50 Jahre türkische Gastarbeiter Wenn die Deutschländer in Deutschland bleiben

Kizilca ist eines dieser türkischen Dörfer, deren Bewohner sich ins Ausland davongemacht haben. Die Türken, die dort geblieben sind, sehen ihrer Gemeinde bei der Auflösung zu. Die Türken, die nach Deutschland gegangen sind, versuchen zu helfen. Doch aus Nachbarn sind Fremde geworden - und inzwischen sind aus Kizlica nicht einmal mehr die Bräute beliebt.

Von Kai Strittmatter, Kizilca

Wer nach Kizilca kommt, der stellt schnell fest, dass der lebendigste Ort das Kaffeehaus am Marktplatz ist. Kaum einer hier ist unter 70 Jahre alt. Alte Männer, die bei einem Tee sitzen, Backgammon spielen, das hier Tavla heißt. Sie schauen auf den Platz, wo die Büste von Republikgründer Atatürk im Schatten einer gelben Plastikpalme made in China steht, die Palme wenigstens ist ein Neuzugang.

Sie sehen ihrer Gemeinde bei der Auflösung zu. "Es geht zu Ende", sagt Cemal Tekelioglu. 82 Jahre hat er in Kizilca verbracht. Hier geboren. Aufgewachsen. Geblieben. Anders als die meisten. Einst lebten hier mehr als 3000, die Leute hier sprechen noch von 2000, in Wirklichkeit haben sie die Marke auch schon gerissen: 1996 sind es noch.

Wer hier zur Welt kommt, sagt einer, der wird mit der Sehnsucht nach der Ferne geboren. Vielleicht liegt es daran. Die Gegend ist altes Nomadengebiet, der alte Cemal hat in seiner Jugend noch Kamele getrieben, mit Säcken voller Leblebi, den gerösteten Kichererbsen, für die Kizilca immer berühmt war. Schön ist es hier, in der Hochebene im Hinterland von Antalya. Karstiges Bergland, ein ewig frischer Himmel. Nur Arbeit gab es nie. Die Leute hier waren immer schon als Tagelöhner unterwegs, pflückten im Sommer Tabak in Izmir oder Aydin. Bloß kamen sie früher immer zurück.

"Wir dachten, mit Deutschland sei das genauso", erinnert sich Ömer Gebesce, der Mann mit der lila Krawatte und dem akkurat gestutzten Schnauzer. "Schon für ein Jahr zu unterschreiben, fiel uns nicht leicht." Es wurden bei ihm dann 34 Jahre. Zahnräder in Friedrichshafen, eine Spinnerei in Wangen, Frischbeton und Montage in München. Gebesce war immer ein Netzwerker.

Als er im Frühjahr 1993 die Hochzeit seines Sohnes in München ausrichtete und 2500 Gäste erschienen, da waren an dem Abend in dieser Halle der Münchner Post wohl mehr Leute aus Kizilca versammelt als in Kizilca selbst.

Almanci, Deutschländer. So nennen die Türken ihre nach Deutschland ausgewanderten Landsleute. Einer von ihnen, Bekir Namlica, hat ein Gedicht über seine Jugend in Kizilca geschrieben: "Onkel Abdullah habe ich nicht gemocht, der einmal im Jahr mit seinem Opel Ascona kam / Gemocht habe ich die Schokolade, die er mitbrachte / Den Staub mochte ich, den die Mercedesse der Almanci aufwirbelten / Ihre Abschiedstränen". Und: "Wir Jungen träumten alle von den Töchtern der Almanci."

Der Dichter heiratete dann selbst eine. Und wurde so auch einer, ein Deutschländer. Wie so viele. Die Almanci schenkten dem Dorf das Grundig-Radio und den Saba-Fernseher, aber mit jedem Geschenk, das sie im Kofferraum hatten, machten sie den Menschen mehr Lust auf die Ferne.

Sie holten ihre Frauen nach, und suchten über Jahrzehnte in der Heimat Bräute und Bräutigame für ihre Kinder. "Wenn ich zurückblicke", sagt Ömer Gebesce heute, "dann sehe ich, dass wir das Potential unserer Heimat zerstört haben durch die Auswanderung. Unsere besten Leute sind weg." 5000 sind es mittlerweile, in Frankreich, Belgien, Österreich, die meisten aber in Deutschland: allein 120 Familien in Tuttlingen, 150 in München.

Prächtige Häuser stehen heute in Kizilca. Hier ein Schweizer Chalet, dort vierstöckige Mehrfamilienhäuser, die jedem Neubaugebiet in Baden-Baden oder Düsseldorf Ehre machen würden. Das Problem dabei: Die Besitzer sind in Baden-Baden. Und in Düsseldorf. Und in Friedrichshafen. München. Berlin. Nicht weniger als 500 dieser Häuser stehen leer.

Höchstens im Sommer kommen die Leute zurück nach Kizilca. "Und selbst dann bleiben viele nur eine Woche", sagt der alte Cemal Tekelioglu. "Sie machen lieber Urlaub an der Küste." Nur ein paar der Alten bleiben länger. Wenn sie in Deutschland in Rente gehen, teilen einige ihre Zeit auf: ein halbes Jahr dort, ein halbes Jahr hier. "Wir sind einsam hier", sagt Ömer Gebesce, der Mann mit der lila Krawatte und stupft sich eine Prise Schnupftabak auf den Handrücken: "Gletscherprise" von der Firma Pöschl in Geisenhausen.

Er lasse sich das Zeug kiloweise mitbringen, sagt Gebesce. Und dann: "Unsere Familien, unsere Gedanken sind heute in Deutschland. Es ist unsere zweite Heimat." Unsinn, sagt der Freund neben ihm, Mehmet Uluköylü, der in Westfalen im Bergbau geschuftet hat: "Deutschland ist unsere Heimat. Hier, in Kizilca, sind wir Touristen." Ihre Kinder leben in Deutschland, ihre Enkel sind deutsche Staatsbürger.

Der heute 70-jährige Ömer Gebesce kam 1999 nicht als Rentner und nicht als Tourist zurück. Die Leute in Kizilca wählten ihn, den Deutschländer, zum Bürgermeister. "Sie setzten große Hoffnung in ihn", sagt der junge Journalist Metin Üskes, selbst aus Kizilca. Man habe einen gewollt, "der Europa gesehen hat", einen, der vielleicht zum Wohle des Dorfes die Ressourcen der Almanci anzapfen konnte.

Zehn Jahre war Gebesce Bürgermeister, 2009 wurde er abgewählt, und heute muss man das Experiment wohl als gescheitert ansehen. Wenn man mit den Leuten spricht, dann erfährt man einiges über die Vorurteile zwischen beiden Seiten. Hier die Deutschländer. Dort die Zuhausegebliebenen. Und in der Mitte ein Graben. Da steht Kizilca für viele Orte.

Zuerst der Altbürgermeister. Es sei ganz einfach, sagt Gebesce: "Die, die Initiative zeigten, die, die was drauf hatten, die sind alle weggegangen, in die nahe Stadt Denizli oder nach Deutschland." Er nimmt eine Prise Schnupftabak. "Geblieben sind die Alten und die Faulen." Er schwärmt von deutschen Berufsschulen, von europäischer Logik und Ratio und klagt darüber, dass die Türken in "emotionalem Gequatsche" feststeckten. Gelernt habe er, dass man hier im Dorf mit neuen Ideen nichts ausrichten könne: "Wenn ihr hier alle herziehen würdet", sagt er zum SZ-Reporter, "dann würden sie eher euch ändern als ihr sie."

Im Dorf reagieren sie auf solch bittere Rede mit Ärger und Spott. Gebesce sei gerade deshalb abgewählt worden, weil er "nichts, gar nichts" geleistet habe, meint der 73-jährige Ali Yenalci, selbst Rückkehrer und Vorsitzender der AKP am Ort, die nun den Bürgermeister stellt. Und der 32-jährige Journalist Metin Üskes sagt, es sei kein Wunder, dass die Deutschländer in der Heimat als arrogant gälten. Die Almanci mussten schon früh lernen, dass man ihnen in der Heimat mit einer Mischung aus Neid und Verachtung begegnete.

Man nannte sie "D-Mark-Väter", was im Türkischen nach einer Mischung aus Geldsack und Mafiapate klingt; nahm ihnen übel, dass sie mit ihren Landkäufen in der Heimat die Preise in die Höhe trieben. "Sie sind uns fremd geworden, auch kulturell", sagt Metin Üskes. "Was haben sie Kizilca gegeben? Nichts außer den leeren Häusern und ein paar Geldspenden."

Vieles hat sich geändert. Das mit dem Einheiraten ins reiche Deutschland, das klappt nicht mehr. "Die Deutschländer sind wählerisch geworden", sagt Üskes. Stimmt, bestätigt am Telefon Bekir Inanlica. Der 39-Jährige wanderte mit 20 aus nach Tuttlingen. Fräser ist er heute, und gleichzeitig Vorsitzender des Hilfsvereins für Kizilca. Sie unterstützen von Tuttlingen aus Schüler in der Heimat mit Stipendien, sammeln für einen Krankenwagen. Aber eine Braut oder einen Bräutigam aus Kizilca? "Das will heute keiner mehr", sagt er: "Meine Tochter ist 19, aber so wie sie denken alle. Unsere Kinder sind in Deutschland groß geworden, sie wollen keinen mehr heiraten aus der Türkei, ohne Beruf, ohne Deutschkenntnisse. Das hat keinen Wert mehr."

Die Türkei ist reicher geworden. Das Land boomt. Das hilft den Jungen, sie ziehen jetzt in türkische Städte. Dem Ort hilft es nicht. Kizilca hat eine eigene Webseite, die rund ein Dutzend Spitzenmeldungen führte am Freitag der Besuch der SZ an. Es folgten acht Beerdigungen.