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Italiens Premier Enrico Letta:Langweiler mit Höllenjob

Er gilt als seriös bis zur Langweiligkeit, zu Treffen mit dem Staatspräsidenten fährt er im alten Fiat: Enrico Letta will Italien aus der Krise führen, doch jetzt könnte Silvio Berlusconi die Regierung Letta in die Knie zwingen. Auf der Suche nach einer Lösung bittet Letta auch schon mal um höheren Beistand.

"Das ist eine verrückte Geste": Wenn einem wie Italiens Ministerpräsident Enrico Letta, der ein sachlicher und zurückhaltender Typ ist, kein anderer Kommentar mehr einfällt, ist er wirklich sauer. Eine besonders böse Überraschung hat ihm sein Vorvorgänger Silvio Berlusconi bereitet - mit der Anordnung an die Minister seiner PdL, zurückzutreten und so die römische Koalitionsregierung in Gefahr zu bringen.

Letta war gerade aus New York zurück, wo er an der UN-Versammlung teilnahm. An der Wall-Street-Börse und vor Wirtschaftsgrößen hatte er zu überzeugen versucht, Italien sei ein gutes Land für Investitionen mit einer stabilen Regierung. Der 47 Jahre alte Sozialdemokrat Letta kann so etwas, er wirkt seriös bis zur Langweiligkeit, spricht fließend Englisch und Französisch und ist auch durch Mitarbeit in politischen Thinktanks international vernetzt.

Doch noch ehe Letta sich auf den Heimflug machte, konterkarierten Berlusconi und seine Parlamentarier alles, was Letta vielleicht erreicht haben mochte: Sie kündigten an, zurückzutreten von ihren Parlamentsmandaten, wenn Berlusconi aus dem Senat ausgeschlossen werden sollte. Und am Samstag folgte der Paukenschlag: Rücktritte der PdL-Minister. Statt des Familientages mit seiner Frau, einer Journalistin, und den drei Söhnen, hat Letta nun Krisensitzungen auf dem Programm. Dass er einen Höllenjob übernommen hat, weiß der promovierte Politikwissenschaftler aus Pisa, seit er am 28. April den Amtseid abgelegt hat.

Charme einer neuen Politiker-Generation

Von Anfang an war klar, dass über seiner Regierung die Gefahr der Erpressung schwebt durch Berlusconi und seine Abgeordneten. Doch pflichtbewusst und mit Opferbereitschaft sprang er auf Wunsch des Staatspräsidenten in die Bresche, nachdem der Premierkandidat der PD, Pierluigi Bersani, zwei Monate lang keine Mehrheit zusammengebracht hatte.

Letta hat den Charme, eine neue Generation in der Politik zu verkörpern, aber auch viel Erfahrung mitzubringen. 1998 wurde er jüngster Minister Italiens, auch Europaabgeordneter war er schon. Mit seinem bescheidenen Auftreten - er fuhr mit seinem alten Fiat beim Staatspräsidenten vor - bringt er dazu den richtigen Stil für Zeiten der Sparpolitik mit. Tapfer versucht Letta seit fünf Monaten, Reformen voranzubringen. Tapfer muss der Premier aber auch wegen seiner eigenen Partei sein.

Die PD zerfleischt sich über Kurs und Personen. Vor allem die Linken, zu denen Letta nicht gehört, halten es für falsch, dass sich die Partei mit dem Erzfeind Berlusconi eingelassen hat. Auf dem anderen Parteiflügel macht ihm der bürgerliche Rebell Matteo Renzi zu schaffen, der um Vorsitz und Spitzenkandidatur konkurriert. Am Sonntagabend war Letta beim Staatspräsidenten, schnelle Neuwahlen wollen beide vermeiden. Vorher suchte Letta höheren Beistand: Von den bei der Gemeinschaft Sant'Egidio versammelten Geistlichen bat er: "Wenn Ihnen ein paar Gebete für Italien einfallen, ist das sicher nützlich für uns alle."