20 Jahre nach Beginn des Bosnienkriegs Europa lebt oder stirbt in Sarajewo

Vor 20 Jahren umzingelten bosnisch-serbische Einheiten Sarajewo. Sie blieben 1425 Tage, mehr als 10.000 Menschen wurden ermordet. Sarajewo steht für die Tatenlosigkeit der Internationalen Gemeinschaft. Heute haben sich die USA und Europa aus dem Reformprozess Bosnien und Herzegowinas verabschiedet. Doch es ist absurd zu glauben, dass das Land aus eigener Kraft eine stabile Demokratie wird.

Ein Gastbeitrag von Cem Özdemir

Heute jährt sich zum 20. Mal der Beginn der Belagerung Sarajevos. Am 5. April 1992 umzingelten bosnisch-serbische Einheiten die Stadt. Sie blieben 1425 Tage - unterstützt von der jugoslawischen Bundesarmee unter dem damaligen Regierungschef Slobodan Milosevic, der seine Vision eines Großserbiens zu verwirklichen suchte. Mehr als 10.000 Menschen, darunter auch viele Kinder, wurden durch Granatfeuer oder Heckenschützen ermordet. Zehntausende wurden teils schwer verletzt, viele davon auf der Suche nach Lebensmitteln in ihrem täglichen Kampf ums Überleben. Das alles geschah mitten in Europa.

Ein Denkmal in Sarajewo erinnert an die ersten beiden Menschen, die im Bürgerkrieg von bosnisch-serbischen Scharfschützen getötet wurden.

(Foto: AFP)

Doch 20 Jahre nach Kriegsbeginn sind die Belagerung Sarajewos und die ethnischen Säuberungen, die ihren erschütternden Höhepunkt in dem Massaker von Srebrenica fanden, von der Bühne internationaler Aufmerksamkeit leider weitgehend verschwunden. Erst Angelina Jolie, amerikanische Schauspielerin und Regisseurin, schaffte es zuletzt mit ihrem Film "In the Land of Blood and Honey", einer breiteren Öffentlichkeit erstmals nahe zu bringen, wie grausam der Krieg 1992 auf den europäischen Kontinent zurückkehrte und wie das Europa der Wendezeit damals so kläglich versagte, ihn zu beenden.

Sarajewo steht deswegen auch für die Sprach- und Tatenlosigkeit der Internationalen Gemeinschaft, die den offensichtlichen Gräueltaten zuschaute und sich nicht auf ein entschlossenes Handeln einigen konnte. Oft genug wurden UN-Soldaten selber Ziel der Angriffe, mussten sie dem Morden tatenlos zusehen, weil die politische Rückendeckung für ein Eingreifen fehlte.

Nicht wenige europäische Politiker erlagen der Propaganda der Kriegsparteien, Christen, Muslime, Kroaten, Serben und Bosniaken könnten nicht friedvoll in einem Land leben. Andere solidarisierten sich zwar mit den Opfern, brachten jedoch nicht den Mut auf, durch entschlossenes Handeln den Krieg zu verhindern oder wenigstens viel früher zu beenden.

Europa ließ es damals sehenden Auges zu, dass der historisch gewachsene, europäische Islam als Teil einer friedvollen, multikulturellen Gesellschaft auf dem Westbalkan ausgerottet oder vertrieben werden sollte.

Aus dieser Vergangenheit erwächst für die Internationale Gemeinschaft und allen voran für die Europäische Union eine besondere Verantwortung für den westlichen Balkan. Kroatien hat alle Voraussetzungen für den EU-Beitritt 2013 erfüllt. Auch Serbien ist seit knapp einem Monat offizieller EU-Beitrittskandidat. Doch Bosnien und Herzegowina scheint dieser Weg bis auf Weiteres versperrt.

Vergegenwärtigt man sich, dass maßgeblich die damaligen Präsidenten Serbiens und Kroatiens, Milosevic und Tudjman, hinter dem Krieg in Bosnien und Herzegowina standen, so muss die EU-Integration der beiden Nachbarn für die Menschen in Bosnien und Herzegowina umso bitterer wirken.

Es verwundert daher nicht, dass in jüngster Vergangenheit nationalistische Kräfte die innerethnischen Konflikte befeuern - in der Hoffnung, aus der wachsenden Enttäuschung über Europa für sich Profit ziehen zu können.

Und wie lautet die politische Antwort der EU und der Internationalen Gemeinschaft? Die USA haben ihren Blick schon seit den Anschlägen des 11. September 2001 weg vom Balkan gelenkt und sehen, nicht zu Unrecht, die europäischen Partner in der Verantwortung.

Die EU ist wegen der Finanzkrise mit sich selbst beschäftigt

Die EU ist aufgrund der Finanz- und Schuldenkrise allerdings vor allem mit sich selbst beschäftigt. Eine Beitrittsdebatte um ein Land auf dem Westbalkan mit einer aktuellen Arbeitslosenquote von über 40 Prozent erscheint vielen europäischen Staats- und Regierungschefs nicht gerade attraktiv, versprechen sie sich davon doch keine Wählerstimmen oder strategischen Nutzen wie im Falle Serbiens, wo die Verleihung des EU-Kandidatenstatus auch eine Stärkung des pro-europäischen Lagers bedeutet. Europa hat sich de facto aus dem Reformprozess Bosnien und Herzegowinas verabschiedet und ihn der EU-Bürokratie überlassen, für die oftmals nicht der Inhalt von Verhandlungspaketen als entscheidend gewertet wird, sondern vielmehr deren bloßer Abschluss als solches.

Hintergrund dieses völlig unpolitischen Agierens war und ist bis heute die Uneinigkeit seitens der involvierten EU-Mitgliedsstaaten als auch von wichtigen Verhandlungspartnern wie der Türkei oder den USA. Während die beiden letztgenannten ähnlich wie Großbritannien schon lange die Hoffnung aufgegeben haben, dass das alleinige Winken mit einer EU-Beitrittsperspektive die nötigen Veränderungen in Bosnien-Herzegowina bringen werden, hoffen die EU-Kommission, aber auch Deutschland und Frankreich weiter, bislang jedoch weitgehend vergeblich.

Die spezifischen Probleme eines multiethnischen Landes brauchen aber mehr als bloße Hoffnung. Es ist absurd zu glauben, dass Bosnien-Herzegowina es aus eigener Kraft schaffen wird, eine stabile Demokratie zu werden. Und es ist unredlich, bis zum Sankt Nimmerleinstag eine EU-Beitrittsperspektive vorzugaukeln, die in der Realität allem Anschein wohl nicht ernstgemeint ist.