Süddeutsche Zeitung

Italien:Schwarm  gegen rechts

Die junge italienische Protestbewegung der "Sardinen" füllt in Rom am Samstag die Piazza di San Giovanni mit der Forderung nach einer Politik ohne Gewalt.

Zehntausende Menschen sind am Samstag in Rom gegen Rechtspopulismus auf die Straße gegangen. Die Kundgebung auf der Piazza di San Giovanni war der bisherige Höhepunkt der sogenannten "Sardinen"-Bewegung, die vor einem Monat in Italien als Protest gegen die Rechtspartei Lega entstanden war. Die Organisatoren gaben die Teilnehmerzahl mit "mehr als 100 000" an. Die Polizei sprach laut italienischen Medien von "rund 35 000".

Kleine Fische, große Fische, Sardinen aus Pappe oder aus Schaumgummi, weiß, rot, blau, gelb oder regenbogenfarben - auf der Piazza di San Giovanni in Rom ging es am Samstag bunt zu. Der Platz vor der Papstbasilika war überfüllt, und über dem Menschenmeer wogte als Symbol ein Fischlein. Immer wieder ertönte aus Tausenden Kehlen "Bella Ciao", das Lied der Partisanen im Zweiten Weltkrieg, das sich die verschiedensten Protestbewegungen in Europa angeeignet haben - und nun auch die Sardinen. "Die Idee war, den Platz zu füllen, und ich würde sagen, das Ziel ist erreicht", sagte Mattia Santori, ein 32-jähriger Wirtschaftswissenschaftler und Sportlehrer aus Bologna und einer der Gründer der Bewegung. Er verortet die Sardinen irgendwo auf der linken Seite, versichert aber, dass sie keine Politik im herkömmlichen Sinne machen wollten. Eine Partei wie einst die "Fünf Sterne" soll nicht daraus werden. "Wir hoffen, dass die Gewalt aus der politischen Sprache verschwindet", sagte Santori.

Matteo Salvinis Lega ist in Umfragen derzeit die stärkste Partei in Italien

Die Sardinen hatten sich am 14. November als Flashmob in Bologna gebildet, als der Chef der rechten Lega, Matteo Salvini, dort eine Wahlkampfkundgebung abhielt. Sie richtet sich nach den Worten ihrer Urheber gegen Intoleranz, Nationalismus und Rechtsextremismus. Nach Aussage Santoris gab es am Samstag auch Kundgebungen in 25 anderen Städten. Am Sonntag beschlossen 160 Vertreter der Sardinen, dass sie weiterdemonstrieren wollen, um eine Alternative zur "Bestie des Souveränismus" und zu den "leichten Versprechungen des simplen Denkens" zu bieten".

Matteo Salvinis Lega ist in Umfragen mit gut 30 Prozent derzeit die mit Abstand stärkste Partei in Italien. Nach dem Sieg der Rechten bei der Regionalwahl in Umbrien Ende Oktober hofft der frühere Innenminister auch auf einen Erfolg in der Region Emilia-Romagna Ende Januar, einer traditionellen Hochburg der Linken. Für Samstag hatte Salvini kurzfristig einen "No Tax Day" gegen Steuererhöhungen mit Kundgebungen in mehr als 20 Städten angesetzt. In Mailand forderte er einmal mehr landesweite Neuwahlen. Die Umfragen stehen für ihn günstig. Zusammen mit den noch weiter rechts stehenden Fratelli d'Italia und der Forza Italia von Silvio Berlusconi würde es für eine parlamentarische Mehrheit reichen. Die Sardinen wollen einen Stimmungswandel herbeiführen.

Ein deutsch-italienisches Paar hielt in Rom zwei sich küssende Pappsardinen in die Wintersonne. "Wir wollen zeigen, dass wir viel mehr sind", sagte die 29-jährige Mariam Bieber aus München, die in Rom lebt. Eigens aus Sardinien angereist war die 50-jährige Nina Pittailis: "Ich bin links, erkenne mich aber in keiner der Parteien mehr wieder." In den Tagen vor San Giovanni gab es wohlwollende Bekundungen für die Sardinen: Ex-Kommissionspräsident Romano Prodi, Ex-Regierungschef Mario Monti, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, sogar Ministerpräsident Giuseppe Conte äußerten "Sympathie".

Der italienische EU-Kommissar Paolo Gentiloni twitterte "Italien ist erwacht."

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SZ vom 16.12.2019 / dpa
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