Italien Spionagezentrale in Rom ausgehoben

Die italienische Polizei durchsucht die mutmaßliche Spionagezentrale in Rom.

(Foto: REUTERS)
  • Italienische Ermittler haben eine Spionagezentrale ausgehoben. Von dort aus sollen Wirtschaftsvertreter und Politiker überwacht worden sein.
  • Die Hauptverdächtigen sind ein Geschwisterpaar, das in Rom und London lebte.
  • Ob sie aus wirtschaftlichen Gründen handelten oder Teil eines Netzwerks waren, ist noch unklar.
Von Moritz Matzner

Ein graues Garagentor in Rom, dahinter ein Raum ohne Fenster, unverputzte Wände, ein grauer Boden und: Server, Computer, Umzugskartons voll mit vertraulichen Dokumenten. Das Lager soll die Zentrale eines Spionageduos sein, welches das "gesamte politische System Italiens katalogisiert" haben soll, wie Ermittler der italienischen Polizei feststellten. Seit 2011 sollen die heute verhafteten Geschwister Giulio und Francesca Occhionero insgesamt 18 327 Personen erfasst haben, in mehr als 1300 Fällen waren zu den digitalen Identitäten auch Passwörter hinterlegt, die vor allem Zugang zu Mail-Accounts erlaubten. Prominentester Fall: Beim früheren Premier Matteo Renzi habe das Duo dessen Apple-Account gehackt und so Zugang zu seinem Smartphone gehabt, lautet der Vorwurf.

So erbeuteten die beiden Verdächtigen "Informationen von nationaler Sicherheit", wie es in dem Haftbefehl heißt. Das Geschwisterpaar ging dabei extrem organisiert vor, es teilte die Spionageopfer in 122 Kategorien ein. Gespeichert wurden die Daten auf einem Server in den USA, der vom FBI sichergestellt wurde.

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"Wirtschaftsrelevante Informationen" - oder Freimaurer?

Der Fokus der Geschwister Occhioneri lag dabei auf Informationen, die von "besonderem Interesse für Personen sind, die in bestimmten wirtschaftlichen Zirkeln arbeiten", wie die italienische Polizei mitteilte. War ihre Zentrale in Rom, so sollen sie auch einen Wohnsitz in London und Verbindungen in die Finanzwelt gehabt haben, Giulio Occhioneri leitete eine Investmentfirma.

Der Verdacht, dass die mutmaßlichen Täter von ihrer Aktion wirtschaftlich profitieren wollten, wird durch die Liste der Opfer erhärtet: Neben dem E-Mail-Konto des früheren Premiers Mario Monti wurden auch EZB-Chef Mario Draghi während seiner Zeit bei der italienischen Zentralbank, der ehemalige Chef der italienischen Finanzbehörden, General Saverio Capolupo, und verschiedene Banker ausspioniert.

Der Agentur Bloomberg zufolge sollen die Verdächtigen versucht haben, auch bei der Europäischen Zentralbank Zugang zu vertraulichen Daten zu bekommen. Im Haftbefehl wird die EZB jedoch offenbar nicht genannt. In der EZB wollte man den Vorfall nicht kommentieren.

Laut den Ermittlern fingen die Geschwister zumindest teilweise sensible Informationen ab, die dann zu Dossiers verarbeitet wurden. So waren sie in der Lage, die Aktivitäten mehrerer italienischer Ministerien, der italienischen Zentralbank und zahlreicher Unternehmen nachzuverfolgen.

Gleichzeitig ist in dem richterlichen Haftbefehl zu lesen, dass Mario Occhionero Mitglied bei der größten Freimaurergruppe Italiens ist, der Grande Oriente d'Italia. Auch andere Mitglieder der Gruppe wurden überwacht. Wie aus aufgezeichneten Unterhaltungen hervorgeht, befand Occhioneri sich in einem internen Machtkampf - Durch die Spionageaktivitäten hätte er belastendes Material sammeln können, um sich innerhalb der Gruppe einen Vorteil zu verschaffen.

Ob die Informationen also aus rein wirtschaftlichen oder aber politischen Beweggründen beschafft wurden, muss noch geklärt werden. Genauso steht nach den Verbindungen zu den Freimauren die Frage im Raum, ob die Geschwister isoliert oder als Mitglieder einer größeren Organisation handelten. Hinweise darauf, dass die Loge hinter den Aktivitäten des Geschwisterpaars steckt, gibt es allerdings keine. Dennoch weckt die Entdeckung böse Erinnerungen: 1981 wurde bekannt, dass ein ehemaliges Freimaurernetzwerk unter dem Namen Propaganda Due (P2) die italienische Politik infiltriert hatte.

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