber die Bedeutung des Friedensvertrags von 1919 historisch marginalisiert wurde.

Auch die Zeit hat natürlich geheilt. Für die Jüngeren ist der Versailler Vertrag heute so weit entfernt wie die napoleonische Zeit. Das ist gut so, denn nunmehr können wir sine ira et studio wieder beginnen zu erkennen, welch große Rolle er doch gespielt hat: Der Erste Weltkrieg war mit diesem Diktat der Sieger nicht wirklich beendet.

Gerd Krumeich, geboren 1945, ist Professor für Geschichte an der Universität Düsseldorf. Zu seinen Spezialgebieten gehört der Erste Weltkrieg.

90 Jahre Versailler Vertrag

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