80 Jahre "Anschluss" Österreichs "Feiermassen wurden zu Hetzmeuten"

Wien im März 1938: Der gebürtige Oberösterreicher Adolf Hitler verkündet von der Wiener Hofburg aus den "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich. Vor ihm, auf dem Heldenplatz, jubeln Hunderttausende Wiener.

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200 000 jubelten Hitler zu, als Österreich vor 80 Jahren Teil des Deutschen Reichs wurde. Der Historiker Gerhard Botz über "Reibpartien", Opfermythos und die Geschichtskommission der FPÖ.

Interview von Oliver Das Gupta

Der Historiker Gerhard Botz, Jahrgang 1941, lehrte als Professor unter anderem in Paris, Stanford und Wien. Botz gilt als einer der besten Kenner des "Anschlusses" von Österreich an Hitler-Deutschland im März 1938. In diesen Tagen erscheint die aktualisierte Fassung seines Standardwerks "Nationalsozialismus in Wien".

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SZ: Wie erinnerte man sich nach dem Krieg in Österreich an die Nazi-Zeit?

Gerhard Botz: Die ersten 20 Jahre nach Kriegsende befasste sich hier fast niemand damit, und übrigens auch nicht mit dem autoritären Ständestaat vor 1938. Dann, ab Mitte der sechziger Jahre, begann man in Österreich damit, die eigene Rolle positiv aufzuwerten: Die militärisch kaum relevanten österreichischen Widerstandsaktivitäten gegen die Nazis wurden überbetont, damit einher ging die Opferthese. Das offizielle Österreich vermied den Begriff "Anschluss" jahrzehntelang, es war die Rede von der "Okkupation" durch Hitler-Deutschland.

Wer hat sich diesen Opfermythos ausgedacht?

Eingeleitet haben das die Alliierten, sie haben die "Opferthese" in der Moskauer Deklaration 1943 festgelegt. Die Alliierten erklärten darin Österreich zum ersten "freien Land", das Hitlers Expansionsdrang zum Opfer gefallen war.

In der Bundesrepublik kam die Aufarbeitung der NS-Zeit ebenfalls erst viele Jahre nach dem Krieg in Gang.

Aber die Deutschen haben im Zuge der Aufarbeitung dann klar Verantwortung übernommen. In Österreich lautete das Narrativ lange: Deutsche Nazis hätten die Einverleibung mit Hilfe von wenigen verführten Österreichern herbeigeführt. Folglich war der übergroße Teil der Österreicher unschuldig und trug deshalb auch keine Verantwortung.

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Wie reagierten andere Länder darauf?

Der deutsche Kanzler Adenauer sagte mal, wenn Österreich eine Wiedergutmachung haben wolle, "schicken wir ihnen die Gebeine Hitlers" - der war ja geborener Österreicher. Ansonsten wurde das Selbstbild Österreichs international weitgehend akzeptiert. Eine ähnliche Denkweise herrscht übrigens in anderen Ländern. Die polnische Regierung hat derzeit ein Gesetz, das die Rolle polnischer Kollaborateure bei NS-Verbrechen zu verleugnen sucht.

Wie lange dominierte in Österreich dieses Selbstbild?

Bis in die achtziger Jahre, also auch während der Regierungszeit des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, der selbst jüdische Wurzeln hatte und als junger Mann vor den Nazis nach Skandinavien geflohen war. Doch dann, Ende der achtziger Jahre, wurde die Opferthese brüchig, als die NS-Vergangenheit des damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim thematisiert wurde.

Dabei haben viele Österreicher im März 1938 den Einmarsch der deutschen "Wehrmacht" bejubelt. Zur Rede Hitlers am Wiener Heldenplatz kamen etwa 200 000 Menschen - bei einer Gesamtbevölkerung Wiens von zirka 1,8 Millionen.

Genau, und dieser Jubel ging in Ausschreitungen gegen jüdische Österreicher über. Dieses Phänomen gibt es immer wieder: Dem positiven Hurra steht eine negative, gewalttätige Seite gegenüber. In der Feierlaune wurden Schuldige gesucht und sofort gefunden. So wurden vor 80 Jahren auch die Feiermassen zu Hetzmeuten, die in Wien ihre jüdischen Mitbürger auf die Straße trieben und sie zwangen, die Straßen zu waschen.

Die sogenannten "Reibpartien".

Für die Hitler-Begeisterten war es eine Gaudi, Juden so zu demütigen. Wenn Sie die Fotos von damals betrachten, sehen Sie Juden, die umringt werden von Schaulustigen. Damals wurden die Juden geschlagen und getreten, aber meines Wissens nicht getötet. Das folgte dann ein halbes Jahr später bei der Reichspogromnacht, als auch in Österreich eine Anzahl von Juden ermordet wurde.

Nach dem Untergang der Hitler-Diktatur fanden viele Altnazis eine politische Heimat in der FPÖ. Nun will die heutige Regierungspartei ihre Geschichte aufarbeiten lassen - nehmen Sie ihr den ehrlichen Willen dazu ab?

In der FPÖ gibt es sicherlich einige Leute, die es ernst meinen, aber es dominieren die Kräfte, die mauern. Die FPÖ wird wohl keine Geschichts-"Wappler" - Wienerisch: totale Nichtswisser - in die Kommission nehmen. Die durchaus respektablen FPÖ-nahen Experten, auf die es vielleicht hinausläuft, werden allerdings versuchen, ein möglich günstiges Bild von der Parteigeschichte zu zeichnen.

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