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Italiener über die Parlamentswahl:"Wir sind selbstsüchtig, dumm und stumpf geworden"

Nach den Parlamentswahlen in Italien

Silvio Berlusconis Partei Forza Italia wollte ein Bündnis der Mitte schmieden - doch sie geht als Verlierer aus der Wahl hervor. Dazu passend: dieses zerrissene Wahlplakat in Rom .

(Foto: dpa)

Italiens Parlamentswahl hat die Populisten im Land gestärkt und die politische Landschaft stärker verändert, als viele es erwartet haben. Wie Italiener über das Ergebnis denken.

Die Italiener haben ein neues Parlament gewählt. Sie haben die Mitte geschwächt und die Extreme gestärkt: Die Populisten der Fünf-Sterne-Bewegung sind die großen Gewinner der Wahlen. Wofür die Protestpartei politisch steht, weiß keiner so genau. Auch die rechtsextreme Lega schneidet deutlich besser ab als erwartet. Keiner der drei größen Blöcke - Mitte-links, Mitte-rechts, die Fünf-Sterne-Bewegung - hat eine Mehrheit. Stattdessen könnte es ein Bündnis aus Populisten und Rechtsextremen geben. Wie bewerten Italiener das Wahlergebnis?

Pierpaolo Palmisano, 44, Angestellter aus Mailand: Stellen Sie sich ein Boot mit einem riesigen Leck vor, das während eines Sturms auf dem offenen Meer treibt - und Sie säßen darin. So ungefähr ist gerade die Stimmung in Italien. Ich finde es ziemlich beunruhigend, dass das Land nach rechts abdriftet. Die Lega ist die schlimmste Partei, die wir jemals hatten. Ihr Erfolg fußt auf einer Kampagne von Ignoranz, Intoleranz und Rassismus. Er zeigt, wie den Italienern andere Menschen egal geworden sind. Sie denken nur noch an sich selbst. Wir waren einmal ein wohlwollendes Volk, aber wir sind selbstsüchtig, dumm und stumpf geworden. Ich habe Più Europa gewählt, weil sie für Bürgerrechte steht. Aber so richtig glücklich bin ich darüber nicht, weil die Partei eine Koalition mit dem Partito Democratico eingehen würde - einer angeblich linken Partei, die aus meiner Sicht eher rechts ist. In der Fünf-Sterne-Bewegung findet man sämtliche Strömungen wieder, aber immerhin haben die Leute eine klare Idee, wie sie die politische Klasse verändern wollen. Doch wer weiß, ob sie die überhaupt realisieren. Was nun passieren wird, kann ich wirklich nicht sagen.

Francesca Serra, 38, Angestellte aus Cagliari (Sardinien): In Italien gibt es eine große Unsicherheit. Ich hoffe auf einen Wandel, deshalb habe ich rechts gewählt. Ich konnte allerdings nicht für Silvio (Berlusconi; Anm. d. Red.) stimmen - er hatte seine Chance - und auch nicht für Matteo Salvini von der rechten Lega. Er ist kritisch gegenüber uns Insel-Menschen. Deshalb habe ich Giorgia Meloni und die Fratelli d'Italia gewählt. Zwei Parteien haben bei der Wahl gewonnen: die Fünf-Sterne-Bewegung, weil die Italiener unzufrieden mit dem Partito Democratico sind, und die Lega, weil viele Migranten ins Land gekommen sind. Eine Regierung mit den Fünf Sternen und den Rechten könnte Gutes bewirken. Die Leute von den Fünf Sternen können gut reden, die Rechten können analysieren und führen. Manches könnte sich also verbessern.

L. S., 40, Anwalt aus Padua: Ich bin zutiefst erschüttert über das Wahlergebnis. Ich dachte, dass die Seele der Moderaten standhalten würde - doch ich lag falsch. Zur Zeit ist das Land geteilt: Der Süden hat hauptsächlich die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt, in der Hoffnung, dass sie ihre Wahlversprechen umsetzt. Der Norden hat hingegen die Lega gewählt, aus Angst vor einer Invasion der Migranten, von denen in letzter Zeit ohnehin weniger kamen. Meine Stimme ging an eine moderate Partei, nämlich den Partito Democratico, weil sein Programm realistische Wahlversprechen enthielt. Das Volk scheint zu glauben, dass diese neuen Kräfte Veränderung bringen werden. Doch dieser Wandel wird sicherlich nicht eintreten, denn was sie versprechen, ist nicht zu realisieren.

Giacomo Aghina, 47, wohnt derzeit in Madrid: Das Ergebnis war so wie erwartet. Ich hätte aber gedacht, dass Berlusconi besser als die Lega abschneidet. Fast alle erfolgreichen Parteien, vor allem Fünf Sterne und Lega, sammelten Stimmen von Bürgern, die aus verschiedenen Gründen enttäuscht sind. Es ist auch der Protest gegen die "Casta" der Politiker und der traditionellen Machthaber, besonders im Süden. Die Italiener erkennen nicht, dass die Stabilität der Regierungen der vergangenen fünf Jahre gut für die wirtschaftliche Situation war. Die Mittelklasse ist in einer schwierigen Situation, vor allem wegen des Mangels an Arbeitsangeboten. Die Unternehmer haben nicht mehr die alte, starke Arbeitsethik: Sie verkaufen lieber ihre Firmen, als zu reinvestieren. Ich habe nicht gewählt, weil ich zu lange im Ausland gelebt habe. Emotional habe ich mich von Italien entfernt und frage mich nun, wohin die Dekadenz der letzten 20 Jahre das Land bringt. Ich sehe, dass das Scheitern der Politik unaufhaltsam in den Alltag der Gesellschaft einfließt. Der Partito Democratico hatte so viele innere Kämpfe, dass ich keine Lust mehr hatte, ihn zu wählen.

© sz.de/fued/ghe

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