Wiener Kongress Die Geschichte einer Tragödie

Die Kriege gegen Napoleon 1813 bis 1815 wurden im Namen der Freiheit geführt, damals aber wohlweislich nicht Freiheitskriege genannt. Die konservative Sicht setzte sich durch, das Ziel des Kampfes sei mit der Befreiung der deutschen Lande von der Fremdherrschaft erreicht - daher der Name "Befreiungskriege".

Sie waren noch nicht zu Ende, da hatte eine reaktionäre Hofschranzenschaft rund um König Friedrich Wilhelm die ungeliebten preußischen Reformer schon ins Abseits gedrängt. Und das Militär, einst Hochburg der Reformer? Es nahm nun Bürger auf und behielt die Wehrpflicht, doch trieb es den Soldaten demokratische Flausen mit Gewalt aus. Es herrschte bald ein erzkonservativer Korpsgeist in der bleiernen Zeit nach 1815. Und wer nun, wie die Studenten, noch Lieder über Einheit und Freiheit sang, wurde zum Fall für die Geheimpolizei. E. T. A. Hoffmann ließ 1822 in der Satire "Meister Floh" seinen Geheimen Hofrat Knarrpanti sagen: "Wenn erst der Verbrecher ermittelt sei, würde sich das begangene Verbrechen von selbst finden."

Es ist die Geschichte einer Tragödie, eines getäuschten Volkes, der verlorenen Freiheit. Die Geschichte der Deutschen ist nicht arm an Freiheitskämpfen, doch gelten die Kämpfer selbst in ihrem Land wenig. In den USA und Frankreich sind die Revolutionäre Nationalhelden, bisweilen ins Mythische und Ideologische entrückt, aber Gründerväter (und gelegentlich auch -mütter) ihrer Nationen.

Stets hat die Freiheit im entscheidenden Augenblick verloren

In Deutschland sind die Namen von Freiheitskämpfern fast unbekannt, ein paar Denkmäler in der Provinz erinnern an sie und hier und da ein Straßenname: Ludwig Adolf Wilhelm Freiherr von Lützow, der Freischarführer von 1813, Friedrich Hecker und Franz Sigel, die badischen Revolutionäre, die sich 1849 nicht beugen wollten; die aufständischen Matrosen und Soldaten, die 1918 ihren dünkelhaften Offizieren die Rangabzeichen von den Schultern rissen und sich weigerten, weiterhin Kanonenfutter eines längst verlorenen Krieges zu sein. Sie alle spielen, im kollektiven Bewusstsein, sogar noch heute eine sehr geringe Rolle.

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Nach 1945 haben sich viele kluge und auch einige minder kluge Historiker damit beschäftigt, ob ein "gerader Weg" direkt in das deutsche Verhängnis der Hitler-Jahre geführt habe - und wenn ja, wo der Anfang dieses Wegs zu finden sei. Mit dem Abstand einiger Jahrzehnte zu solchen Kontroversen, welche unweigerlich sogleich die Identität der beiden deutschen Staaten berührten, ist der Gedanke eines geraden Weges der deutschen Geschichte in den Nationalsozialismus verblasst. Zu Recht. Es hat immer Weggabelungen, Entscheidungsmöglichkeiten gegeben, und alles hätte ganz anders und gewiss nicht so apokalyptisch wie 1933 bis 1945 kommen können. Aber stets hat die Freiheit im entscheidenden Augenblick verloren. Doch das heißt nicht, dass diese Niederlagen zwangsläufig oder gar gesetzmäßig gewesen sind.

Was wäre, wenn die Weimarer Republik wehrhafter gewesen, die Revolution von 1918 nicht ganz so gutartig und im Rausch der Illusion gefangen, der große Aufstand des Bürgertums 1848/49 siegreich gewesen wäre? Oder eben: Was, wenn der Schwung des Freiheitsgedankens 1813 die Throne ins Wanken oder wenigstens die Könige zur Einsicht gebracht hätte?

Die Niederlage der Freiheit 1815 ist mit dem Namen von Klemens Wenzel Lothar von Metternich verbunden. Der österreichische Staatsmann war die graue Eminenz des veränderungsfeindlichen Machtsystems der Restauration, das zwar auf lange Zeit den Frieden sicherte, aber jede nationale und liberale Befreiung bekämpfte. Selbst der Gedanke an die deutsche Einheit grenzte in dieser Epoche an Hochverrat, weil sie die bestehende Ordnung gekippt hätte. Ohne diese Ordnung wäre Deutschland vielleicht den Weg in den Westen und in die Moderne gegangen.

Die Einheit des geteilten Landes gelang 1871 von oben

Es wäre ja nicht der Weg jakobinischen Terrors gewesen, wie in Paris nach 1789, nicht der Weg der Guillotinen. Die preußischen Reformer, die Freiwilligen, sogar die patriotischen Studenten von 1813 wollten Gemeinsinn, nicht Gemeinheit.

Aber sie haben nichts davon bekommen. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 erstickten die Ära des Reformwillens, so unerträglich wurde das Joch des Obrigkeitsstaates, dass sich der gesammelte Zorn der Bürger in der Revolution von 1848 entlud, am nächsten großen Scheideweg der deutschen Geschichte. Auch hier verlor die Freiheit gegen die Bajonette der Gegenrevolution.

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Die Einheit des geteilten Landes gelang erst von oben, mit dem Kaiserreich von 1871. Einheit und Freiheit aber wurden in Deutschland fortan immer mehr als Gegensätze verstanden - das ist der Unterschied zu den meisten Nationen des Westens.

Der große Münchner Historiker Thomas Nipperdey hat die Tragödie der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 treffend zusammengefasst: "Es ist das Wesen großer geschichtlicher Erscheinungen, dass das, was wir mögen, und das, was wir nicht mögen, ihnen zugleich eigen ist, dass sie sich unserem Verlangen, das Positive auf derselben Seite zu finden: Freiheit und Friede, gerade nicht fügen - das macht ihre Größe und ihr Unglück aus."

Dieser Text erschien im Januar 2013 in der Süddeutschen Zeitung. Zum Ende des Wiener Kongresses vor 200 Jahren veröffentlichen wir ihn in leicht veränderter Fassung an dieser Stelle erneut.