100 Jahre Erster Weltkrieg Karten spielen unter Gasmasken

Frühes Selfie: Robert Martin Eltner während des Ersten Weltkrieges.

(Foto: Quelle: Sammlung Simone Demandt)

Wie eine militarisierte Gesellschaft in ihr Verhängnis schlitterte, zeigt eine Ausstellung in Baden-Baden. Erstmals werden Fotos des Röntgentechnikers Robert Eltner präsentiert, der Kameraden zu Beginn des Ersten Weltkriegs bizarr in Szene setzte.

Von Oliver Das Gupta

Robert Martin Eltner ist zu Beginn des Ersten Weltkriegs 19 Jahre alt, als er seine Kameraden mit Gasmasken ablichtet, während sie Karten spielen. Eltner, dessen Fotonachlass nun in Baden-Baden gezeigt wird, macht seine Aufnahmen nicht an der Front. Er hat einen besonderen Blick, den der Etappe.

Eltners Fotos sind sorgsam inszeniert: Schwer verwundete Soldaten in einer zum Lazarett umfunktionierten Kirche, die in die Kamera lächeln. Das Bild einer nachgestellten Operation, auf dem sich mehr als ein halbes Dutzend Menschen vor der Kamera tummeln.

Der Fotograf scheint die Menschen vor seiner Linse in Szene zu setzen wie Spielzeugsoldaten. Eltner selbst posiert mit Orden und vor einem Flugzeug, das er später in ein Hausdach steuern wird. Für Eltner bleibt der Krieg ein Spiel. Deshalb werden seine Aufnahmen nun auch im Museums für Kunst und Technik des 19. Jahrhundert in Baden-Baden gezeigt.

Bislang unbekannte Fotos aus Erstem Weltkrieg

Eltners Blick der Etappe

In der Ausstellung "Krieg spielen" sind seine Bilder und die seiner Verwandten seit diesem Freitag erstmals zu sehen. Diese und andere Exponate machen einen besonderen Aspekt des Wilhelminischen Kaiserreichs besonders deutlich: Wie die deutsche Gesellschaft vor 1914 spielerisch auf einen Krieg vorbereitet wurde.

Hier gibt es auch einen Satz Miniatursoldaten mit einem mobilen Verbandswagen aus Blei. Dann einen Schiffbaukasten, auf dem ein Matrose mit aufgepflanztem Bajonett grimmig dreinschaut. Da sind Armeeuniformen für ein- bis dreijährige Knaben ausgestellt. Schrecklich putzig.

Wilhelm, der "Spielzeugkaiser"

Über allem schwebt Wilhelm II., der über ein ökonomisch und wissenschaftlich blühendes Reich herrscht und es mit seinem Gehabe prägt, das zwischen demonstrativer Großkotzigkeit und Infantilität schwankt.

Einen "Spielzeugkaiser" nennt Museums-Chef Matthias Winzen den Monarchen. Uniformen und Allianzen, Kriegsschiffe und Theaterinszenierungen - der Kaiser habe sich wie ein Kind für alles begeistern können und wollte überall mitbestimmen. "Bei Wilhelm II. verwischten die Grenzen", sagt Winzen zur SZ. Das Militär war für den Kaiser das Größte, Krieg war ein Spiel und deshalb konnte man ihn 1914 auch riskieren.

Uniform-Marotte von Kaiser Wilhelm II.

Russisch, englisch, türkisch sind alle meine Kleider

Gerade die gebildeten Untertanen machten es ihrem Fürsten nach, wie die Ausstellungsexponate zeigen. Vorgestanzt war die Welt der heranwachsenden Jungen, in der sie lernten, wie der homo teutonicus sein soll. Romantisiert und idealisiert wurde das Bild des germanischen Kriegers, das in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts einer Generation vermittelt wird, die später in den Schützengräben ganz unheroisch verrecken sollte.

Robert Martin Eltner, der fotografierende Medizintechniker, hat wohl nie das Grauen an der Front gesehen. Bruder Wilhelm fällt 1918, Robert Martin übersteht einen Absturz mit seiner Albatros-Maschine genauso wie den Krieg. Er hatte, wie seine Enkelin Simone Demandt schreibt, "einfach Glück in seinem Leben".

Die Ausstellung "Krieg spielen. Kunst und Propaganda im Ersten Weltkrieg" ist vom 20. September 2014 bis zum 1. März 2015 zu sehen. Im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden.

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