Wiener Kongress "Der Mensch muß für eine Idee begeistert werden"

Wer Frankreichs Heere schlagen wollte, musste das freilich mit dessen eigener Waffe tun: der bewaffneten Bürgerschaft, der levée en masse. Diese Errungenschaft der Revolution hatte sich bis 1812 den streng gedrillten Armeen aller Feudalmächte als überlegen erwiesen. Frankreichs Soldaten kämpften für eine Sache: ihr Land und die neue Freiheit des Volkes. Das verschaffte ihnen einen gewaltigen Vorteil über die von Adeligen geführten Söldnerheere der Feudalmächte, deren größte Sorge von jeher war, dass sich die Truppe nicht bei erster Gelegenheit absetzte.

Frankreichs Heere kämpften flexibler, eigenständiger, intelligenter. Und weil das so war, hatten Preußens große Reformer wie Stein, Hardenberg, Scharnhorst und Gneisenau eines erkannt: Ein Vaterland braucht ein Volk, das an diesem Lande hängt, das Teil an ihm hat und sich als sein Bürger versteht. "Der Mensch", so August Graf Neithardt von Gneisenau, "muß für eine Idee begeistert werden, damit er etwas Großes leistet."

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Weder er noch seine Mitstreiter waren Revolutionäre. Sie hofften, die Regentschaft der Königshäuser und des Adels mit der Masse des Volkes zu versöhnen, zumindest die gebildeten Schichten enger an den Staat zu binden. Bis zu den schauerlichen Niederlagen gegen Napoleon 1806 aber war es Bürgern fast unmöglich, Karriere in der Armee zu machen. Die Offiziersposten befanden sich in der Hand des Adels, Herkunft galt mehr als Können.

"Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte."

Der Militärreformer Scharnhorst begründete mit diesem Argument die allgemeine Wehrpflicht: "Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben." Oder, mit dem martialischen Arndt gesprochen: "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte." Das war aber das Problem. Friedrich Wilhelm und all die kleinen und großen Fürsten bis hin zum Kaiser in Österreich wollten beides, das Eisen und die Knechte.

Nur ein Bündnis der großen Mächte einschließlich Russlands war stark genug, die Militärmacht Napoleons zu bezwingen. Und da es daher weiterhin die Staaten waren, welche den Krieg führten, trugen die Befreiungskriege einen eigentümlichen Doppelcharakter.

Sie waren und wurden immer mehr zu herkömmlichen Feldzügen, aber erstmals schwang in den Heeren aus den deutschen Landen ein patriotischer Geist mit, der, wenn auch vage, mehr Freiheit und nationale Einheit zugleich forderte - zwei Dinge, welche die Fürstenhäuser nicht zu gewähren bereit waren, wollten sie nicht die Grundpfeiler der eigenen Macht erschüttert sehen.

Die Freiheit galt den Fürsten als Feind, als französischer Revolutionsimport

Die Freiheit, zumal die innere, galt ihnen als Feind, als französischer Revolutionsimport. Und mit den Franzosen waren ja nicht nur Drangsal und Ausplünderung gekommen, sondern auch Fortschritte. Das überkommene Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte Napoleon mit einem Federstrich beseitigt, ebenso die drückende Macht der Kirche und manche mittelalterlichen Zustände in Justiz und Gesellschaft. Dem Freiheitsgedanken in Deutschland hat es noch lange geschadet, dass solche Reformen durch die Gewehre der Invasoren erzwungen werden mussten.

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Frankreich, der geschlagene Gegner, wurde ritterlich behandelt. Doch das Gemälde von Staatsklugheit, das die Historiker Heinz Duchhardt und Eberhard Straub vom Wiener Kongress zeichnen, geht nicht auf. Die 1815 vereinbarte internationale Ordnung war moralisch angreifbar.   Von Gustav Seibt

Umso leichter stellten die Herrscherhäuser, als Napoleon 1815 endgültig auf eine windzerzauste Atlantikinsel verbannt und in Paris das Königshaus der Bourbonen wieder eingesetzt war, den Status quo ante wieder her. Und mehr noch. Der Wiener Kongress sicherte die Herrschaft der Großmächte, die äußere Ordnung, völkerrechtlich so sehr, dass auch ihre innere Ordnung fortan als sakrosankt galt. Deutschland blieb ein Flickenteppich diverser Herrschaften, lose im Deutschen Bund zusammengefügt, unter dem wachsenden Schatten Preußens.