Italien Sternschmelze

In Verruf geraten: Der Präsident des Kommunalrates der italienischen Hauptstadt Rom, Marcello De Vito (oben), soll bestechlich sein. Auch Bürgermeisterin Virginia Raggi steht in der Kritik.

(Foto: Giuseppe Lami/dpa)

Ein ranghoher Politiker der Partei Cinque Stelle muss sich wegen Korruptionsverdachts verantworten.

Von Oliver Meiler, Rom

Im Nachhinein klingen die Bekenntnisse wie grotesker Hohn, selbst für die Standards der italienischen Politik. Als Marcello De Vito vor drei Jahren für den römischen Gemeinderat kandidierte, sagte er in seinem Wahlspot: "Wir haben nun endlich die Möglichkeit, mit der Verschwendung und der Korruption aufzuräumen, von denen die Linke und die Rechte über all die Jahre gelebt haben, auf dem Buckel der Bürger Roms." Mit "wir" waren die Cinque Stelle gemeint, seine Partei. De Vito galt immer als "ortodosso" der systemkritischen Bewegung, als Anhänger also jenes ursprünglichen und unbeugsamen Flügels, der sich für eine neue Kultur der Ehrlichkeit und Transparenz engagierte. Für die Fünf Sterne habe er sich entschieden, sagte De Vito einmal, weil er eine kleine Tochter habe, und der wolle er eine bessere Welt hinterlassen.

Nun sitzt er im Gefängnis. Die Carabinieri kamen am frühen Morgen, als der 44-jährige Präsident des römischen Gemeinderats, Jurist von Beruf, noch zuhause war. Büros wurden durchsucht, seines und andere, drei weitere Personen festgenommen. Bei allen Wirren und Skandalen, die die junge Partei umspülen: Nie zuvor musste einer ihrer Exponenten ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft wirft De Vito vor, er habe sich von Bauunternehmern bestechen lassen, angeblich mit über hunderttausend Euro. De Vito soll dafür gesorgt haben, dass deren Geschäfte begünstigt wurden. Er saß im Zentrum der Macht, eng vernetzt mit allem und allen. In der städtischen Hierarchie steht nur die Bürgermeisterin, Parteikollegin Virginia Raggi, noch höher als der Vorsitzende des Gemeindeparlaments. Sie wusste offenbar nichts von De Vitos Doppelleben.

Besonders aktiv war er beim viel diskutierten und oft schon verschobenen Bauprojekt eines neuen Fußballstadions für den Stadtverein AS Roma. Früher waren die Cinque Stelle immer dagegen. Seit sie an der Macht sind, sind sie für den Bau. De Vito stand unter anderem dem Unternehmer Luca Parnasi "zu Diensten", wie die Ermittler es nennen. Parnasi gehört das große Stück Land in Tor di Valle im Süden der Stadt, wo das Stadion dereinst entstehen soll. Seine schmierigen Dienste offerierte De Vito angeblich auch für den Bau eines Hotels in Trastevere und für die Aufwertung der "Mercati Generali", Roms verlassenen Großmarkt.

Die Staatsanwaltschaft nannte ihre Operation "Astronomische Konjunktion", und dieser Codename aus der Sternkunde nahm nicht nur die politische Verortung De Vitos auf, sondern auch den Inhalt eines abgehörten Telefongesprächs zwischen dem Politiker und einem Anwalt, seinem Verbündeten. Es fand erst kürzlich statt und handelte von der idealen Sternkonstellation für die beiden. "Marce'", sagte der Anwalt darin, "wir müssen diese Situation ausnützen, schau, ich glaube, uns bleiben noch zwei Jahre."

In zwei Jahren wird in Rom neu gewählt, so die Regierung nicht schon vorher stürzt. Die linke Opposition fordert Raggi nun zum Rücktritt auf, doch die Bürgermeisterin gibt sich kämpferisch. De Vito war zwar die Nummer 2 im Campidoglio, dem Rathaus auf dem Kapitolshügel. Doch innerhalb der Partei waren die beiden Rivalen. De Vito wäre selber gerne Bürgermeister geworden, er hatte es 2013 schon einmal versucht. Dennoch bleibt die Affäre auch an Bürgermeisterin Raggi hängen. Sie nährt den Unmut vieler Römer über ihre katastrophale Amtsführung in den vergangenen drei Jahren.

Und da alles, was in Rom passiert, ins Land strahlt, trifft der Fall auch die nationale Parteiführung. Luigi Di Maio, Vizepremier und "Capo politico" der Fünf Sterne, schrieb einen langen Post auf Facebook, kaum war De Vito verhaftet worden. "Was wir da erfahren, ist nicht nur gravierend, sondern schändlich und moralisch niederträchtig", schreibt Di Maio. Er habe De Vito bereits aus der Partei ausgeschlossen und trage dafür die volle Verantwortung. "De Vito kann und muss sich im Gericht verteidigen, aber er wird das weit weg von den Cinque Stelle tun."

Soweit der Wunsch Di Maios. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Wähler die Korruptionsaffäre als Beweis dafür sehen werden, dass die Cinque Stelle am Ende nicht besser sind als die anderen Parteien - nicht sauberer und auch nicht ehrlicher. Das zeigt sich auch in den Umfragen: Neuerdings stehen die Sozialdemokraten, die man schon für tot erklärt hatte, wieder vor der Fünf-Sterne-Bewegung. Nur knapp zwar und doch spektakulär. Vor einem Jahr noch waren die Cinque Stelle fast doppelt so stark gewesen wie der Partito Democratico.