Italien Stadion und Staat

Italien lebt, kämpft und stirbt für den Fußball. Das Land ist besessen von - und geeint durch den Sport. Doch plötzlich werden Rechtsextreme und ihre Gewalt zum Problem. Allerdings nicht für die Regierung.

Von Oliver Meiler

Es soll Italiener geben, die sich nicht für Fußball interessieren. Viele sind es allerdings nicht. Mit seinen Ritualen durchdringt und belärmt Fußball das komplette Leben: Italien schaut Fußball, spielt Fußball, spricht über Fußball, wettet auf Fußball, streitet über Fußball, leidet am Fußball. Ständig. Jeder weiß von jedem, welchem Verein er anhängt. Man weiß das auch von jedem Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Großunternehmer. Wer sehr viel Geld hat, kauft sich einen Klub. Silvio Berlusconi brachte es so bis an die Spitze der Macht.

Nord- und Süditalien wird, sagen Zyniker, allein vom Fußball vereint. Es ist das Spiel aller, "il gioco di tutti", die große Ersatzreligion. Und vielleicht ist die Welt des Calcio gerade deshalb archaisch geblieben. Spiele sind wie Stammesfehden und Glaubenskriege. Während sich die Stadien in anderen Ländern mittlerweile zivilisiert wie Theatersäle anfühlen, sind italienische Arenen noch rotzig aufgeladene Kampfbühnen. Immer nahe an der Explosion, immer ein bisschen gefährlich. Wenn man ins römische Olympiastadion will, muss man drei, vier Leibesvisitationen erdulden.

In den Kurven der Ultras, der harten Fans, die sich untereinander gerne "Krieger" nennen, herrscht die extreme Rechte, und zwar fast überall. Man sieht es an den faschistischen Insignien, an den Tattoos mit Adlern und Kreuzen, an der einschlägigen Mode, den rasierten Schädeln. Man hört es auch an den Chören, an den gebrüllten Affenlauten gegen afrikanische Spieler. Außerparlamentarische Gruppen haben die Kurven unterwandert. In manchen Städten sind die Ultras so mächtig geworden, dass sie ihre Vereine erpressen können. Zufrieden sind sie nur, wenn sie Gratiskarten, Reisetickets und Lizenzen für den Verkauf von Fanartikeln erhalten. Sonst drohen sie mit Gewalt. Spieler, Klubpräsidenten, Verbandsleute, Polizisten: Alle fürchten die kriminellen Banden.

Seit zwanzig Jahren geht das schon so. Manchmal empört sich das Land, wie jetzt wieder, nach den lauten rassistischen Chören gegen den senegalesischen Spieler Kalidou Koulibaly am Stephanstag im Mailänder Stadion und den tödlichen Ausschreitungen kurz davor. Dann heißt es, Italien brauche "eine Margaret Thatcher", jemanden also, der die Hooligans in die Knie zwinge, wie das die britische Premierministerin mit den Bergleuten getan habe.

Der italienische Staat bekommt das Problem nicht in den Griff. Kann er nicht? Oder will er nicht? In Italien gibt es 45 000 Hooligans, organisiert in 450 Gruppen. Man kennt sie. Die Zeitungen zeigen regelmäßig ihre geografische Verortung auf Landkarten und ihre politische Gesinnung. Der Ultra aus Varese, der vor dem Spiel Inter Mailand gegen Neapel umgekommen ist, gehörte der Neonazi-Gruppe "Blood & Honour" an.

Nur einige Tage vor dem schändlichen Spiel hatte sich Matteo Salvini, der rechteste Innenminister seit Gedenken und angefressene Anhänger des AC Milan, mit einer Abordnung von Ultras seines Leibvereins getroffen. Für Selfies. Er nannte sie "Gente perbene", anständige Leute. Stadionsperren wegen rassistischer Chöre? Findet Salvini falsch. Von wegen Margaret Thatcher: Italien wird ja bereits regiert - von einem politischen Ultra.