Italien:Sturz eines Supermoralisten

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Luca Morisi (Mi.) mit Matteo Salvini in Rom 2019.

Luca Morisi (Mitte) mit Matteo Salvini in Rom 2019.

(Foto: Roberto Monaldo/Zuma Press)

Luca Morisi hat als Kommunikationschef und Spindoktor Matteo Salvini groß gemacht. Nun stürzt er über Partynächte mit Drogen - und zieht den Chef der rechten Lega mit sich in die Tiefe.

Von Oliver Meiler, Rom

Häme ist eine niedere Regung, oft wird sie befeuert von der Lust nach Revanche. Doch Luca Morisi, der gerade eine Lawine davon abbekommt, kann sich jetzt schlecht beklagen. Der Kommunikationschef, Social-Media-Guru und Spindoktor von Matteo Salvini hat in den vergangenen Jahren im Namen seines Mandanten und Freundes viele Menschen den Gehässigkeiten im Netz ausgesetzt : Migranten, politische Gegner und ganz besonders auch Drogenabhängige. Nun stürzt er selbst über Partynächte mit jungen Männern, Kokain und einer noch nicht näher genannten "flüssigen Droge" und muss sich den Vorwurf der Doppelmoral gefallen lassen muss. Und Salvini mit ihm.

Morisi, 47 Jahre alt, aus Mantua im Norden Italiens, beschrieb sich selbst einmal als "soziales Megafon". So viel Lärm machte er auf Facebook, Twitter, Instagram und Tiktok für Salvini. Dass die Anhänger den Chef der rechten Lega bald "Capitano" riefen, war Morisis Idee. Er leitete ein Büro mit zwanzig Mitarbeitern, die rund um die Uhr Posts in die Welt setzen, Dutzende jeden Tag, manchmal Hunderte: Salvini beim Essen eines Nutellabrots, Salvini im Selfie mit Fans, Salvinis jüngste Attacke gegen Seenotretter, Salvini vor einem Teller Pasta, Salvini mit einer Maschinenpistole, Salvini mit seiner Tochter, Salvini auf einem Bagger in einer Siedlung von Roma und Sinti, Salvini in Badehose, Salvini mit Rosenkranz, Salvini inmitten halbnackter Tänzerinnen im Strandclub Papeete in Milano Marittima.

Morisi nannte seine Propagandamaschine "La Bestia", sie war eine Dampfwalze. Die Gefolgschaft Salvinis wuchs auf allen Plattformen in die Millionen, und die Lega stieg von vier auf 34 Prozent in der Wählergunst, in sieben Jahren. So unsäglich dumpf und niederträchtig die "Bestia" auch war: In der Lega mochte niemand gegen Morisi aufbegehren, er machte sie so stark wie nie.

Als er nun vor ein paar Tagen bekannt gab, er trete aus "familiären Gründen" zurück, auch aus dem Sekretariat des Parteichefs, dachten zunächst alle an einen politischen Bruch: Passte ihm vielleicht nicht, dass Salvini mit Mario Draghi regiert? Missfiel ihm, dass der Chef nicht heftig genug mit den Impfgegnern flirtet? Oder umgekehrt, weil er es mit den "No Vax" zu heftig tut?

Die Carabinieri fanden auch Kokain, versteckt in Büchern

Es war alles ganz anders, profaner sozusagen. Mitte August fanden die Carabinieri im Hinterland von Verona, wo Morisi eine Wochenendwohnung besitzt, bei einer Routinekontrolle im Wagen von drei jungen rumänischen Männern einen Flacon mit einer flüssigen Droge. Die Männer sagten, Morisi habe sie ihnen verkauft. So fuhren die Carabinieri zu dessen Wohnung, durchsuchten sie und fanden auch Kokain, versteckt in Büchern.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Drogenhandels. Morisi gibt sich sehr zerknirscht und entschuldigt sich bei Salvini und der Lega. Er leide an "Lebensnöten", sagt er. Salvini verteidigt ihn. Morisi werde von den Medien fertiggemacht. "Wer wird ihm die Würde wieder zurückgeben?" Nun, was sollen da die vielen Opfer der Bestie sagen?

Dass die Geschichte gerade jetzt publik wurde, so kurz vor den Gemeindewahlen vom Wochenende, sei ja wohl kein Zufall, findet Salvini. Und tatsächlich: Warum jetzt, eineinhalb Monate nach dem Vorfall? Wahrscheinlich wäre es für Salvini lohnend, wenn er in den eigenen Parteireihen nach dem Leak suchen würde - etwa unter den Weggefährten, die seinen Politstil nie mochten, die Hetze und den Hass, das nationalistische und fremdenfeindliche Gedonner. Die zuletzt geschrumpfte Lega droht zu zerbrechen, und Salvini kämpft schon um sein politisches Überleben.

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