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Jagdgesetz:Baumschutz mit dem Gewehr

Die Jäger sind nicht unbedingt glücklich darüber, dass sie nun den Schutz von Jungbäumchen übernehmen sollen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bisher schützen die Waldbauern Neupflanzungen vor Wildverbiss. Nun sollen das nach dem Willen von Landwirtschaftsministerin Klöckner die Jäger übernehmen. Der Preis könnte ein Wald ohne Wildtiere sein.

Von Rudolf Neumaier, München

Julia Klöckner nimmt Rehe, Hirsche und Gämsen ins Visier. Die Bundeslandwirtschaftsministerin legt an diesem Mittwoch dem Bundeskabinett einen Entwurf für ein neues Jagdgesetz vor, das es nicht gut meint mit den wild lebenden Paarhufern. Es schreibt als Hegeziel vor, dass die Jagd eine "Verjüngung des Waldes im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen" soll. Im ersten Entwurf war noch von einer "Naturverjüngung" die Rede. Die Forstlobby jubelt über Klöckners neuen Entwurf. Er spart ihr Geld. Verjüngung oder Naturverjüngung - das ist ein gravierender Unterschied, der über Gedeih und Verderb bislang gesunder Wildpopulationen entscheidet.

Bei der Naturverjüngung geht es um die natürliche Reproduktion vorhandener Baumarten. Mit "Verjüngung" ist aber auch die Pflanzung von Bäumen aus der Baumschule und von standortfremden Pflanzen wie der Douglasie gemeint, die wegen ihres hohen Nährstoffgehalts auf Wildtiere eine besondere Anziehungskraft ausüben. Bis dato war es für viele Waldbauern selbstverständlich, dass sie solche Pflanzungen gegen Verbiss schützen, etwa mit Schutzsprays. Den Schutz sollen nun aber die Jäger übernehmen - durch deutlich mehr Abschüsse.

"Ist ein Wald ohne Wild gewünscht?"

Auf die Forderungen des Deutschen Jagdverbandes (DJV), die Reform an einem Runden Tisch mit Tier- und Naturschutzverbänden sowie mit Forstvertretern zu erörtern, ging Klöckner (CDU) nicht ein. Nun brütet der DJV über einer Stellungnahme. Schneller ist der von ihm abgespaltene Bayerische Jagdverband. Was Klöckner fordert, sei "praktisch nicht umsetzbar, es sei denn, es ist ein Wald ohne Wild gewünscht", sagt Interimschef Thomas Schreder. Der Entwurf berücksichtige allein forstwirtschaftliche Interessen und lasse die Bedürfnisse der heimischen Wildtiere weitgehend außer Acht. Erst nach der Verbändeanhörung Ende August in Bonn sei der Begriff "Verjüngung" in die Paragrafen 1, 21 und 27 des Gesetzes gekommen, die Jagdverbände seien dabei übergangen worden. Nur über Dritte habe er von der neuen Formulierung erfahren, sagt Schreder.

Auf deutliche Kritik stößt Klöckners Initiative für das vermehrte Töten von Rehen und Hirschen beim Deutschen Tierschutzbund. "Die Neuformulierung birgt große Risiken zulasten des Tierschutzes und zur Bevorzugung forstlicher Wirtschaftsformen, die nichts mit der Förderung naturnaher und klimastabiler Mischwälder zu tun haben", sagt James Brückner, der Referent für Artenschutz. "Wenn künftig mehr Rehe zum Schutz von Weihnachtsbaumplantagen oder Monokulturen sterben müssen, ist dem Wald insgesamt sicher nicht geholfen."

Tierschützer sprechen von verfassungsrechtlichen Bedenken

Naturschutzverbände sind in der Abschussfrage gespalten. Richard Mergner, der Vorsitzende des BUND Naturschutz in Bayern, begrüßt eine radikale Gangart gegen die Paarhufer: "Hunderte Millionen an Steuermitteln sollen kein Rehfutter, sondern zukunftsweisende Investitionen in klimastabile Wälder von morgen werden", sagte er schon im August zur Novelle des Bundesjagdgesetzes über den Schutz von Baumpflanzungen. Sein nordrhein-westfälischer Kollege Holger Sticht hingegen unterschrieb einen Brief mehrerer Tierschutzverbände an Klöckner, in dem die Ministerin auf verfassungsrechtliche Bedenken hingewiesen wurde. Die Absender forderten eine Prüfung der Ursachen von Wildverbissschäden, zudem seien "alternative, mildere Maßnahmen" als der Abschuss ins Auge zu fassen, "die den Ansprüchen des Tierschutzes nicht zuwiderlaufen".

Solche Maßnahmen gibt es laut dem Dresdner Wildökologen Sven Herzog. Er führt Wildruhezonen und Äsungsflächen an, die sich bewährten, wo man sie eingerichtet habe. Klöckner aber verfolge eine "fachlich unsägliche und ewig gestrige Strategie des Totschießens". Sie werde zahllose unsinnige Streitfälle zwischen Waldbesitzern und Jägern, aber auch zwischen Forstbehörden und Waldbesitzern auslösen, weil mit dem neuen Gesetz Forstbehörden Grundeigentümer in Jagdfragen bevormunden können. Bisher sei das Jagdgesetz als Regularium für Tier- und Artenschutz zu verstehen gewesen. "Das ändert sich jetzt gravierend." Herzog sieht einen Rückfall ins 19. Jahrhundert, als ganze Populationen großflächig ausgerottet wurden, auch die großen Prädatoren.

Hans von der Goltz, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft, kann den Entwurf als Erfolg verbuchen. Für ihn war wichtig: "Das Jagdgesetz muss auf jeden Fall das Ziel, einen zukunftsfähigen Mischwald zu ermöglichen, als Kernbotschaft festschreiben." Doch auch er räumt ein, dass bei widrigen Witterungsverhältnissen einzelne Rehe reichen, um "in kurzer Zeit selektiv Hunderte Bäume zu verbeißen. Schon in einer einzigen Pansenfüllung haben sehr viele Triebspitzen Platz." Vor diesem Hintergrund wäre bei Baumplantagen ohne Schutzmaßnahmen Totalabschuss erforderlich.

© SZ/rop
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