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Italiens Mitte-links-Kandidat Bersani:Der Anti-Populist

Supporters attend as Italy's Democratic Party leader Bersani waves a flag during his political rally in downtown Naples

Auf ihn hoffen alle Berlusconi-Gegner: Pierluigi Bersani von der Demokratischen Partei Italiens.

(Foto: REUTERS)

Ganz Europa schaut gebannt nach Rom: 50 Millionen Italiener sind zur Wahl gerufen. Die besten Aussichten hat der Mitte-links-Kandidat Pierluigi Bersani. Geduldig, hartnäckig und uneitel hat er den Italienern klargemacht, dass er Mario Montis Sanierungskurs weitergehen will - wenn auch mit sozialen Korrekturen.

Pierluigi Bersani hat sich während des gesamten Wahlkampfs Mühe gegeben, in seinen Reden nicht zu dick aufzutragen. Es war ja auch eine Tour durch Hallen und Fernsehstudios, weil Italien erstmals im Winter wählt.

Aber jetzt, im Endspurt, ist der Chef der italienischen Sozialdemokraten doch noch einmal auf einen großen Platz gegangen, auf die Piazza Plebiscito mit ihrer Kolonnadenkulisse in Neapel, und er spricht große Worte. "Das ist eine Wahl von historischer Bedeutung", ruft er der Menge am Donnerstagabend zu, "alles entscheidet sich jetzt." Nicht nur, ob 20 Jahre Berlusconismus endlich "archiviert" würden, sondern auch, ob der Einzug von Beppe Grillos Protestbewegung ins Parlament die Demokratie in Italien gefährde. "Das Europa der Progressiven erwartet, dass wir gewinnen", beschwört Bersani seine Zuhörer.

Wahlen in Italien

Wer in Rom jetzt wichtig wird

Von allen Kandidaten, über die Italiens Wähler am Sonntag und Montag abstimmen werden, hat Bersani die besten Aussichten, das Amt des Premierministers zu erobern. Neue und alte Parteien, Politiker und Politik-Kulturen konkurrieren diesmal, und der Spitzenkandidat des Mitte-links-Bündnisses ist einer, in dessen Person sich einiges davon vereint.

Bersani stammt aus der nun so viel geschmähten, alten politischen Klasse, die in den vergangenen Jahrzehnten fast nichts vorangebracht hat. Vor 20 Jahren war der jetzt 61-Jährige schon Präsident seiner Heimatregion Emilia-Romagna, zwischen 1999 und 2006 hatte er mehrmals Ministerämter inne. Jetzt tritt er an als Mann des Fortschritts, der die Politik und die Gesellschaft, die Wirtschaft und überhaupt alles reformieren und modernisieren will.

Verschlungener Weg vom Kommunismus zur Sozialdemokratie

Bersani hat den scheidenden Premier Mario Monti bei dessen Reformen im Parlament unterstützt, auch wenn ihm nicht alle Maßnahmen gefallen haben und die Anhänger der PD protestierten. Aus Verantwortung für Italien habe er das getan, sagt Bersani an diesem Abend in Neapel, wie er es schon oft vorher gesagt hat. Bersani handelte damals nicht zum kurzfristigen eigenen Vorteil; so ein Verhalten ist für die "alte" Politik in Italien nicht gerade typisch.

Auch Bersani ist einen großen Teil des verschlungenen Weges gegangen, den die gesamte italienische Linke vom Kommunismus zur Sozialdemokratie zurücklegte. Als er 2009 Vorsitzender der Partito Democratico (PD) wurde, hatte die Partei in ihren ersten beiden Lebensjahren schon zwei andere Chefs verschlissen. Und noch immer konkurrieren in der PD diverse Strömungen, aber Pierluigi Bersani hat es geschafft, sie zu stabilisieren.

Die PD ist jetzt die einzige Partei in Italien, die organisatorisch und programmatisch den Parteien gleicht, wie man sie in Deutschland kennt. Dass sie ihre Kandidaten in Urwahlen bestimmt hat, gehört zum neuen Geist, den Bersani verkörpert. Das hat ihm und der PD viele Sympathien eingebracht, weil die Kandidatenauswahl transparenter und demokratischer wurde als vom Wahlrecht vorgesehen. Doch bis er im Stichentscheid bei den für alle Bürger offenen Vorwahlen Spitzenkandidat wurde, musste Bersani einige Nehmerqualitäten zeigen.

Viele hielten ihm vor, dass er nicht seinem Konkurrenten Matteo Renzi den Vortritt ließ, dem aufmüpfigen, jungen Bürgermeister von Florenz. Ob das ein Fehler war, kann niemand beantworten. Demoskopen fanden heraus, dass Renzi attraktiver gewesen wäre für enttäuschte Berlusconi-Wähler; doch Bersani überzeugt dafür eingefleischte Sozialdemokraten mehr.